Mehr Gesprächsbedarf Gleichberechtigung führt zu mehr Andrang bei Eheberatung

Von dpa

Die Nachfrage nach Ehe- und Paarberatungen bei der evangelischen Kirche steigt kontinuierlich an. Symbolfoto: colourbox.deDie Nachfrage nach Ehe- und Paarberatungen bei der evangelischen Kirche steigt kontinuierlich an. Symbolfoto: colourbox.de

Hannover. Die Nachfrage nach Ehe- und Paarberatungen bei der evangelischen Kirche steigt kontinuierlich an. Weil klassische Rollenmodelle ausgedient haben, haben Mann und Frau mehr zu diskutieren. Und dabei holen sie sich leichter Hilfe als früher.

Oft geht es um Geld, Religion oder Sex: Der Abschied von klassischen Rollen und eine wachsende Gleichberechtigung lässt die Nachfrage nach Ehe- und Paarberatungen bei der hannoverschen Landeskirche kontinuierlich ansteigen. Wenn beide arbeiten und sich um die Kindererziehung kümmern, statt eine Ehe nach traditionellem Muster zu führen, gebe es mehr Gesprächsbedarf, sagte Beratungsleiter Axel Gerland am Freitag. „Bei gleichrangigen Partnern müssen sie mehr ausdiskutieren, es steht viel mehr in Frage.“ Wenn Frauen mehr verdienten als Männer, habe dies außerdem Einfluss auf die Frage, wer während der Kindererziehung kürzer tritt.

„Der Bedarf steigt, Konflikte offen und kommunikativ auszutragen“, erklärte Gerland den Umstand, dass es trotz mehr Beratungen keinen Anstieg bei Trennungen und Scheidungen gibt. „Wir erleben, dass die Offenheit steigt bei Männern und Frauen, in eine Eheberatung zu gehen.“

Zunehmend ältere Paare

Vor Jahren sei dies für viele Menschen noch undenkbar gewesen. Weiterhin seien es aber oft die Frauen, die alleine den ersten Kontakt zu einer Beratung aufnehmen, sagte der Leiter der Hauptstelle für Lebensberatung der Kirche, Rainer Burgdahn. „Die Männer kommen mit und gucken, sitze ich hier auf dem heißen Stuhl.“ Später erkennen die Männer die Möglichkeit, sich in der Beratung zu artikulieren und das Hilfsangebot zu nutzen.

Bei den fast 11 000 Beratungsfällen mit 17 984 Personen in den landesweit 31 kirchlichen Beratungsstellen im Jahr 2016 ging es zum Großteil um Ehe- und Partnerschaftsprobleme, erklärte die Kirche. Der demografische Wandel treibe zunehmend auch ältere Paare in die Eheberatung. Mit wachsendem Alter steige die Gefahr der Erstarrung einer Beziehung, das wechselseitige Begehren verändere sich. Auch Krankheiten und Einschränkungen im Alter könnten Beziehungen verhindern. Andererseits lernten sich Paare zunehmend auch erst in höherem Alter kennen.

Geld, Religion, Sex

Zur wachsenden Nachfrage trage auch bei, dass zunehmend auch gleichgeschlechtliche Paare in die kirchliche Eheberatung kommen, sagte Burgdahn. „Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft.“ Die angesprochenen Probleme seien dieselben wie bei den übrigen Paaren: „Vertrauen, Geld und außereheliche Beziehungen.“ Offensichtlich gebe es keine Hemmungen, in eine kirchliche Beratungsstelle zu gehen.

Und wann und warum kriselt es besonders? Häufig geschehe dies in Schnittstellensituationen, sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Lebensberatung, Karin Jakubowski. Etwa wenn die Kinderphase beginne und die Frau plötzlich statt auf der Arbeit zu Hause hocke und der Mann sich in die Arbeit flüchte. Oder wenn die Kinder das Haus verlassen, und ein Paar wieder stärker auf sich selbst bezogen ist. „Als Eltern haben sie zwar funktioniert, aber nicht mehr als Paar.“ Hauptthemen in Beratungsgesprächen seien Geld, Religion oder Sex, meinte Burgdahn.

Religion in einer zunehmend glaubensfernen Gesellschaft? Genau das sei das Problem, sagte Burgdahn. „Es scheint zunehmend schwerer zu werden, über religiöse Interessen zu sprechen.“ Gerade die jüngere Generation tue sich da schwer. Zu Konflikten komme es, wenn es um kirchliche Heirat, Taufe, Konfirmation oder Patenschaft gehe. Auch eine Ehe von Menschen unterschiedlicher Religion berge natürlich Konfliktstoff.

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