Bauern wollen Geld für Fraßschäden Gänse-Zoff in Niedersachsen: Umwelt- klagt gegen Innenministerium

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Gänse im Landkreis Aurich in Ostfriesland. Foto: dpaGänse im Landkreis Aurich in Ostfriesland. Foto: dpa

Jemgum. Gänse-Zoff in Niedersachsens Landesregierung: Umwelt- und Innenministerium streiten vor Gericht um die Kostenerstattung für Fraßschäden durch Wildgänse auf Weideflächen in Ostfriesland. Landwirt Amos Venema hatte eine entsprechende Rechnung geschrieben.

Flach ist Deutschland hier ganz im Nordwesten. Viele Kilometer reicht der Blick, der Nordseedeich ist das einzige Hindernis am Horizont. Davor grasen die Milchkühe von Landwirten wie Amos und Jan Venema auf grünen Wiesen. Doch das Idyll trügt, Gänse fressen Amos Venema den Rohstoff für die Milchproduktion weg: das Gras. Der Bauer will den Schaden ersetzt haben und hat damit einen Gänsezoff innerhalb der Landesregierung vom Zaun gebrochen.

"Sieht aus wie Wattenmeer"

Drahtkörbe stehen auf seinen Weideflächen im Rheiderland aufgebaut. Saftig grün präsentiert sich das Gras darunter. Trist ist das Bild auf dem Rest der Weide bei genauerem Hinschauen: Schwarze Flecken überall dort, wo das Gras ungeschützt ist. Gerupft, gezupft und weitgehend in kümmerlichem Zustand, dazwischen Gänsekot. „Nach dem Winter sieht das hier aus wie Wattenmeer“, sagt der Landwirt aus Jemgum.



Die Gänse waren hier. Milchbauern entlang der gesamten Nordseeküste kennen das Problem. Auf Videos hat Venema im Frühjahr festgehalten, wie Tausende Tiere auf seinen Weideflächen pausieren. Ein Naturschauspiel mit Folgen, die Venema nach eigenen Angaben das ganze Jahr über spürt: Bei der ersten Mahd fahre er etwa 50 Prozent weniger Gras ein wie früher, bei der zweiten im weiteren Jahresverlauf dann 30 Prozent weniger. Das macht sich finanziell bemerkbar, denn was die Gänse wegfressen, muss Venema an Futter hinzukaufen. Die Verluste im vergangenen Jahr beziffert er auf 2500 Tonnen, oder anders gerechnet: 70.000 Euro. „Es geht um die Existenz unseres Betriebes“, sagt der Landwirt. Tierschützer werfen ihm vor zu übertreiben.

"Nordische Gastvögel"

Von der Summe abgezogen hat er bereits Prämien, die er und andere Landwirte entlang der Nordseeküste erhalten. Seit dem Jahr 2000 bietet Niedersachsen den Bauern sogenannte Agrarumweltmaßnahmen, wenn sie ihre Weiden in den Wintermonaten den Gänsen überlassen. 25.000 Hektar sind laut Umweltministerium derzeit ausgewiesen für „nordische Gastvögel“. Dafür zahle das Land mit finanzieller Unterstützung der EU sieben Millionen Euro im Jahr.

Venema sagt, das reiche nicht mehr. Die einst bedrohten Gänsepopulationen hätten sich auch dank der Schutzmaßnahmen erholt. Besonders geschützt sind sie dennoch und deswegen darf Venema sie nicht vertreiben oder abschießen. Niedersachsen lässt derzeit nachzählen, wie viele Wildvögel in dem Bundesland rasten. Wenn die Ergebnisse vorliegen, soll ein „Gänsemanagement-Konzept“ erarbeitet werden.

Rechnung an das Land

Dem Rheiderländer Bauern dauert das alles zu lange. Er will nicht länger zusehen, wie ihm Winter für Winter die Gänse-Scharen das Einkommen schmälern. Deswegen hat er seine Schadensaufstellungen dem Staat in Rechnung gestellt. Sein Schreiben ist bei der Enteignungsbehörde eingegangen, die dem Innenministerium unterstellt ist. Venema beruft sich auf Paragraf 68 des Bundesnaturschutzgesetzes. Dort ist festgehalten: Wem „unzumutbare Belastungen“ durch den Naturschutz entstehen, dem muss der Staat eine „angemessene Entschädigung“ leisten. Venema sieht sich quasi als Gänse-Opfer. 

Die Beamten kamen zu dem Schluss: Venema hat recht, das Land muss Entschädigung leisten. Zahlen müsste das Umweltministerium. Doch das wehrt sich jetzt vor dem Verwaltungsgericht Oldenburg gegen den Beschluss. Das Ministerium spricht auf Anfrage von einer überraschenden Entscheidung der Enteignungsbehörde. Man habe Rechtsmittel eingelegt, „um aufgrund der grundsätzlichen Bedeutung für künftige Fälle eine Rechtssicherheit herzustellen“, heißt es.

Sechs Gänseklagen in Oldenburg

Wann entschieden wird, sei derzeit unklar, sagt ein Gerichtssprecher. In Oldenburg liegen sechs derartige Klagen: Mal klagen Bauern gegen das Land, mal das Umweltministerium gegen das Innenministerium. „Die Streitwerte liegen zwischen 3500 und 48.000 Euro.“ Bekommt einer der Bauern Geld, könnte das Folgen für den Landeshaushalt haben: Die gesamte Nordseeküste entlang, teilen Milchbauern die Probleme der Venemas.

 Bauer Amos sagt, die Gesellschaft solle doch einfach grundsätzlich entscheiden, was sie wolle: Eine naturnahe Milchproduktion, bei der Venema seine 170 Kühe draußen weiden lässt. Oder Rast- und Erholungsgebiete für Zugvögel. „Wir sind keine Gänsewirte, wir sind Milchviehhalter und das wollen wir auch bleiben“, sagt er. Für ihn führt kein Weg daran vorbei: Die Zahl der Gänse in Ostfriesland muss reduziert werden.  


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