Bundesweiter Vergleich Studie: Lehrer arbeiten viel zu lange

Gewerkschafter protestierten am Montag in Hannover mit Plakaten am Rande einer Pressekonferenz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Foto: dpaGewerkschafter protestierten am Montag in Hannover mit Plakaten am Rande einer Pressekonferenz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Foto: dpa

Hannover. Arbeiten die Lehrer in Deutschland zu viel? Eine neue Studie im Auftrag einer GEW-nahen Stiftung sagt: Ja. Und zwar in allen Bundesländern und schon seit Jahrzehnten.

Seit der Kaiserzeit hat sich die Arbeitswelt in Deutschland grundsätzlich gewandelt. Doch eine Sache ist heute noch weitgehend so wie im Jahr 1873: Die Arbeitszeit von Lehrern wird in Deputaten gemessen. Ein Volksschullehrer hatte im Jahr 1873 im Deutschen Reich ein Deputat von 30 Unterrichtsstunden. Ein niedersächsischer Grundschullehrer kam im Jahr 2015 auf 28 Unterrichtsstunden, sagt Doktor Frank Mußmann von der Uni Göttingen.

Und auch etwas anderes ist Mußmann zufolge beständig: Lehrer arbeiten mehr als vergleichbare Beamte im öffentlichen Dienst. Dies ist das Ergebnis einer Expertise im Auftrag der Max-Träger-Stiftung, die der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) nahesteht.

Dafür haben Mußmann und seine Kollegen 20 Studien zu deutschen Lehrerarbeitszeiten aus den vergangenen sechs Jahrzehnten zu einer Meta-Studie zusammengefasst: Das Ergebnis: Lehrer arbeiten pro Woche 100 Minuten länger als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit ihrer 40-Stunden-Woche: Den Studien zufolge reißen vor allem Gymnasiallehrer die Stundenvorgaben. Doch in den vergangenen Jahren haben demnach auch die Grundschullehrkräfte bei der Arbeitszeit massiv draufgelegt.

Absage ans Unbestimmte

Weil alle Studien in dieselbe Richtung weisen, hält Mußmann nun für bewiesen, dass die Lehrkräfte in Deutschland tendenziell überlastet sind. Dieser Befund ist problematisch für die jeweiligen Dienstherren. Denn die gehen davon aus, dass die Lehrerarbeitszeit „unbestimmt“ ist. Ebenso wie Richter stempeln Lehrkräfte nicht ein und aus, die reale Arbeitszeit wird also nicht nachgehalten, sondern hochgerechnet. „Die Unbestimmtheit ist nicht mehr gegeben“, sagt er.

Ein Satz, den die GEW gerne aufgreift. Vor allem in Hannover, wo in der Landespolitik seit Jahren ein Streit um die realen Lehrerarbeitszeiten kocht.

2015 hatte das Oberverwaltungsgericht die von Niedersachsens Landesregierung verordnete Arbeitszeiterhöhung für Gymnasiallehrer als verfassungswidrig abgeschmettert. Die Richter forderten zudem eine unabhängige Arbeitszeituntersuchung für Lehrkräfte ein. Seitdem drohen Lehrerverbände dem Land mit Klagen, gleichzeitig verspricht die Landesregierung eine Evaluation der Zeiten.

„Die Unbestimmtheit ist Ausrede“, sagt GEW-Bundeschefin Marlis Tepe. Die freigestellte Lehrerin Tepe berichtet, dass die Unterrichtsverpflichtung in ihrer schleswig-holsteinischen Schule seit 1979 in etwa gleich geblieben sei. Dabei seien viele neue Aufgaben hinzugekommen.

Mußmann rechnet vor, dass ein Grundschullehrer im Jahr 1960 noch die Hälfte seiner Arbeitszeit für Unterricht gebraucht habe. 2016 seien es nur noch 40 Prozent. Dafür seien die „sonstigen Tätigkeiten“ von 17 Prozent im Jahr 1960 auf 35 Prozent gestiegen – und zwar auf Kosten der „unterrichtsnahen Lehrarbeit“ .

Die GEW fordert deshalb bundesweit Entlastung: Denn die Zusatzarbeit gehe klar auf Kosten der Qualität und der Gesundheit der Lehrkräfte.


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