Expertenanhörung im Landtag Mittel gegen den Pflegenotstand: Mehr Geld – und Zeit fürs Pausenbrot

Von dpa

Personal dringend gesucht: Eine Pflegerin schiebt eine ältere Dame im Rollstuhl über einen Flur in einem Seniorenpflegeheim. Foto: dpaPersonal dringend gesucht: Eine Pflegerin schiebt eine ältere Dame im Rollstuhl über einen Flur in einem Seniorenpflegeheim. Foto: dpa

Hannover. Qualifiziertes Personal in der Pflege wird dringend gesucht. Gleichzeitig ist die Bezahlung schlecht, die Bedingungen sind hart. Welche Auswege gibt es aus dem Dilemma? Können Fachkräfte aus dem Ausland die Versorgung in deutschen Altenheimen sichern?

Wie der Arbeitsalltag von Pflegern häufig aussieht, schildert Martin Dichter den Landtagsabgeordneten gleich zu Beginn der Anhörung. Er habe auf Pflegestationen Frühstückskörbe für das Personal verteilt, sagt der Vorsitzende des Berufsverbandes für Pflegeberufe Nordwest. "Vielerorts mussten die Pflegenden in den Pausenräumen erstmal die Tische schrubben, weil dort mehrere Monate keine Pause mehr stattgefunden hatte." Eine Stulle zwischen Tür und Angel - mehr sei für die überarbeiteten Pfleger selten drin.

Wenig Zeit, schlechte Bezahlung und viel Bürokratie - im Pflegesektor liegt einiges im Argen. Gerade erst warnten Wohlfahrtsverbände, dass der Personalmangel in der ambulanten Pflege in vielen Fällen eine ausreichende Versorgung pflegebedürftiger und kranker Menschen verhindere. In ihrem Koalitionsvertrag haben SPD und CDU sich zum Ziel gesetzt, die Bedingungen zu verbessern. Darüber, wie das geschehen soll, diskutierten die Landtagsabgeordneten am Dienstag mit Vertretern von Sozialverbänden, Gewerkschaften und Betroffenen.

Oft unter Tarif bezahlt

In einem Punkt waren sich fast alle Teilnehmer einig: Die Bezahlung für Pfleger muss verbessert werden, um den Beruf attraktiver zu machen. "Niedersachsen nimmt bei der Vergütung in der Altenpflege einen Abstiegsplatz ein - das sollte sich dringend ändern", sagte Dichter. SPD und CDU wollen laut Koalitionsvertrag private Pflegedienste davon überzeugen, Altenpfleger nach Tarif zu bezahlen. Dies ist zwar in der stationären Pflege zunehmend der Fall - doch in der ambulanten Betreuung wird häufig unter Tarif bezahlt. 

Hintergrund: Für die beiden Bereiche gilt eine unterschiedliche Sozialgesetzgebung. Christoph Brauner, der Projektleiter für Pflege beim Diakonischen Werk ist, appellierte deshalb an die Landesregierung, sich im Bundesrat für eine Gesetzesänderung einzusetzen. "Wir müssen mit allen Beteiligten schauen, dass wir eine Tarifbindung bekommen." Die ambulante Pflege in Niedersachsen könne die Versorgung der Betroffenen kaum noch leisten.

Neue Kollegen verdienen mehr

"Neu eingestellte Pflegerinnen und Pfleger bekommen oft den Tarif, den sie sich ausgehandelt haben, weil die Not so groß ist", sagte Annette Klausing von der Gewerkschaft Verdi. Doch das führe zu einer Schieflage innerhalb des Betriebs: Diejenigen, die schon lange dabei sind, verdienen oft deutlich weniger als ihre neuen Kollegen.

Auch Dirk Swinke vom Sozialverband Niedersachsen unterstützte die Forderung nach einer verbesserten Bezahlung. "Aber: Wer zahlt das Ganze?" Der Kostenanstieg dürfe nicht zulasten der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gehen. Eine Refinanzierung sei die Grundlage, und dazu müsse das derzeitige Modell der Pflegekassen in eine Pflegebürgerversicherung geändert werden. Mehrere Teilnehmer verglichen die Pflegekassen mit einer Teilkaskoversicherung: Auf einem Anteil der Pflegekosten bleiben die Patienten oder ihre Angehörigen sitzen.

Zuwanderer für Personallücken?

Doch woher die verzweifelt gesuchten Pfleger nehmen? Darüber gingen die Ansichten auseinander. "Wir müssen Anstrengungen unternehmen, um Flüchtlinge für die Pflege zu gewinnen", sagte Henning Steinhoff vom Verband privater Anbieter. Hessen habe bereits eine entsprechende Beratungsstelle eingerichtet.

Auf eigens angeworbene Fachkräfte aus dem Ausland hofft dagegen Hanno Kummer vom Verband der Ersatzkassen. "Wir werden nicht umhin kommen, über gezielte Zuwanderung zu sprechen." Martin Dichter vom Berufsverband Pflege gab allerdings zu bedenken, es sei nicht sinnvoll, Menschen mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen in Pflegeberufen zu beschäftigen. Denn Kommunikation sei wichtig, damit die Patienten sich sicher und wohl fühlten.


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