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09.03.2018, 16:49 Uhr KOMMENTAR ZUM FALL NIELS HÖGEL

Ist die Justiz auf dem Oldenburger Auge blind?

Kommentar von Michael Korn

Der Fall des wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs an Patienten angeklagten ehemalige Krankenpflegers Niels Högel – hier bei einem Prozess – zieht Kreise. Nun werden auch Kollegen angeklagt. Foto: dpaDer Fall des wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs an Patienten angeklagten ehemalige Krankenpflegers Niels Högel – hier bei einem Prozess – zieht Kreise. Nun werden auch Kollegen angeklagt. Foto: dpa

Delmenhorst. Wegen Mord und Mordversuch ist der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel verurteilt worden. Nun nimmt die Justiz auch seine Kollegen ins Visier; sie sollen wegen Tötung durch Unterlassen angeklagt werden. Warum dies aber nur für die Delmenhorster Mitarbeiter gilt und nicht auch für jene aus Oldenburg, wo Högel zuerst tätig war, ist unverständlich. Ein Kommentar.

Die juristische Klärung der Verantwortlichkeiten in der Mordserie an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst greift mit der erweiterten Anklage noch immer viel zu kurz. Patientenmörder Niels Högel konnte über Jahre sein perfides Unwesen treiben – auch begünstigt von wegschauenden Kollegen und pflichtvergessenen Vorgesetzten.

Zudem erwecken die Prozesse gegen Mitarbeiter des Delmenhorster Klinikums den Eindruck, als habe es ausschließlich dort eine mutmaßliche Mitschuld an den Gräueltaten gegeben. Dabei wurde Högel ursprünglich vom Klinikum Oldenburg an den Mitbewerber in der Nachbarstadt weggelobt – im Wissen, dass es Auffälligkeiten gab, wenn der selbst ernannte Patientenretter im Dienst war.

Die Opfer und deren Angehörige haben ein Anrecht darauf, dass sich alle diejenigen im Krankenhausbetrieb erklären müssen, die unmittelbar mit dem Todespfleger zusammengearbeitet haben. Auf den betreffenden Stationen dürften es über die Jahre hinweg dutzende Pfleger, Schwestern und Ärzte gewesen sein, die etwas Schlimmes geahnt, aber nicht reagiert haben. Zu diesen fatalen Versäumnissen ist es zuerst in Oldenburg gekommen. Der Justiz wäre daher anzuraten, auf dem Oldenburger Auge nicht blind zu sein.


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