Branche durchzieht ein Graben Landwirtschaft: Wachstum oder gesund schrumpfen?

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Bösel/Klostermoor. Welchen Weg soll die Landwirtschaft in Deutschland gehen? Weiter wachsen oder doch gesund schrumpfen? Nicht nur die Parteien sind darüber uneins. Auch durch die Agrarbranche geht ein Graben.

Ewald Drebing ist der Typ Macher: groß gewachsen, energisches Auftreten – er könnte ohne Weiteres Manager eines Autokonzerns sein. Tatsächlich ist er aber Vorsitzender der Geschäftsführung bei Deutschlands Marktführer in Sachen Puten: der Moorgut Kartzfehn von Kameke GmbH . Rund 30 Millionen Eier und 20 Millionen Küken „produziert, nein erzeugt“, das Unternehmen aus dem Kreis Cloppenburg pro Jahr, wie Drebing sagt und sich dabei selbst korrigiert.

Nicht einmal 50 Kilometer sind es von seinem Büro bis zum Bauernhof von Ottmar Ilchmann in Klostermoor, Landkreis Leer. Und dennoch trennen die beiden Männer Welten. Der eine managt ein großes Putenzuchtunternehmen, der andere treibt seine Kühe noch täglich selbst auf die Weide. Ilchmann sagt, er mache vieles anders als die meisten seiner Kollegen, aber dennoch sei sein Betrieb konventionell. „Der Landwirt muss auf seinem eigenen Hof das Sagen haben“, findet der Ostfriese, der in Niedersachsen der „ Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft “ vorsteht. Ein Zusammenschluss von Bauern, die eine Umkehr fordern. „Wir müssen die Intensivierung der Landwirtschaft stoppen, sonst erschlagen uns irgendwann die Probleme“, sagt Ilchmann. Flächenfraß, Tierseuchen, verschmutztes Grundwasser: Das sind die Probleme, die er meint.

Der Putenerzeuger Kartzfehn ist ein gutes Beispiel für die Intensivierung: Bundesweit werden die Putenställe mit Tieren besetzt, die in Cloppenburg oder dem zweiten Standort Neuruppin groß geworden sind. 60 Millionen Euro Umsatz erzielt das Unternehmen im Jahr, sagt Drebing. Heute will er aber nicht nur über Kartzfehn sprechen, sondern über die Zukunft der Geflügelbranche als solche. Drebing ist stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbandes Niedersächsische Geflügelwirtschaft – ein Zusammenschluss von Bauern und Unternehmen aus diesem Bereich. Er spricht auch deswegen für seinen Verband, weil der Vorsitzende derzeit nichts sagt. Er lässt sein Amt ruhen, weil gegen ihn im Zuge des Eier-Skandals ermittelt wird. Wie Hunderte andere Berufskollegen auch, soll er zu viele Legehennen in einem Stall gehalten haben.

Also sagt Drebing stellvertretend für die Geflügelwirtschaft: „Es ist ein stetiger Verbesserungsprozess, vergleichbar mit der Autoindustrie. Vor 20 Jahren gab es in fast keinem Auto Airbags. Heute ist es Standard. Auch wir als konventionelle Landwirtschaft haben uns in den letzten Jahren weiterentwickelt.“

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mit Ottmar Ilchmann an der Spitze gehört zu den schärfsten Kritikern der Massentierhaltung. Manchmal würden die rund 400 Mitglieder als Romantiker verspottet, erzählt der Ostfriese. Aber das sei Unsinn. Auch er wolle von seinen 65 Hektar Land und 60 Kühen leben. „Und das klappt auch.“ Er halte aber nichts vom Leitsatz „Wachsen oder Weichen“. „Das wurde immer wieder gepredigt. Mit dem Ergebnis, dass viele Bauern ihre Betriebe nur noch mit Krediten am Laufen halten.“ Das wollen Ilchmann und sein Verband nicht, der einen steten Zustrom neuer Mitglieder verzeichnet. „Unter den Landwirten herrscht Nachdenklichkeit.“

Die hat aber auch bei der Gegenseite eingesetzt, was deutlich wird, wenn Geschäftsführer Drebing über die Transparenzoffensive der Geflügelhalter spricht. Kaum ein Zweig der Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren so viel Kritik geerntet wie die Geflügelbranche. Bauern und Konzerne reagierten mit Abschottung. Ein Fehler, wie Drebing aus heutiger Sicht sagt. „Wir müssen unsere Vergangenheit selbstkritisch betrachten.“ Man habe zu spät erkannt, wie wichtig Transparenz ist.“ Mittlerweile hat sein Verband eine ganze Reihe von Geflügelzüchtern an der Hand, die Interessierten einen Blick in ihre Ställe werfen lassen. „Häufig haben die Menschen eine gefestigte Meinung, die aber schlichtweg unsachlich ist. Wer sich kundig macht, stellt fest, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist. Diese Möglichkeit müssen wir bieten“, sagt Drebing. Diese Pauschalkritik an der Branche, die er andeutet, ärgert den Manager aber auch. „Mir fehlt in der Argumentation zum Thema Massentierhaltung einfach die Sachlichkeit.“

Kritiker Ilchmann benutzt drastisches Vokabular, wenn er über die Geflügelmast spricht. „Qualmast“ sei das, schimpft er. Die Industrie habe die Tiere den Haltungsformen angepasst. „Wir wollen genau das Gegenteil.“ Drebing entgegnet, dass das Tierwohl bereits bei der Zucht mit 30 Prozent eine immer größere Rolle spiele – neben Faktoren wie beispielsweise Wachstum. Doch nicht nur das Imageproblem macht der Branche zu schaffen. Drebing benutzt den Begriff „Angst“, wenn er über die geplante Freihandelszone mit den USA spricht. Der Manager befürchtet eine Fleischschwemme aus den USA, wenn die Handelsschranken fallen. Generell beklagt er eine Wettbewerbsverzerrung zu den europäischen Nachbarn. Keimgutachten, Filteranlagen: Der Manager befürchtet, dass hierzulande bei den Anforderungen „übers Ziel hinaus geschossen wird“.

Die 60 Millionen Euro Umsatz, die Kartzfehn erwirtschaftet, seien nur schwer steigerbar. „Wenn Wachstumspotenzial besteht, dann im Ausland“, so Drebing. Solche Überlegungen lehnt Ilchmann konsequent ab. Er fordert eine Regionalisierung der Landwirtschaft: Was in der Region produziert werde, müsse auch in der Region bleiben. „Das Heil auf dem Weltmarkt zu suchen, halte ich für falsch.“ Ohnehin: Eine Agrarwende nur in Deutschland sei nicht realisierbar. „Wir brauchen europaweit einheitliche Standards.“

Und da ist der Landwirt aus Ostfriesland dann doch einer Meinung mit dem Manager. Beide fordern grenzüberschreitende Richtlinien und eine Fokussierung auf Qualität. „Wir befinden uns gerade in einer Phase des Übertreibens. Ich bin mir sicher, dass danach eine Phase der Versachlichung kommt. Hier wird die Produktsicherheit eine größere Rolle spielen, da der Verbraucher besser informiert ist, denn je. Da können wir als Geflügelzüchter Zusagen machen, die andere nicht machen können. Am Ende wird alles gut“, sagt Drebing. Eine Hoffnung, die er mit Ottmar Ilchmann teilt.


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