Charme einer Klassenfahrt Mit dem Fernbus von Osnabrück nach Berlin

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Osnabrück/Berlin. Es ist so weit: Der erste Fernbus ist von Osnabrück nach Berlin gefahren. Unser Reporter war an Bord, hat mit Fahrgästen gesprochen, die Fahrt genossen und seine Eindrücke aufgeschrieben.

Unweit des Osnabrücker Hauptbahnhofs macht sich in der Eisenbahnstraße etwas Nervosität in der Gruppe der 13 Reisenden breit: Angespannt stupst das Mädchen mit dem Skateboard mit dem Fuß gegen ihren Rucksack auf dem Boden. Der Fernbus nach Berlin hat schon bald eine halbe Stunde Verspätung – dabei ist es noch nicht mal losgegangen.

„Und das bei der Premierenfahrt“, murmelt eine Frau. Drei junge Männer blicken unentwegt um sich. „Kommt er jetzt gleich?“, fragen sie. Doch Klaus Reineck, graue Haare, hellblaues Hemd und in Begleitung seiner Frau, sitzt auf der Haltestellenbank und bewahrt Ruhe. „Grün ist die Hoffnung“, sagt er bedächtig. Und tatsächlich, wenig später biegt er um die Ecke, der leuchtend grüne Reisebus von „Mein Fernbus“. Er fährt jetzt zum ersten Mal von Osnabrück nach Berlin.

Die Route dorthin meistern die beiden Busfahrer Matthias Schauer und Thomas Schilpp beim ersten Mal zwar souverän – aber noch nicht fehlerfrei: Von Münster haben sie sich bei der Autobahnabfahrt Osnabrück verfahren. Weil sie ihrem Navi nicht trauten, dafür aber einem Kartenausdruck, ging es erst ein Stück nach Georgsmarienhütte. „Desch is halt unsere erschte Fahrt“, erklärt Schilpp, ein Mann mit Schnauzer und Ohrring, in herzlichem Bädisch den Fahrgästen.

Das System der Überlandbusse ist vor allem in den USA sehr beliebt. Dort genießt die Greyhound-Linie Kultstatus. Seit 1914 schon befördern die Busse mit dem springenden Windhund ihre Fahrgäste Tausende Kilometer durch das weit gestreckte Land. Hierzulande ist es für Busunternehmer erst seit Jahresbeginn leichter geworden, um Kunden zu werben: Durch eine Gesetzesänderung ist das Monopol der Deutschen Bahn auf innerdeutsche Strecken beim Buslinienverkehr gefallen – nach rund 80 Jahren. Die private Konkurrenz drückt daher mit der Eröffnung neuer Strecken wie der von Münster nach Osnabrück aufs Gas.

Im Bus machen es sich die Fahrgäste auf den roten Sitzen bequem, viele haben ihre Schuhe ausgezogen. Die Plätze sind enger beieinander als bei der Bahn, dafür ist die Beinfreiheit größer. Die Reisenden gehen meist einer Kombination aus drei Hauptbeschäftigungen nach: Musikhören, Lesen, Schlafen.

Die Atmosphäre hat Klassenfahrt-Charakter: Ein junges Pärchen hat sich in die Ecke hinten rechts verkrümelt. Er trägt lediglich ein weißes Unterhemd, sie ein Piercing. Beide sind noch keine zwanzig – und knutschen die ganze Zeit. Beim Blickkontakt mit anderen Fahrgästen lächeln sie. Ertappt, aber auch stolz.

Die Verspätung holen die engagierten Fahrer ganz plötzlich wieder rein. Kurz vor Hannover ertönt eine Durchsage: „Wir haben unsere Verspätung von zwischenzeitlich 45 Minuten aufgeholt und bitten, das Hin und Her der Ankunftszeiten zu entschuldigen.“ Die Männer hinter dem Steuer haben sich entschieden, auf ihre 40 Minuten Pause zu verzichten, damit die Reisenden sich nicht mehr verspäten. Die Lenkzeiten können sich durch das Abwechseln aber einhalten.

Philipp Heckmann hätte den Zeitverzug auch so hingenommen. „Eine halbe Stunde Verspätung ist doch noch völlig im Rahmen“, sagt der 27-jährige Student aus Münster gelassen und beißt in einen Pfirsich. Seine Kekse liegen neben ihm. An Bord gibt es zwar auch Snacks und kühles Bier. Doch die meisten der oft jungen Fahrgäste, viele von ihnen Studenten, halten sich lieber an ihre mitgebrachten Speisen und Getränke.

Schokoriegel diverser Sorten kosten einen Euro, Getränke meist 1,50. Nur der französische Sekt kostet 2,50 und der „Waldulmer Rotwein“ schlägt mit drei Euro zu Buche. „Ökonomisch und ökologisch ist der Fernbus ein absolut ebenbürtiger Konkurrent zur Bahn“, findet der 63-jährige Klaus Reineck aus Wallenhorst. „Und im Vergleich zum Autofahren spare ich mir das Gefriemel im Verkehr.“

Im Bus ist Disziplin wichtig, wenn sich 43 von 48 möglichen Passagieren über einen halben Tag eine Toilette teilen. Gespült wird durch ein Fußpedal, das einigen Kraftaufwand verlangt. Die Toilette ist so klein, dass es schwerfällt, sich umzudrehen. „Sitztoilette. Auch beim Wasserlassen (pinkeln). Bitte!!! Euer Busfahrer“, steht flehend und zugleich befehlend an der Türinnenseite.

Bei Mitfahrgelegenheiten, dem anderen Konkurrenten des Fernbusses um Reisende, sind für den Gang zur Toilette Pausen nötig. „Für mich ist dieser Bus eine Alternative, weil er komfortabler ist“, sagt der 23-jährige Student Nils Kormann aus Osnabrück. Er ist auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch und lobt das Platzangebot, die vielen Steckdosen und das meist stabil laufende WLAN.

Kurz vor halb zehn ertönt plötzlich der Lautsprecher. „Der Fernsehturm ist jetzt in Sicht. Das ist ein gutes Zeichen“, meldet sich der Fahrer zu Wort. Der Bus erreicht den Omnibusbahnhof im Westen Berlins um 21.43 und ist damit 38 Minuten hinter dem Fahrplan. Doch Nervosität oder Ärger gibt es unter den Gästen nicht. Nachdem sie von den Fahrern ihr Gepäck gereicht bekommen haben, verschwinden sie zufrieden in die Nacht.


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