Immer weniger Halter und Tiere Bürokratie und Wölfe vergrämen Schafzüchter

Von Norbert Meyer

Werden seltener in Niedersachsen: frischgeborene Lämmer auf einer Weide. Foto: dpaWerden seltener in Niedersachsen: frischgeborene Lämmer auf einer Weide. Foto: dpa

Oldenburg. Grüne Wiesen, eine Küste und Deiche auch entlang von Ems, Weser und Elbe: eigentlich ist Niedersachsen wie gemacht für die Zucht von Schafen. Doch seit zehn Jahren nimmt die Zahl der Halter wie der Tiere rapide ab. Ein Grund dafür ist die Ausbreitung der Wölfe.

Wer zu Ostern einen Lammbraten essen will, muss auch deshalb mehr zahlen als vor einem Jahr. Das teilte der Marktexperte der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen, Albert Hortmann-Scholten, unserer Redaktion auf Anfrage mit. Die Preise für Schlachtlämmer bewegen sich nach seinen Angaben derzeit zwischen 2,40 und 2,60 Euro pro Kilo Lebendgewicht einschließlich Mehrwertsteuer.

Diese Werte interessieren Erzeuger. Verbraucher zahlen für ausgelöste Bratenstücke regionaler Herkunft deutlich mehr, zum Beispiel pro Kilo annähernd 25 Euro im Hofladen eines Bio-Zuchtbetriebs im nördlichen Münsterland oder fast 20 Euro für 1000 Gramm Lammkeule bei einem etablierten Fleischstand auf dem Osnabrücker Wochenmarkt.

60 000 Tiere weniger als vor zehn Jahren

 

Dennoch rechnet sich die Schafzucht für immer weniger Halter. 11 900 solcher Betriebe gibt es laut LWK noch in Niedersachsen. Das bedeutet einen Rückgang um 15 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Bundesweit sank die Zahl der Berufsschäfer in den letzten sieben Jahren um 13 Prozent. Auf Niedersachsens Weiden und in den Ställen stehen aktuell etwa 230 000 Lämmer und Schafe. Vor zehn Jahren waren es noch rund 60 000 Tiere mehr.

 

Im vergangenen Jahr gab es landesweit 130 bestätigte Übergriffe von Wölfen mit mehr als 350 gerissenen Weidetieren. „Die Ansiedlung des Wolfs gefährdet den Berufsstand des Schäfers“, erklärt LWK-Experte Hortmann-Scholten. Die Aufzucht der Tiere sei arbeitsintensiv, im Jahr kämen rund 3500 Arbeitsstunden zusammen. Neben den Problemen mit den Wölfen zählt der Fachmann weitere Gründe auf, die die heimische Schafhaltung erschweren. Den Wegfall der Mutterschafprämie im Jahr 2005 zum Beispiel, während in anderen EU-Staaten „immer noch gekoppelte Prämien an die Schafhalter gezahlt“ würden.

Nur noch zu 44 Prozent Selbstversorgung

Andere Probleme für Schäfer sind laut LWK die wachsende Flächenkonkurrenz und die Bürokratie. So gebe es seit 2010 bei Schafen – anders als bei Rindern oder Schweinen – die Vorschrift, dass erwachsene Tiere per Mikrochip elektronische gekennzeichnet werden müssen. Dies sei „sehr teuer“, betont die Kammer, die zugleich darauf hinweist, dass die Schafzucht in Niedersachsen „ein Beispiel für artgerechte und umweltschonende Tierhaltung“ abgibt. Zudem garantiere die amtliche Kennzeichnung aller verkauften Lämmer einen lückenlosen Herkunftsnachweis der Tiere.

Die Konkurrenz schläft derweil nicht. Wie die Zahl der hiesigen Schafzüchter und ihrer Tiere sinkt auch der Grad der Selbstversorgung mit Schaf- und Lammfleisch seit Jahren, obwohl mit der Flüchtlingswelle viele muslimische Käufer ins Land gekommen sind. Gegenwärtig liegt der Selbstversorgungsgrad bundesweit bei 44 Prozent, die LWK rechnet mit einem baldigen Absinken unter die 40-Prozent-Schwelle. Viele Verbraucher greifen deshalb auch vor Ostern bei Lammfleisch zu tiefgekühlten Importen, die nach Daten der EU-Kommission und der LWK europaweit zu gut 86 Prozent aus Neuseeland und zu 9,2 Prozent aus Australien kommen. Aber auch Frischware kommt mittlerweile vom anderen Ende der Erde. Ein großer Discounter in Norddeutschland bietet aktuell mariniertes neuseeländisches Lammfilet für knapp 28 Euro je Kilo an.