„Menschen fühlen sich alleingelassen“ Niedersächsische Muslime fürchten Ablehnung und Gewalt

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Bad Essen. Viele Muslime in Niedersachsen haben Angst. Manchmal genügen ein paar zerstörte Scheiben, um die Stimmung kippen zu lassen. Was ist Gefühl und was ist Fakt? Eine Antwort darauf ist nicht leicht zu finden. Eine Momentaufnahme.

Ernste Gesichter über dampfenden Teegläsern. Die Tonlage ist offiziell, bisweilen angespannt. Der Anlass: zerbrochene Scheiben auf dem Moschee-Gelände. Der eigentliche Grund: Angst und Misstrauen. Ein Krisentreffen soll helfen.

Inmitten von Wald und Feld, knapp eine Dreiviertelstunde von Osnabrück entfernt, steht die Sultan-Murad-Moschee. An der Wand hängen Zeitungsartikel hinter Glas. „Gute Nachbarschaft“ steht da in großen Buchstaben und „Was hier passiert ist vorbildlich“. Auf der Fensterbank streckt sich eine kleine Topfpflanze mit drei Blättern in die karge Wintersonne. Im Regal liegen Donald-Duck-Comics. Ein Vereinsheim wie es überall in Deutschland stehen könnte.

Gezielte Attacke?

Die kleinen Gläser, aus denen Tee dampft, die Kekse und Wasserflaschen zeugen von der Gastfreundschaft. Hin und wieder fliegen türkische Sätze über die Tische. Auf Deutsch sagt die resolute, niedersächsische Ditib-Geschäftsführerin Emine Oguz: „Auf ein paar hundert Euro Sachschaden kommt es nicht an. Aber es bleibt ein schlechtes Gefühl zurück. So ein Steinwurf macht zehn Jahre Arbeit kaputt.“

Mitte Januar hatte jemand drei Fensterscheiben auf dem Moscheegelände eingeworfen, außerdem die Scheiben am Auto des Imams. Viele im Ort kennen den mutmaßlichen Täter. Man spricht von aggressivem Verhalten, zerstochenen Reifen und Schmierereien. Auch der Bürgermeister war schon Ziel von Attacken. Für die Polizei und die Kommune deutet nichts darauf hin, dass es der Täter gezielt auf Muslime oder Türken abgesehen hatte.

Überregional bekannt

Trotzdem ist der Fall überregional bekannt geworden. Im Ditib-Hauptsitz in Köln weiß man jetzt, wo die Sultan-Murad-Moschee liegt. Ein islamisches Online-Magazin hat den Vorfall aufgegriffen und in einer Liste der Amadeu-Antonio-Stiftung tauchen die zerbrochenen Scheiben auf zwischen einer Anzeige gegen Beatrix von Storch und AfD-Hetze gegen einen Kika-Film über die Liebe eines Mädchens zu einem syrischen Flüchtling. Findet sich der Angriff zurecht dort wieder? Die Moscheegemeinde ist unsicher.

Ömer Gür ist ihr Dialogbeauftragter. Ein ruhiger, freundlicher Mann. „Die einen vermuten, dass da jemand etwas gegen den Islam hatte. Andere glauben, er hatte was gegen Türken. Und eine dritte Gruppe glaubt, dass das einfach ein Verrückter war – ohne politisches Motiv“, sagt Gür. An den Verrückten glauben allerdings offenbar die wenigsten. „Man hört ja sehr viel von Übergriffen auf Asylbewerberheime und Moscheen“, sagt Gür.

Krisentreffen

In Bad Essen reagiert man mit einem Krisentreffen. Der Bürgermeister ist da, um Flagge zu zeigen. Die Diakonie will vermitteln. Die Polizei versucht, zu beruhigen. Auch der Landkreis ist vertreten. Dem deutschen Deeskalationsaufgebot gegenüber sitzen Vertreter der Gemeinde und des türkisch-islamischen Landesverbandes Ditib. Der Bürgermeister lobt das Engagement der Muslime: Zum Höhepunkt des hiesigen Gesellschaftslebens gehört der Historische Markt im Sommer. Auch die Gemeinde ist vertreten – direkt am Rathaus. Mehr Integration geht eigentlich nicht. Auf muslimischer Seite dominieren an diesem Abend jedoch die Befürchtungen. Ein Gemeindemitglied erinnert an das Hakenkreuz, das Unbekannte vor vier Jahren an die Wand der Moschee gesprüht hatten. Ein Mann mit breiten Schultern erzählt davon, dass er im Kindergarten nicht gegrüßt werde. Und dann sind da noch die Leserbriefe eines ehemaligen Pastors in einer Gratiszeitung – manche nennen sie islamkritisch, andere islamfeindlich.

Der Tisch im Aufenthaltsraum der Gemeinde erinnert an diesem Abend an eine Tischtennisplatte, auf der Themen wie Bälle von einer Seite zur anderen fliegen. Einer zischt aufs Gegenüber zu, ein anderer rollt ins Leere. Da ist die Stimmung gegen Flüchtlinge, Pegida, das NSU-Debakel, Erdogan und der Islamvertrag mit dem Land, der seit Jahren nicht zustande kommt. Der Imam, dessen Autoscheiben beschädigt wurden, fragt: „Woher weiß denn der Täter überhaupt, dass mein Auto dort stand?“

„Menschen fühlen sich allein gelassen“

Ditib-Geschäftsführerin Emine Oguz macht einen Aufschlag und sagt: „Die Menschen hier fühlen sich allein gelassen.“ Der Ball wird in der nächsten Stunde vielfach weitergespielt. Ein Polizist versucht gegenzuhalten, bringt einmal mehr vor, dass der Verdächtige im Fall des Steinwurfs sehr schnell gefasst worden sei. Aktuell sei er nicht vernehmungsfähig. Aber nichts deute auf eine fremdenfeindliche Tat hin. Die Botschaft rollt vom Tisch.

