Alarmierende Situation in Niedersachsen Verbände: Personalmangel führt zu Lücken bei ambulanter Pflege

Alarmierende Situation in Niedersachsen: Der anhaltende Personalmangel führt zu Lücken bei der ambulanten Pflege. Foto: dpaAlarmierende Situation in Niedersachsen: Der anhaltende Personalmangel führt zu Lücken bei der ambulanten Pflege. Foto: dpa

dpa Hannover. Wenig Zeit, schlechte Bezahlung und überbordende Bürokratie - Pflegedienste haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Umfragen in der Branche liefern alarmierende Zahlen über die Situation in Niedersachsen und setzen alle Beteiligten unter Handlungsdruck.

Akuter Personalmangel in der ambulanten Pflege verhindert Wohlfahrtsverbänden zufolge eine ausreichende Versorgung pflegebedürftiger und kranker Menschen in Niedersachsen. Es habe zuletzt vermehrt Meldungen über Ablehnungen und auch Kündigungen von Pflegeverträgen gegeben, teilte die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege am Montag mit. Von einer „dramatischen Versorgungslücke, die zu Lasten der pflegenden Angehörigen geht“ spricht die niedersächsische Landesgruppe im Verband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa).

„Wir wollen, dass pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich so selbstbestimmt wie möglich in den eigenen vier Wänden leben können“, sagte Sozialministerin Carola Reimann. Sie verfolge die Entwicklung mit Sorge, denn mehr als 70 Prozent der Pflegebedürftigen in Niedersachsen würden zu Hause gepflegt. Die SPD-Politikern sprach sich für weitere Untersuchungen zur Versorgungssituation aus. Diese sollten ihrer Meinung nach die Pflegekassen vorantreiben, die den Sicherstellungsauftrag für die pflegerische Versorgung hätten. Auch ohne wissenschaftlich repräsentativen Anspruch helfe die aktuelle Umfrage aber, die Dringlichkeit des Themas zu verdeutlichen.

Gravierende Versorgungsprobleme in der Pflege

Die Abfrage bei ambulanten Diensten hatte ergeben, dass zwischen Februar und April in rund 1700 Fällen eine Anfrage von Pflegebedürftigen abgelehnt worden sei. In 63 Fällen seien Pflegeverträge sogar gekündigt worden. Ein Viertel der 400 angefragten Dienste habe geantwortet. „Das Ergebnis war erschütternd und macht deutlich, welch gravierende Versorgungsprobleme wir in der niedersächsischen ambulanten Pflege haben“, kommentierte Ralf Selbach, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, die Zahlen, über die zunächst „NDR Hallo Niedersachsen“ berichtet hatte.

Dramatisch beschreibt auch der Verband privater Anbieter die Situation. Eine Abfrage bei Mitgliedsunternehmen habe ergeben, dass jeder Dienst pro Woche mindestens eine Anfrage ablehnen oder sogar bestehende Pflegeverträge kündigen müsse. Der Verband der Ersatzkassen in Niedersachsen verweist darauf, dass es noch nie so viele Beschäftigte in der Pflege und noch nie so viele ambulante Pflegedienste im Land gegeben habe, wie zurzeit. Gleichzeitig steige der Bedarf. Einzelnen Anbietern falle es schwer, mit der gegebenen Zahl an Pflegekräften diese Entwicklungen nachzuvollziehen.

Mehr Ausgaben für die Pflege

Zur Verbesserung der Situation habe das Sozialministerium verschiedene Maßnahmen wie etwa das Programm zur „Stärkung der ambulanten Pflege im ländlichen Raum“ gestartet, sagte Ministerin Reimann. Das Land stelle jährlich 6,2 Millionen Euro dafür bereit. Ein konkreter Ansatz seien die regionalen Tagungen „Fachkräftesicherung in der Pflege“. Dabei gehe es um die Arbeitsbelastung in den Pflegeeinrichtungen.

Bei einem Treffen der Fraktionen von SPD und CDU mit betroffenen Verbänden und Sozialpartnern am Dienstag in Hannover sollen Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag und Forderungen aus der Pflegebranche diskutiert werden. Dieses Vorgehen entspricht auch einer Forderung aus der Opposition. „Wenn Differenzen zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern dazu führen, dass alte und kranke Menschen in Niedersachsen nicht ausreichend - oder im schlimmsten Fall gar nicht - versorgt werden, ist es Aufgabe einer Landesregierung, zu vermitteln und eine Klärung herbeizuführen“, sagte Meta Janssen-Kucz, pflegepolitische Sprecherin der Grünen.