Ralf Meister im Interview Landesbischof: „Fleischproduktion ist so nicht zukunftsfähig“

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Der kleine flauschige Hund Max macht es sich auf dem lilafarbenen Teppich bequem, während sein Herrchen über Fleischkonsum und die Stimmung in der Kirche spricht. Landesbischof Ralf Meister, Leiter der bundesweit größten Landeskirche, plädiert für mehr Verzicht und schätzt die kontroverse Debatte über die neue Kirchenverfassung ein.

Herr Landesbischof, im vergangenen Jahr haben Sie in der Fastenzeit auf Fleisch verzichtet. Was haben Sie in diesem Jahr vor?

Ich bin langweilig. Es ist schon wieder das Gleiche. Diesmal ergänzt durch Alkohol. Aber zeitweilig auf Fleisch zu verzichten, ist in Niedersachsen für mich schon ein besonderes Zeichen. Das Land lebt stark von der Fleischproduktion. Im Schnitt essen die Deutschen mehr als 60 Kilo Fleisch pro Jahr. Ich bin noch groß geworden mit der klassischen Aufteilung: Fleisch gab es Sonntags oder zu Festtagen. In der Woche Fleisch zu essen war eine große Ausnahme. Da ist es wichtig, auch einmal Verzicht zu üben und sich zu überlegen: Ist das Ausmaß meines aktuellen Fleischkonsums eigentlich gut so?

Und – ist es das?

Die Art und Menge der Fleischproduktion ist so nicht zukunftsfähig. Wir werden die wachsende Weltbevölkerung mit dieser Form der Fleischerzeugung nicht satt bekommen ohne das Ökosystem der Erde massiv zu schädigen.

Das sehen viele Landwirte anders.

Das glaube ich nicht. Ich nehme an sehr vielen Gesprächen mit Landwirten teil. Gerade Verbandsvertreter sagen mir: Der Strukturwandel wird weiter gehen und weitere Schritte sind notwendig. Ernährungssicherheit, Tierwohl, ökologische Herausforderungen sind nur einige Fragen. Dabei dürfen allerdings die Existenzen der Landwirte nicht gefährdet werden.

Im März sind wieder Kirchenvorstandswahlen. Vor sechs Jahren gab es Probleme, überhaupt Kandidaten zu finden. Wie ist die Lage heute?

Besser als erwartet. Die Sorge war groß, dass es nicht reicht. Nun zeichnet es sich ab, dass es weniger als ein Prozent der mehr als 1.200 Kirchengemeinden sind, in denen keine Wahl stattfinden kann. Trotzdem ist das eine wichtige Frage. Wir müssen das System so weiterentwickeln, dass sich Menschen gerne innerhalb der Kirche ehrenamtlich engagieren. Man könnte zum Beispiel die Amtszeiten auf drei Jahre halbieren. Aber am Ende wird es vermutlich ein ganzes Bündel an Maßnahmen sein. Viele Gemeinden wünschen sich, dass das Wahlverfahren vereinfacht wird.

Ein Thema, das aktuell ebenfalls viele in der Kirche umtreibt, ist die neue Kirchenverfassung…

Stimmt.

…Im Pfarrervereinsblatt stand vor einiger Zeit, die Reform sei teuer, man verliere dadurch Mitglieder, und die Landeskirche mutiere zu einer starren Kirchenorganisation. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Zunächst einmal freue ich mich, dass wir in einem sehr transparenten Verfahren über 400 Reaktionen bekommen haben. Dieser Verfassungstext ist neben der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen für die Ordnung und Zielsetzung unserer Landeskirche grundlegend. Der Pfarrverein hat eine wichtige Stimme, die aber nur eine der Stimmen unter den hauptamtlich Beschäftigten ist. Ich glaube, mit der neuen Verfassung können wir auf die Herausforderungen einer sich wandelnden Welt reagieren.

Ein Modell, das benannt wird, ist die Personalgemeinde, die nicht in erster Linie an einen bestimmten Bezirk gebunden ist. Es gibt Pfarrer, die befürchten, dass ihnen dadurch Geld und Personal entzogen werden können.

