Kampagne für Biomüll in Norddeutschland Nicht in die Biotonne! Kritik an kompostierbarer Plastiktüte hält an

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Auch wenn sie praktisch sind: Kompostierbare Plastiktüten gehören nicht in den Biomüll. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpaAuch wenn sie praktisch sind: Kompostierbare Plastiktüten gehören nicht in den Biomüll. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

Osnabrück. In die Biotonne gehört kein Plastikmüll: eigentlich logisch. Da sich viele Verbraucher nicht daran halten, haben 23 Abfallwirtschaftsunternehmen in Norddeutschland eine große Kampagne gestartet. Im Fokus: die kompostierbare Plastiktüte. Denn auch sie darf, entgegen der Werbung, nicht in den Biomüll.

Es scheint so einfach und hygienisch zu sein: die kompostierbare Plastiktüte für eine hygienische Aufbewahrung des Biomülls zu benutzen und diese samt Inhalt direkt in die Biotonne zu werfen. So suggerieren es die Hersteller auf den Verpackungen der Tüten. Da sifft nichts und es ist umweltfreundlich. Die Wahrheit ist nicht ganz so einfach und vor allem eines nicht: umweltfreundlich. (Quiz: Wie gut können Sie Müll trennen?)

Große Kampagne in Norddeutschland

Darauf weisen jetzt Abfallwirtschaftsunternehmen in einer großen Kampagne unter dem Motto #wirfuerbio hin. 23 Betriebe aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg wollen mithilfe von Plakaten, Radiospots, Flyern und Tonnenaufklebern darüber aufklären, dass kein Plastik in die Biotonne gehört. Auch nicht die kompostierbare Plastiktüte.

„Plastikanteile bilden noch immer den größten Störstoffanteil im Bioabfall“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Abfallwirtschaftsbetriebe. Plastiktüten müssten aufwendig aussortiert werden, das störe den biologischen und verlustfreien Energiekreislauf maßgeblich. Zerfallen die Tüten in winzige Teilchen, besteht die Gefahr, dass sie später auf den Äckern, im Grundwasser und damit schließlich in der Nahrungskette landen. „Studien haben ergeben, dass sich in einer Tonne Kompost bis zu 440.000 Mikroplastikpartikel befinden können. Die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus sind noch nicht abschließend geklärt“, heißt es weiter. (Weiterlesen: Forscher finden so viel Mikroplastik in der Arktis wie nie)

Die kompostierbaren Plastiktüten sollen indes nicht das halten, was die Hersteller versprechen: Zwar müssen sie sich laut EU-Norm nach zwölf Wochen zu mindestens 90 Prozent in Teile zersetzt haben, die kleiner als zwei Millimeter sind, und nach sechs Monaten zu 90 Prozent komplett abgebaut haben. Aber dieser Zeitraum stimmt nicht mit den Produktionszeiten der Kompostierungsanlagen überein. Die zwölf Wochen sind viel zu lang. Mittlerweile verarbeiten die Anlagen den Bioabfall innerhalb von drei bis vier Wochen, dann sind die Plastiktüten noch nicht verrottet.

Gehört nicht in den Biomüll: die kompostierbare Plastiktüte. Foto: Archiv/Sebastian Philipp

Landkreis Osnabrück verteilt Flyer

Die AWIGO, die für den Landkreis Osnabrück zuständig ist, macht ebenfalls bei der Kampagne mit. Sie wollen dafür sensibilisieren, dass Plastik nicht in die Biotonne gehört, erklärt Pressesprecherin Daniela Pommer auf Nachfrage unserer Redaktion. Denn Bedarf zur Aufklärung sieht die AWIGO vor allem auch beim Thema kompostierbare Plastiktüte, deshalb gab es bereits mehrere Kampagnen darüber in der Vergangenheit und nun die Teilnahme an #wirfuerbio. Demnächst werden im Rahmen der Kampagne Flyer an jeden Haushalt verteilt, so Pommer.

„Wir sind uns sicher, dass niemand die Biotonne absichtlich falsch befüllt, von daher setzen wir mit #wirfuerbio auf intensive Aufklärung. Allerdings muss jedem Kunden auch klar sein: Wer seine braune Tonne falsch befüllt, muss damit rechnen, dass sie stehen bleibt und nicht geleert wird“, wird AWIGO-Geschäftsführer Christian Niehaves in einer Pressemitteilung zitiert.

Landkreis Emsland will Biomüll erhöhen

Auch der Abfallwirtschaftsbetrieb Landkreis Emsland hat sich der Kampagne angeschlossen. Der Landkreis möchte die über die Biotonne gesammelten Abfälle deutlich erhöhen und erhofft sich durch die Kampagne die Menschen zu sensibilisieren, den Abfall richtig zu trennen. (Weiterlesen: Landkreis Emsland nimmt an Kampagne #wirfuerbio teil)

Wie sieht es mit Papiertüten aus?

Wer nun auf Papiertüten statt auf kompostierbare Plastiktüten setzt, sollte wissen, dass das zwar erlaubt ist, aber die Papiertüten sind zuletzt in die Kritik geraten. Laut Umweltexperten schneiden sie in Ökobilanzen nicht besser ab als Plastiktüten. Im Gegenteil: „Sie brauchen für die Papiertüte sehr lange, sehr reißfeste Zellstofffasern. Zu deren Herstellung ist sehr viel Wasser und Energie nötig, es müssen viele Chemikalien eingesetzt werden“, erklärt der Diplom-Umweltwissenschaftler Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Um dieselbe Reißfestigkeit wie eine Plastiktüte zu haben, sei für eine Papiertüte doppelt so viel Material nötig. „Was die Ressourcenverbräuche angeht, schneidet die Papiertüte schlechter ab als die Einwegplastiktüte. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Plastiktüten durch Einwegpapiertüten ersetzt werden.“ (Weiterlesen: Bioplastik boomt - Werden die Verbraucher getäuscht?)

Doch man muss nicht verzweifeln. Wer seinen Transportbehälter für Biomüll und die Biotonne reinlicher halten möchte, für den hat Daniela Pommer von der AWIGO einen Tipp: Den Boden mit Zeitungspapier auslegen, dann kleben die Speisereste nicht fest und lassen sich besser entleeren.


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