Fukushima-Erkenntnisse nicht berücksichtigt Notfallpläne für Atomunfall in Niedersachsen sind veraltet

Meine Nachrichten

Um das Thema Niedersachsen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Kernkraftwerk Emsland. Foto: dpaDas Kernkraftwerk Emsland. Foto: dpa

Osnabrück. Kommt es in Niedersachsen zu einem Atomunfall, greifen die Behörden auf veraltete Notfallpläne zurück. Erkenntnisse aus dem Unglück von Fukushima im März 2011 bleiben unberücksichtigt. Das zeigt eine Antwort der Landesregierung auf Anfrage der Grünen-Landtagsfraktion.

Demnach sind aktualisierte Empfehlungen der Strahlenschutzkommission nach dem Nuklearunfall von Fukushima nach wie vor nicht umgesetzt. Das betrifft etwa Evakuierungszonen um die Atomkraftwerke Emsland und Grohnde. Die Innenministerkonferenz hatte im Dezember 2014 eine deutliche Ausweitung beschlossen. Laut Landesregierung soll die Umsetzung in Niedersachsen bis 2020 erfolgen.

Grüne: Das ist fahrlässig

Christian Meyer, Vize-Fraktionschef der Grünen, warf der Regierung Trödelei vor. „Das ist fahrlässig und Verschleppung mit Ansage“, sagte der Abgeordnete. Er verwies darauf, dass die Umsetzung „gerade noch rechtzeitig“ vor Abschaltung der beiden Meiler in den Jahren 2021 und 2022 erfolge.

Andere Bundesländer sind indes weiter als Niedersachsen. Das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen teilte auf Anfrage mit, die entsprechenden Empfehlungen gelten zwischen Rhein und Ruhr bereits seit 2014. Eine Sprecherin des Landkreises Steinburg in Schleswig-Holstein sagte, auch hier seien die neuen Sicherheitszonen bereits gültig. In Steinburg steht das Atomkraftwerk Brokdorf in unmittelbarer Nähe zu Niedersachsen. Vollzug melden auf Nachfrage unserer Redaktion auch Baden-Württemberg und Bayern.

Evakuierungszonen erweitert

Die neuen Rahmenrichtlinien sehen beispielsweise vor, dass im Falle eines Atomunfalls in Lingen oder Grohnde alle Menschen im Radius von fünf Kilometern um die Meiler herum binnen sechs Stunden evakuiert werden müssen. Bislang – und in Niedersachsen weiterhin – gilt das lediglich für einen Radius von zwei Kilometern. Je nach Windrichtung und Ausmaß des Unglücks müssen innerhalb von 24 Stunden Anwohner in bis zu 20 Kilometer – bislang 10 Kilometer – Entfernung evakuiert werden können. In dieser erweiterten Zone leben um das AKW Emsland etwa 200.000 Menschen, bei Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont sind es 175.000. In einem Radius von bis zu 100 Kilometern müssen zudem Jod-Tabletten verteilt werden. (Weiterlesen: Atomkraftwerk Emsland: Behörden versagen bei Super-GAU-Test)

Ministerium: Umsetzung ist komplex

Das Innenministerium in Hannover erklärte auf Anfrage, in Niedersachsen sei die Umsetzung der Empfehlungen umfangreicher als in anderen Bundesländern. „So hat Nordrhein-Westfalen zum Beispiel keine Kraftwerksstandorte im Land.“ Niedersachsen beherberge hingegen zwei aktive AKW und liege im Einflussbereich des Meilers Brokdorf. Ähnliche Verhältnisse gelten allerdings auch in Bayern und Baden-Württemberg.

Die zuständige Strahlenschutzkommission hatte die Rahmenempfehlungen in Deutschland auf Basis der Erkenntnisse aus dem Atomunglück von Fukushima überprüft und angepasst. Die Fachleute gingen dabei davon aus, dass ähnlich wie in Japan über lange Zeit Radioaktivität unkontrolliert austritt.

Die neuen Erkenntnisse in Niedersachsen umsetzen, müssen die Landkreise. Eine Sprecherin der Kreisbehörde im Emsland bestätigte: „Das Land Niedersachsen hat bislang die Rahmenempfehlungen der Strahlenschutzkommission des Bundes von 2014 noch nicht für anwendbar erklärt. Bis dahin sind für die Unteren Katastrophenschutzbehörden die vorherigen Empfehlungen der Kommission bindend.“

Auch wenn die neuen Vorgaben in Niedersachsen noch nicht umgesetzt sind, heißt es aus dem Innenministerium: „Es bleibt aber festzuhalten, dass Niedersachsen auch schon bisher und weiterhin ein gutes Niveau für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen hat.“ (Weiterlesen: Neuer Notfallplan für AKW Emsland erforderlich)

Sicherheitsexperten kritisieren Notfallpläne

Im Januar forderten niederländische Sicherheitsexperten, dass die deutschen, belgischen und niederländischen Sicherheitspläne für den Fall eines Reaktorunglücks besser aufeinander abgestimmt werden müssten. In dem Bericht hieß es: „Der Untersuchungsrat stellt fest, dass die Zusammenarbeit auf Papier zum Teil geregelt ist, aber wahrscheinlich nicht gut verlaufen wird, wenn tatsächlich ein Nuklearunglück geschieht“

a:2:{s:7:"default";s:0:"";s:36:"9545f740-5005-48c5-9876-75efca3c50e3";s:0:"";}

Auf Basis der neuen Richtlinien hatten verschiedene Behörden 2016 einen Atomunfall in Grohnde durchgespielt: Bei der Simulation wären bis zu 40.000 Menschen dauerhaft obdachlos, etwa 1000 sterben – weit überwiegend durch Selbstmord in Folge der seelischen Belastungen. Zudem würde Deutschland wirtschaftlich in eine Rezession schlittern, die landwirtschaftliche Produktion würde aufgrund der Verseuchung der Böden zusammenbrechen. (Weiterlesen: Behörden simulieren Super-GAU in Niedersachsen)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN