Aufarbeitung von Straftaten Projekt in Oldenburg an der JVA: „Opfer und Täter im Gespräch“

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„Opfer und Täter im Gespräch“: Dieses Projekt des Oldenburger Vereins Konfliktschlichtung soll den Opfern einer Straftat dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Vorbild aus den USA zeigt, dass das Projekt sogar weitere Straftaten verhindern kann. Foto: Carmen Jaspersen/dpa„Opfer und Täter im Gespräch“: Dieses Projekt des Oldenburger Vereins Konfliktschlichtung soll den Opfern einer Straftat dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Vorbild aus den USA zeigt, dass das Projekt sogar weitere Straftaten verhindern kann. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Oldenburg. „Opfer und Täter im Gespräch“: Dieses Projekt des Oldenburger Vereins Konfliktschlichtung soll den Opfern einer Straftat dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Das Vorbild aus den USA zeigt, dass das Projekt sogar weitere Straftaten verhindern kann.

Jemand wird Opfer einer Straftat, der Täter wird vor Gericht verurteilt und kommt ins Gefängnis, damit ist der Fall abgeschlossen. „Aber kein Strafmaß kann eine Wiedergutmachung sein, die Justiz kann den Opfern nicht das zurückgeben, was ihnen an immateriellem Schaden entstanden ist“, erklärt Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin Daniela Hirt vom Oldenburger Verein Konfliktschlichtung. „Straftaten werden im Kern nach wie vor als Angelegenheit zwischen dem Täter und dem Staat betrachtet und gehandhabt.“ Daher gibt es in Oldenburg in der JVA ein Projekt, bei dem Opfer und Täter miteinander ins Gespräch kommen, um einen Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen.

Worum geht es bei „Opfer und Täter im Gespräch“?

Das Projekt „Opfer und Täter im Gespräch“ ist eine Erweiterung des Täter-Opfer-Ausgleichs, bei dem der Verein seit vielen Jahren mit Opfern und Tätern arbeitet. Beim Täter-Opfer-Ausgleich geht es um eine Wiedergutmachung in Form einer Entschuldigung, einer Geldzahlung oder eines Geschenkes. Der Unterschied des neuen Projekts, „Opfer und Täter im Gespräch“, ist, dass sich in einer kleinen Gruppe Opfer und Täter gegenüber sitzen, die nichts miteinander zu tun haben, es geht nicht um dasselbe Delikt. Aber um Taten, die sich ähneln. (Weiterlesen: Wenn nach dem Einbruch die Seele leidet)

In erster Linie dienen die Gespräche den Opfern, so Hirt, es wird ihnen ermöglicht, die Täter zu fragen, warum sie so gehandelt haben. Außerdem können sie den Tätern schildern, welche Konsequenzen ihr Handeln hatte. Im Gegenzug bekommen die Täter die Möglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen, viele tragen schwer an ihrer Schuld, erläutert Daniela Hirt im Gespräch mit unserer Redaktion.

Vorbild ist ein Projekt aus den USA

Angelehnt an das „Restorative Justice Project“ aus den USA, soll durch die Gespräche eine Wiedergutmachung geschehen. In erster Linie richtet sich das Projekt an die Opfer: „Der Opferschutz ist dabei das wichtigste“, sagt die Therapeutin, die auch als Traumapädagogin ausgebildet wurde. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem Diplom-Pädagogen Michael Ihnen, leitet sie das Projekt beim Verein Konfliktschlichtung. Es wird mit Mitteln des Justizministeriums finanziert.

2016 startete das Vorhaben, doch laut Daniela Hirt war es trotz offensiver Öffentlichkeitsarbeit schwierig, Menschen für das Projekt zu gewinnen. „Viele Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind, wollen an den Ereignissen nicht mehr rühren, sondern sie verdrängen, was natürlich in Ordnung ist. Für andere hingegen ist die Tat noch zu frisch, sie müssen sie erst noch verarbeiten. Es ist emotional aufwühlend und herausfordernd für die Opfer“, beschreibt Hirt die Herausforderungen für die Teilnehmer. Doch mittlerweile hat sich eine Gruppe von fünf Menschen auf der Seite der Opfer gefunden, die in dem Projekt die Auswirkungen einer Straftat aufarbeiten möchten. (Weiterlesen: Hinter Gittern: Ein Besuch im Osnabrücker Gefängnis am Kollegienwall)

Wie laufen die Gespräche ab?

Bevor sich Opfer und Täter an einem Tisch gegenübersitzen, muss viel vorbereitet werden. Am 19. Februar gab es den ersten Termin mit den Opfern, drei weitere sollen noch folgen. Auch mit den Tätern gibt es erste Treffen, bevor im September die komplette Gruppensitzung startet. Das Projekt kann nach einem Termin vorbei sein, es können aber noch weitere Termine folgen. Das hänge davon ab, wie die Gespräche verlaufen und ob jemand das Projekt verlassen möchte, was jederzeit möglich sei, so die Therapeutin.

Die intensiven Vorbereitungen sind wichtig, damit das Projekt Erfolg hat, betont Daniela Hirt: „Wir stellen sicher, dass die Menschen stabil genug sind, um mitzumachen und davon zu profitieren.“ Auch die Vorbereitungen mit den fünf Tätern, die von einer Psychologin aus der JVA ausgewählt wurden, sind von Bedeutung, sie müssen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und bereit sein, von sich zu erzählen.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

„In den Gesprächen erhalten alle die Möglichkeit, ihre Biografie und ihre Geschichte zu erzählen. Es sind auch Rituale denkbar oder stille Minuten in Gedenken an die Opfer einer Straftat. Wir arbeiten sehr prozessorientiert, das heißt, wir besprechen genau mit beiden Seiten, wie sie sich die Treffen vorstellen“, so Hirt. Jede Anregung der Teilnehmer sei dabei von Bedeutung. Das erste Gespräch im September wird in der JVA stattfinden, zusammen mit der Psychologin, Daniela Hirt und ihrem Kollegen. Vorab zeigen sie den Teilnehmern die Räume des Gefängnisses, damit sie darauf ebenfalls vorbereitet sind.

Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin Daniela Hirt vom Oldenburger Verein Konfliktschlichtung. Foto: Verein Konfliktschlichtung

Kann das Projekt den Teilnehmern schaden? „Ich denke nicht“, sagt Daniela Hirt. „Die Studie aus den USA zeigt, dass alle etwas davon haben.“ Die Erfolge in den USA seien sehr gut, was den Heilungsprozess bei den Opfern angeht. Aber es habe sich auch gezeigt, dass die Rückfallquote bei den Tätern zurückgeht, dass das Projekt also auch präventiv wirkt.


Der Verein Konfliktschlichtung wurde 1987 in Oldenburg gegründet und gehört bundesweit zu einer der ersten Institutionen, die den Täter-Opfer-Ausgleich professionell nach den Qualitätsstandards durchführt. Der Verein ist gemeinnützig. Seit 2016 bietet der Verein mit dem Pilotprojekt „Opfer und Täter im Gespräch“ die Erweiterung des Täter-Opfer-Ausgleichs an.

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