Bei Freigang in Delmenhorst Lingener Häftling missbraucht Therapeutin: Land verschärft Ausgangsregeln

Von Lorena Dreusicke

Ob ein Gefangener für kurze Zeit das Gefängnis verlassen darf, entscheidet in Niedersachsen nun auch eine Konferenz der Betreuer. Die Regel wurde eingeführt, nachdem ein Freigänger der JVA Lingen seine Begleiterin vergewaltigt hat. Symbolfoto: dpaOb ein Gefangener für kurze Zeit das Gefängnis verlassen darf, entscheidet in Niedersachsen nun auch eine Konferenz der Betreuer. Die Regel wurde eingeführt, nachdem ein Freigänger der JVA Lingen seine Begleiterin vergewaltigt hat. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Ein Strafgefangener der JVA Lingen vergewaltigt im Oktober 2017 während seines Freigangs in Delmenhorst die ihn begleitende Therapeutin und bringt sich anschließend um. Das niedersächsische Justizministerium hat keine Verfahrensfehler festgestellt. Dennoch verschärfte es als Folgerung landesweit die Ausgangsregeln für Gewalt- und Sexualstraftäter.

Die Justizvollzugsanstalt Lingen verfügt über die landesweit größte Sozialtherapie-Abteilung. Besonders Sexualstraftäter werden dort vermehrt behandelt. Einer von ihnen war der 27-Jährige, der für ein Sexualdelikt, das er in Spanien begangen hatte, zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Seit 2014 saß er ein, im Sommer dieses Jahres sollte er entlassen werden. Am 16. Oktober 2017 wurde ihm Freigang gewährt. Der Mann gab vor, seine Familie in Delmenhorst besuchen zu wollen und machte sich in Begleitung einer Therapeutin der JVA Lingen auf den Weg dorthin. Jedoch stand das Haus in der Nähe von Bremen leer. Es wurde zum Tatort. Der Häftling vergewaltigte die Begleiterin und nahm sich danach das Leben.

50 Mal war dem Mann zuvor begleiteter Ausgang gewährt worden. Einige Male war er mit besagter Therapeutin unterwegs. Nie gab es etwas zu beanstanden, versichert das niedersächsische Justizministerium. Nun, mehrere Monate später, haben die beteiligten Behörden den Vorfall aufgearbeitet. Nach Angaben des Justizministeriums sind alle Vorsorgemaßnahmen fehlerfrei abgelaufen. Keine Versäumnisse seien aufgefallen.

Vorsorgemaßnahmen ausgeweitet

Dennoch führte der Fall zu einer Veränderung im Betriebsablauf: Seit dem Vorfall bereitet in niedersächsischen Vollzugsanstalten eine Konferenz der engsten Betreuer nicht nur den Ausgang von Sicherungsverwahrten vor, sondern auch den Ausgang von Gefangenen, die wegen schwerer Gewalt- oder Sexualstraftaten einsitzen. Zu der Gruppe gehören je nach Einzelfall Sozialarbeiter, Psychologen, Arbeitsaufseher, Stationsbedienstete sowie die Abteilungs- und Anstaltsleiter, erklärte ein Sprecher des Justizministeriums unserer Redaktion. Sie sollen entscheiden, ob und wie Freigang gewährt wird, also auch wie die Bedingungen der Begleitung aussehen. In der gemeinsamen Besprechung könne jeder Beteiligte seine Eindrücke von dem Gefangenen einbringen, alle Argumente für und gegen eine Haftlockerung würden gehört.

Die Konferenz ist aber nur eine der Entscheidungsebenen. Ob die Verfassung eines Häftlings eine Vollzugslockerung – also zum Beispiel Freigang – erlaubt, beantwortet in Niedersachsen ein Verfahren zur Eignungsfeststellung. Der Niedersächsische Justizvollzug stellt dem Häftling eine Prognose aus. Irrtümer sind nicht ausgeschlossen. „Grundsätzlich gilt, dass Prognosen immer mit einem Unsicherheitsfaktor versehen sind“, sagt der Sprecher des Justizministeriums, „auch wenn die Prognose auf der Grundlage des aktuellen wissenschaftlichen Stands erstellt wurde.“

Gutachten und Therapieweise mängelfrei

Im vorliegenden Fall hätte auf dem Papier nichts gegen einen Freigang des 27-Jährigen gesprochen. Sein Gutachten, das von Ende März 2017 stammt, sei nicht zu beanstanden gewesen und „in sich widerspruchsfrei“, so der Sprecher. Auch die sozialtherapeutische Behandlungsstruktur in der JVA Lingen wurde nach dem Vorfall überprüft. Das Ergebnis: „Das therapeutische Konzept der Abteilung folgt den anerkannten Regeln wirksamer Straftäterbehandlung.“

Dass Freigänger straffällig werden, sei sowieso die Ausnahme. 2017 kam es dem Ministerium zufolge bei rund 13.000 Freigängen nur bei sechs nachweislich zu einer Straftat. Doch für die Bediensteten in der JVA sind solche Ereignisse zusätzlich belastend. Ende Oktober hatte das Justizministerium deshalb neun Spezialisten als Kriseninterventionsteam in die JVA Lingen geschickt. „Krisenintervention ist eine psychosoziale Akuthilfe“, erklärt der Sprecher. Neben Einzel- und Gruppengesprächen habe es für alle Bediensteten der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Lingen auch ein „Debriefing“ gegeben. Es unterstütze eine gesunde Verarbeitung verstörender Ereignisse, sodass posttraumatischen Belastungsstörungen vorgebeugt wird.

Ob die betroffene Therapeutin der JVA Lingen – die als erfahrene und qualifizierte Kraft gilt – mittlerweile wieder im Dienst ist, verschweigt das Ministerium mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte der Frau.

(Mit dpa)


Warum Häftlinge Freigänge absolvieren dürfen

Laut dem Justizministerium stellen begleitete Ausgänge für Strafgefangene in der Regel die erste spürbar gelockerte Vollzugsöffnung dar. Im Gegensatz zu Ausführungen, bei denen Vollzugsbedienstete den Gefangenen begleiten, um ihn an Flucht oder Missbrauch zu hindern, dienen Ausgänge zuvorderst der Unterstützung der Gefangenen. Je nach Einzelfall gehören sie auch zur Behandlungsstrategie. Denn die Beobachtungen der Begleitpersonen während des Freigangs können nützlich sein für die weitere Sozialtherapie des Häftlings.