Wenn man diese Kirchenverfassung unter dem Gesichtspunkt finanzieller Verteilungsgerechtigkeit beurteilt, geht das an ihrem eigentlich Sinn vorbei. Die Verfassung ist keine Finanzsatzung. Der alte Verfassungstext war mehr als 50 Jahre alt und in einigen Dingen nicht mehr zeitgemäß. Es war notwendig daran zu arbeiten und die lebendige Debatte zeigt, dass es intensiv wahrgenommen wird.

Welchen Stellenwert hat die Personalgemeinde für Sie?

Viele Menschen sind heute religiös auf der Suche. Die einen wollen, dass alles bleibt wie es ist. Die anderen wollen, dass Religion ihren persönlichen Präferenzen, ihrem kulturellen und intellektuellen Niveau entspricht. Für diese Richtung ist eine Personalgemeinde, die zum Beispiel eine Kulturkirche sein kann, ein möglicher Ort. Man darf das aber nicht überschätzen. Ich glaube, dass die Personalgemeinde nie die Regel sein wird. Zumindest nicht in näherer Zukunft.

Viele, die Sie als Suchende beschreiben, kommen aus der Landeskirche und sehen sich etwa nach einem Umzug oder während des Studiums in ganz unterschiedlich konfessionell gebundenen Gemeinden um und schauen, was zu ihnen passt. Das kann auch bedeuten, dass sie Freikirchen beitreten.

In Berlin habe ich erlebt, dass dort fast jeden Monat eine neue christliche Initiative gestartet ist. Städte sind religionsproduktive Orte. Da erreicht man auch ganz andere Gruppen. Ich sehe das positiv. In Lübeck gibt es eine großartige Kulturkirche. Die Menschen dort sind in anderen Gemeinden Mitglied, fühlen sich dieser Kulturgemeinde aber zugehörig. Vielfältig ist auch das Angebot in unserer Hannoverschen Landeskirche, da spielt nicht nur der Territorialbezug eine Rolle für das Zugehörigkeitsgefühl eines Gemeindemitglieds. Das ist ein Modell von vielen, die zeigen, dass unsere kirchlichen Strukturen vielfältiger werden - das werden wir nicht verhindern. Ich finde das gut.

Inwieweit muss denn auch das Berufsbild des Pfarrers sich wandeln – zum Beispiel hin zum Pfarrer im Nebenberuf?

Nach meiner Erfahrung hat sich das Bild des Pastors in den vergangenen Jahren schon enorm gewandelt – hin zu einem Generalmanagement eines kleinen Unternehmens mit Finanz- und Personalverantwortung. Und so sehr man das bedauern kann, so sehr zeigt es auch die besondere Qualität, wie Pastorinnen oder Pastoren eine Gemeinschaft zusammenbinden. Dennoch ist und darf das nicht die Hauptaufgabe des Pastors sein. Eine Theologin bzw. ein Theologe trägt eine besondere geistliche Verantwortung für Seelsorge, Gottesdienst, Amtshandlungen. Die Kirche ist kein sozialer Zweckverband sondern lebt aus dem Auftrag Jesu Christi.

Niedersachsen soll einen weiteren Feiertag bekommen, wahrscheinlich den Reformationstag. Können Sie die anhaltende Kritik etwa von jüdischer und katholischer Seite verstehen?

Ich nehme das sehr ernst. Es ist eine riesige Herausforderung für die evangelische Kirche, diesen Tag – sollte es ihn geben – konstruktiv und offen auch mit anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsverbänden zu nutzen. Wir wollen dazu einladen. Ich kann noch gar nicht sagen, wie die Gestaltung eines Tages der Reformation konkret aussehen wird. Denn das Programm dazu muss auch im Dialog mit Partnern erarbeitet werden. Die Frage ist: Wie kann man diesen Tag zu einem Tag machen, an dem die Herkunft und die Zukunft unserer Gesellschaft bedacht wird?