Ministerpräsident im Vatikan Sorge um Zusammenhalt eint Papst und Weil

Von Klaus Wieschemeyer | 19.10.2018, 15:54 Uhr

Papst Franziskus hat am Freitag Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zur Privataudienz empfangen. Es ist ein Treffen in für beide unruhigen Zeiten.

Papst Franziskus hat am Freitagmorgen den niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil empfangen. Bei dem 35-minütigen Gespräch im Vatikan ging es nach Weils Worten vor allem um die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesichts der Flüchtlingskrise und des Aufstiegs populistischer Parteien in Europa. Es stelle sich die Frage, „ob wir versuchen, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten oder den Spaltungstendenzen folgen“, sagte der SPD-Politiker im Anschluss an die Audienz. Man sei sich einig gewesen, für den Zusammenhalt zu kämpfen. Mitreisenden Journalisten hatte der Vatikan den Zutritt verweigert. Das Gespräch in der Bibliothek des Apostolischen Palastes fand Teilnehmern zufolge in einer guten Atmosphäre statt. Weil gab sich beeindruckt von der Persönlichkeit des 82-Jährigen. Er habe „eine große Freundlichkeit und Interesse“ beim Heiligen Vater festgestellt, sagte der Ministerpräsident.

Dunkle Vorzeichen

Es ist das zweite Treffen der beiden: Bereits im September 2014 hatte Weil, damals zusätzlich als Bundesratspräsident, Franziskus besucht. Und schon damals drehte sich das Gespräch überwiegend um Flüchtlinge. Vier Jahre später sind die Themen dieselben, die Vorzeichen aber dunkler: Die Flüchtlingspolitik spaltet sowohl Italien als auch Deutschland. In Rom sind die einstigen Volksparteien der Christdemokraten und Sozialisten nur noch Schatten einstiger Größe, auch in Deutschland stehen CDU und SPD kurz vor der Landtagswahl in Hessen stark unter Druck.

Die Lage im Land war auch Thema eines Gesprächs mit dem Weils mit dem neuen deutschen Botschafter in Italien, Viktor Elbling. Der Ministerpräsident ist besonders besorgt über die wachsende Europaskepsis im Land: Während früher die große Mehrheit der Italiener die EU befürwortet hatte, sind die Werte zuletzt dramatisch gesunken.

Irritationen über Aussagen zu Abtreibung

Uneinigkeit zwischen Vatikan und Ministerpräsident herrschte unterdessen beim Thema Schwangerschaftsabbruch. Dass der Papstes die Abtreibung, mit Auftragsmord verglichen hatte, sei „bei vielen Menschen in Deutschland und Niedersachsen auf deutliche Irritationen und Unverständnis gestoßen", sagte Weil und schloss sich selbst dabei ein. Er habe den Eindruck dass Deutschland in Sachen Abtreibungen seit vier Jahrzehnten einen gesellschaftlichen Kompromiss praktiziere.

Ein weiteres Thema des Gesprächs war der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Weil lobte dabei den Umgang der Bistümer in Niedersachsen. Diese würden die Aufklärung sehr energisch vorantreiben. Dadurch könne Vertrauen gefestigt und zurückgewonnen werden.

Treffen mit Unternehmer Höffmann

Bereits am Donnerstagabend hatte sich Weil mit dem Reiseunternehmer Hans Höffmann und dessen Sohn Andreas aus Vechta getroffen. Höffmann, der sich selbst als langjähriger persönlicher Freund von Papst Johannes Paul II. bezeichnet, organisiert seit Jahrzehnten erfolgreich Jugendreisen nach Rom, gerade erst sind hunderte Kinder aus Berlin wieder abgereist. Bei einem Wahlkampftermin 2017 hatte Weil den Unternehmer kennengelernt – und war tief beeindruckt.

Havliza will Bistumsvertreter treffen

Der Missbrauchsskandal hat unterdessen auch die Landespolitik in Niedersachsen erreicht: FDP-Fraktionschef Stefan Birkner hat Justizministerin Barbara Havliza (CDU) für angebliche Saumseligkeit bei der strafrechtlichen Verfolgung der Fälle scharf kritisiert. „Die Ministerin macht es sich zu einfach, wenn sie schlicht auf die Einschätzungen der Generalstaatsanwaltschaften verweist, dass es keinen Anfangsverdacht für strafrechtliche Ermittlungen gebe. Wir würden gerne wissen, ob die Ministerin und das Ministerium diese Einschätzung teilen und sich zu eigen machen“, sagte Birkner und kündigte an, das Thema in der kommenden Woche im Landtag anzusprechen. Bayern zeige, dass es anders geht. Am 16. November will sich Havliza mit Vertretern der niedersächsischen Bistümer treffen.