Der Ditib-Vorsitzende von Niedersachsen, Yilmaz Kilic, rührt in seinem dritten Tee an diesem Abend und blickt ernst zu Boden. Dann fasst er das Unbehagen unter den türkischen Muslimen landesweit zusammen: „Es entsteht der Eindruck: Die Deutschen wollen uns hier doch gar nicht.“ Ditib werde nicht als Religionsgemeinschaft vom Land anerkannt. Gleichzeitig kehrten immer mehr Menschen mit türkischen Wurzeln in die Türkei zurück. „Wenn junge Leute, die hier aufgewachsen sind und perfekt Deutsch sprechen, sagen, dass sie sich hier nicht willkommen fühlen, ist es fünf vor zwölf“, warnt Kilic. Er vertritt einen großen Teil der Muslime in Niedersachsen.

Wachsende Gefahr?

Sind Muslime zunehmend gefährdet? Das niedersächsische Innenministerium verzeichnet jährlich ein paar Dutzend Angriffe auf islamische Einrichtungen. Da werden Fassaden beschmiert, Gläubige beleidigt, Scheiben eingeworfen. Im Wendland findet ein Imam einen Schweinekopf vor seiner Moschee. Wie viele Väter mit türkischen Wurzeln im Kindergarten nicht gegrüßt werden, steht dort nicht.

Belit Onay, Abgeordneter der Grünen im niedersächsischen Landtag, beschäftigt sich mit Islamfeindlichkeit. Er glaubt: „Gerade kleine Übergriffe wie zerbrochene Scheiben oder Schmierereien werden nicht immer zur Anzeige gebracht, weil man Unruhe in der Gemeinde vermeiden will. Die Mitglieder sollen nicht das Gefühl haben, Zielscheibe zu sein.“

Brandanschläge

Die bundesweiten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Mehr als tausend islamfeindliche Straftaten zählte das Bundesinnenministerium für das vergangene Jahr. Gefasste Täter sind fast immer Rechtsextreme. Noch stärker im Visier sind offenbar Juden: 1495 antisemitische Übergriffe. Christenfeindliche Taten: 127.

Allein 90 Kundgebungen gegen eine vermeintliche „Islamisierung Deutschlands“ erfassen die Behörden im vergangenen Jahr. Darin sind die Pegida-Aufmärsche noch nicht einmal enthalten.

Wenige Wochen nach dem Treffen in der Sultan-Murad-Moschee kommt es bundesweit zu Brandanschlägen gegen türkische Moscheen und Vereine. In Niedersachsen greifen Unbekannte türkische Geschäfte an. Vieles deutet auf kurdische Täter hin, die gewaltsam gegen den türkischen Vormasch auf die Stadt kurdische Afrin protestieren. Die muslimische Gemeinschaft in Niedersachsen ist aufgewühlt. Die Angst wächst weiter.

Erst Sachbeschädigung dann Angriffe auf Menschen

Wenn die aktuelle Bedrohung irgendwann wieder abklingt, wird das Gefühl des Alleinseins bleiben. „Das Klima hat sich deutlich abgekühlt. Den Muslimen fliegen keineswegs die Herzen zu. Das spüren sie in der Schule, bei der Arbeit, auf der Straße“, sagt der niedersächsische Grünen-Abgeordnete Belit Onay. „Skepsis gegenüber dem Islam bis hin zur Feindlichkeit ist überall zu beobachten. Von der Sachbeschädigung ist es dann nicht weit bis zu Angriffen auf Menschen.“ Die Polizei hat die Lage gut im Blick, glaubt Onay. „Das Problem ist vielmehr, dass Muslime von vielen grundsätzlich nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden.“

Im Aufenthaltsraum der Sultan-Murad-Moschee ist nach zweistündiger Diskussion der letzte Tee getrunken. Die Zeit fürs Abendgebet naht. „Was wünschen Sie sich, um die Situation zu verbessern?“, fragt der Moderator. „Was können Sie uns denn anbieten?“, entgegnet ein Gemeindevertreter. Auf der einen Seite sitzen niedersächsische Muslime, die Blutspendetermine mit dem Roten Kreuz organisieren und ihre Türen für Bürger und Politiker öffnen. Sie bekräftigen, sich noch besser integrieren zu wollen. Auf der anderen Seite sitzen Vertreter von Kommune, Landkreis und Diakonie, die verprechen, noch intensiver mit der Gemeinde zusammenarbeiten zu wollen.

Eine Erkenntnis bleibt. Der niedersächsische Ditib-Chef Yilmaz Kilic wirkt eher abgeklärt, als überrascht, als er sie ausspricht: „Das Problem können wir hier in Bad Essen gar nicht lösen – das Gefühl, nicht dazu zu gehören.“


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