Konsequenzen aus Krankenhausmorden Nach Morden von Niels Högel fordern Pathologen mehr Obduktionen

Von dpa

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Ein Seziertisch in der Berliner Charité. Symbolfoto: imago/Olaf SelchowEin Seziertisch in der Berliner Charité. Symbolfoto: imago/Olaf Selchow

Hannover. Niedersachsen zieht Konsequenzen aus den Krankenhausmorden von Niels Högel. Viele Verbände begrüßen das bei einer Anhörung im zuständigen Landtagsausschuss. Pathologen fordern mehr Kontrollen. Zudem wollen die Abgeordneten durch Kinderarbeit entstandene Grabsteine bannen.

Bei der Aufklärung von Todesursachen könnten Stichproben durch eine unabhängige Instanz nach Ansicht von Experten Krankenhausmorde wie die des Ex-Pflegers Niels Högel verhindern helfen. Das wurde am Donnerstag bei der Verbandsanhörung zum neuen Bestattungsgesetz im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtags deutlich. Högel hatte Patienten Medikamente gespritzt, um sie zu reanimieren und dann als Held dazustehen. Laut Professor Michael Klintschar vom Institut der Rechtsmedizin der MHH werden geschätzt nur die Hälfte solcher Tötungsdelikte entdeckt.

2015 gab es nach Angaben von Professor Karl-Friedrich Bürrig vom Bundesverband Deutscher Pathologen bei 92.000 Todesfällen im Land – davon 41 000 in Hospitälern – nur 0,8 Prozent klinische Obduktionen. Bürrig betonte: „Wenn man sich eine Zahl von drei Prozent aller im Krankenhaus Verstorbener bei den Obduktionen als Ziel setzt, wäre das ein guter Anfang.“ Die Zahl der Pathologen sei in Niedersachsen mit 158 Experten zudem relativ überschaubar. Der Verband sprach sich auch für Gerichtsmediziner wie in angelsächsischen Ländern aus, die als unabhängige Instanz Stichproben vornehmen. Zudem empfahl er die Verankerung einer qualifizierten äußeren Leichenschau in dem Entwurf. Die Kommunen forderten eine Klärung der anfallenden Kosten.

Nach der Novelle muss künftig der Arzt die Staatsanwaltschaft oder Polizei informieren, wenn er Anhaltspunkte für nicht-natürliche Tode findet. Dies gilt auch bei Hinweisen auf eine pflegerische oder ärztliche Fehlbehandlung sowie auch nach einem Unfall oder Suizid. Zudem gibt es die Möglichkeit einer erweiterten inneren Leichenschau in einem rechtsmedizinischen Institut – wenn das Einverständnis der Angehörigen vorliegt. Bei Kindern, die vor ihrem sechsten Lebensjahr gestorben sind, kann der Amtsarzt eine erweiterte Leichenschau künftig auch ohne das Einverständnis der Eltern anordnen.

Keine Grabsteine mehr aus Kinderarbeit

Der Entwurf für das neue Bestattungsrecht war bereits im Landtag debattiert worden, hatte aber wegen der verkürzten Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet werden können. Sie sieht zudem wichtige Änderungen vor, die die Verwendung von Grabsteinen aus Ländern mit Kinderarbeit in den dortigen Steinbrüchen bannen soll. Zudem soll es den gesellschaftlichen Wandel in der Trauer und Bestattungskultur abbilden. Dazu gehörte in der ersten Fassung etwa das Umbetten Verstorbener oder das Verstreuen von Asche beziehungsweise die Entnahme von bis zu sechs Gramm zur Aufbewahrung in Gedenkgefäßen. (Weiterlesen: Landeskriminalamt NRW baut Datenbank für Cold Cases auf)

Während sich die Vertreter der Religionsgemeinschaften erneut dagegen aussprachen, befürwortete es der Humanistische Verband Niedersachsen ausdrücklich. Ein Drittel der Menschen in dem Land gehöre keiner religiösen Gemeinschaft an und wünsche sich alternative Bestattungsformen. Zustimmung gab es dafür auch von der FDP und dem Bundesverband Deutscher Bestatter, der die Debatte über die Entnahme der Asche von Verstorbenen begrüßte. Vielfach seien Angehörige heute deswegen auf Umwege ins europäische Ausland angewiesen.

Der Krankenpfleger Niels Högel hatte an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Patienten gefährliche Medikamente gespritzt. Viele überlebten dies nicht. Wegen des Todes von sechs Patienten hatte das Landgericht Oldenburg den Ex-Pfleger bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Er wird sich in einem weiteren Prozess wegen Mordes an 97 Patienten verantworten müssen.


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