Kind heute ein Pflegefall Schwerbehindert nach Klinikaufenthalt – War es ein Ärztefehler?

Von dpa

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Die Eltern eines 11-jährigen Mädchens aus Hannover glauben, dass ihre Tochter aufgrund eines Behandlungsfehlers heute ein Pflegefall ist. Foto: Oliver Berg/dpaDie Eltern eines 11-jährigen Mädchens aus Hannover glauben, dass ihre Tochter aufgrund eines Behandlungsfehlers heute ein Pflegefall ist. Foto: Oliver Berg/dpa

Hannover. 2011 hatte die damals zweijährige Erlynia einen winzigen Gegenstand eingeatmet, doch bei dem Kind wurde im Krankenhaus in Hannover eine bakterielle Lungenentzündung diagnostiziert. Jetzt kämpfen die Eltern mit einer Klage um Schmerzensgeld für ihre Tochter.

Vor dem Atemstillstand in der Klinik war sie ein fröhliches, gesundes Kind, heute kann sich Erlynia nicht bewegen, nicht schlucken und ist 24 Stunden auf Hilfe angewiesen. Die Eltern der Achtjährigen sind überzeugt, dass Ärzte im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover Schuld am Zustand ihrer Tochter tragen. Nach einem Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) liegt ein „grober Behandlungsfehler“ vor. Der Rechtsanwalt der Familie, Armin-Octavian Hirschmüller, will in Kürze beim Landgericht Zivilklage gegen die Klinik und einzelne Mediziner einreichen. Um auf Erlynias Schicksal aufmerksam zu machen, hat ihr Vater Boris Luther zudem eine Online-Petition gestartet.

„Wenn ein Kind wie jetzt Erlynia keinen normalen Lebenslauf einschlagen kann, ist das eine schwere Bürde“, teilt das Kinderkrankenhaus zu dem Fall mit. „Wir sind traurig, dass wir ihr damals nicht helfen konnten. In der Internet-Petition wird von einem Behandlungsfehler gesprochen. Selbstverständlich unterstützen wir das Verfahren, das klären soll, ob der Verlauf schicksalhaft war oder durch medizinische Maßnahmen hätte verhindert werden können.“ (Weiterlesen: Falschdiagnose Fehlgeburt – schwerer Fehler in Meppen)

Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen ein

Der Vater hatte Ende 2011 zunächst Strafanzeige gestellt, doch die Ermittlungen wurden auf Basis eines von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachtens eingestellt. Nicht jede Komplikation ist ein Behandlungsfehler. Die alleinige Beweislast liege bei dem betroffenen Patienten, kritisiert die Unabhängige Patientenberatung (UPD). Er müsse nachweisen, dass ein Mediziner vom Facharztstandard abgewichen und dass der Schaden tatsächlich durch diese fehlerhafte Behandlung eingetreten ist.

Die Tage, die Erlynias Leben veränderten, liegen mehr als sechs Jahre zurück. „Sie hatte Fieber und starken Husten. Meine Frau war zum ersten Mal am 4. September 2011 in der Notaufnahme und wurde abgewiesen. Drei Tage später wurde Erlynia dann aufgenommen“, erzählt der Vater. Bei dem Mädchen wurde eine bakterielle Lungenentzündung diagnostiziert, doch trotz Behandlung verbesserte sich sein Zustand nicht. Am 8. September erlitt Erlynia den ersten Atemstillstand in der Klinik, am 10. September dauerte es 50 Minuten, bis sie wiederbelebt werden konnte. Erst am 15. September sei eine Bronchoskopie - eine Lungenspiegelung - gemacht worden, berichtet Luther. „Dabei wurde ein perlenartiger Gegenstand in der Lunge entdeckt und entfernt.“

Trafen Ärzte falsche Entscheidung?

Die Ärzte hätten eine erste Röntgenaufnahme der Lunge fehlerhaft interpretiert und zudem die falsche Entscheidung getroffen, nicht sofort eine Bronchoskopie durchzuführen, argumentiert der Anwalt.

„Für uns kommt es nicht in Frage, dass Erlynia in ein Heim kommt“, betont der Vater und streichelt über den Lockenkopf des Kindes. „Wie es ihr geht, zeigen ihre Vitalwerte wie der Pulsschlag. Sie mag keine lauten Geräusche.“ Boris Luther arbeitet als Entstörer für Flugzeugtriebwerke, seine Frau in der Pflege. Sie wechseln sich mit Früh- und Spätschichten ab, damit möglichst immer ein Elternteil bei der Tochter ist, die künstlich ernährt wird. Ein Pflegedienst übernimmt die medizinischen Aufgaben, die Familie die Grundpflege.

An diesem Tag ist Erlynia wegen eines Infekts zu Hause. Normalerweise wird das schwerbehinderte, blinde Mädchen morgens von einem Fahrdienst abgeholt. Die Achtjährige ist auf einer Schule der Lebenshilfe. „Dort gibt es ein Schwimmbad, wo Ergotherapie möglich ist. Erlynia liebte Wasser vor dem Vorfall“, sagt der Vater. Die zwölfjährige Schwester Marwela, mit der sie früher gerne in der Badewanne spielte, hilft den Eltern bei der Versorgung.

Anträge auf Therapien oft abgelehnt

Viel Zeit nehmen Auseinandersetzungen mit Behörden in Anspruch, etwa wenn das Mädchen einen größeren Rollstuhl benötigt. Die Eltern wünschen sich mehr Therapien für ihre Tochter, die auch unter Krämpfen leidet, doch Anträge werden oft abgelehnt. Mit der Internet-Petition auf Change.org möchten sie den Druck auf die Klinik, aber auch auf die Krankenkasse und die Stadt Hannover erhöhen. Beide lehnten die Finanzierung eines behindertengerechten Autos ab. Über 90 000 Unterstützer haben die Petition schon unterzeichnet.


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