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Cesy Leonard erklärt Mutmuskel Radikale Töchter: Wie nutze ich meine Wut, um die Welt zu verändern?

Von Laura Cäcilia Wolfert | 20.05.2022, 06:06 Uhr

Die Radikalen Töchter sind eine Bande, die Aktionskunst betreiben. Mit ihrem „Mutmuskeltrainer” wollen sie Menschen zum politischen Handeln inspirieren. Aber wie werde ich mutig, statt mich zu ärgern?

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In diesem Artikel erfährst Du:

  • Wer die Radikalen Töchter sind.
  • Wie Du Wut nutzen kannst, um ins politische Handeln zu kommen.
  • Wie Du Deinen „Mutmuskel“ trainieren kannst und was damit gemeint ist.

Macht kommt von Machen. Die Radikalen Töchter sind eine selbsternannte Bande, die seit 2019 für „Legalen Stress” sorgen. Legaler Stress? Das bedeutet, dass die Radikalen Töchter mit Ansätzen der Aktionskunst Fragen politischer Bildung erörtern.

Mehr Informationen:

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Sie geben in ihren Workshops Anstöße, gesellschaftliche Anliegen zu formulieren und seine eigene (politische) Stimme zu entdecken. So arbeiten sie unter anderem mit Schulen, Ausbildungsbetrieben und Unternehmen zusammen.

Hier kannst Du das Video der Radikalen Töchter anschauen:

Mit einem Jahreskalender wollen die Radikalen Töchter nun Menschen abseits ihrer Workshops zum Handeln inspirieren. Der sogenannte „Mutmuskeltrainer” ist ein Jahreskalender für 2023 und Bestandteil eines Crowdfunding-Projekts. Er soll Dir dabei helfen, gesellschaftlich etwas zu bewegen und Themen in politische Aktionen zu verwandeln. „Denn Mut ist ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss”, sagen die Töchter, die nicht nur aus Frauen bestehen.

Mehr Informationen:

Der Mutmuskeltrainer ist ein Crowdfunding-Projekt der Radikalen Töchter. Wer den Kalender 2023 online für 28 Euro kauft, zahlt damit in die Fundingsumme ein. Ist der Betrag von 10.000 Euro erreicht, kann die Herstellung des Kalenders finanziert werden. Neben dem Kalender gibt es noch weitere Möglichkeiten, um das Projekt zu unterstützen - von freien Beiträgen oder dem Kauf anderer Prämien. So gibt es beispielsweise das Handbuch zum Handeln als PDF oder eine Mutprobe für jeweils fünf Euro zu kaufen. 

Wenn man seinen Bizeps trainieren will, geht man in das Fitnessstudio. Aber wie vergrößert man seinen Mutmuskel? Wie gelingt das, Mut trainieren? Wir haben mit der Gründerin der Radikalen Töchter, Cesy Leonard, gesprochen.

Hier kannst Du das Video der Radikalen Töchter zum Mutmuskeltrainer anschauen:

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Interview mit Cesy Leonard von den Radikalen Töchter über die Kraft von wütenden Frauen

Mut trainieren, funktioniert das wie beim Selbstbewusstsein: Fake it till you make it?

Cesy: Fake it till you make it klingt so negativ. Man gibt etwas vor, was man nicht ist. Ich würde eher sagen: Mutig sein fühlt sich selten mutig an. Erst im Nachhinein wird eine Tat als mutig bewertet. Aber während man etwas Mutiges tut, ist man oft ängstlich, weil man seine Komfortzone verlassen muss.

Mut ist wichtig. Wir brauchen Mut, wenn wir diese Welt mitbestimmen möchten, eine Idee von etwas haben und diese umsetzen wollen. Wir brauchen Mut, wenn wir eine Haltung vertreten, gegen den Strom schwimmen und uns für andere Menschen einsetzen. Mut ist essentiell notwendig, um eine Gesellschaft nach vorne zu bringen. Deswegen müssen wir üben, mutig zu sein und uns mit Mut auseinandersetzen.

Mehr Informationen:

Cesy Leonard ist Aktionskünstlerin, Sprecherin und Coach. 1982 war sie in der Stuttgarter HipHop-Szene als Graffiti-Artistin und Rapperin aktiv, studierte später an der Berliner Fritz Kirchhoff Schule „Der Kreis” Schauspiel und arbeitete anschließend in Film, Fernsehen und Theater. 2011 wurde sie fester Teil des künstlerischen Stabs des Zentrums für Politische Schönheit.

Auf der Suche nach weiteren Methoden, Menschen zum Handeln zu befähigen, gründete sie die Radikalen Töchter. Dabei werden laut ihrer Homepage „Menschen inspiriert ins Handeln zu kommen, sich einzusetzen für die Demokratie, für Freiheit, Gleichheit, Brüder und Schwesterlichkeit.” Cesy Leonard ist 39 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und lebt in Berlin.

Mit eurem Jahreskalender wollt ihr genau dabei unterstützen. Ihr schreibt, es geht um Mut – aber auch um Wut und Visionen. Wie hängt das zusammen?

Visionen sind total wichtig, um zu wissen: Wo soll es hingehen, wer will ich sein, wie soll die Zukunft aussehen, in der ich leben möchte? Um das anzutreiben, gibt es verschiedene Motoren. Wut ist eine total unterschätzte Energie, vor allem bei Frauen. Wütende Frauen wurden in den vergangenen Jahrhunderten als hysterisch oder inadäquat deklariert. Wut hilft einem aber klarzustellen: „Stopp! Bis hier hin und nicht weiter!“

Wenn Du die Kraft von Wut noch mit einem klaren Ziel verbindest – den Visionen – dann gibt Dir das eine enorme Schubkraft, Deine mutige Tat umzusetzen.

Wut kann auch frustrierend sein. Wie werde ich mutig genug, um etwas zu verändern, statt mich nur zu ärgern?

Das zentrale Thema ist die Zielsetzung. Es ist total okay, einfach mal sauer zu sein und Dampf abzulassen. So gibt es beispielsweise die Wut über einen Autofahrer, der einem die Vorfahrt nimmt. In unseren Workshops und im Buch stellen wir aber essenzielle Fragen. Zum Beispiel: „Wo berührt diese Wut eine tief empfundene Ungerechtigkeit in Dir? Das Gefühl, nicht gesehen zu werden?“

Wenn man sich darüber Gedanken macht, wird diese Wut oft politisch. Häufig hat sie etwas mit dem System zu tun. An dieser Stelle ist es wichtig, in das Handeln zu kommen – weg von „Dampf ablassen“ und hin zu „Visionen“. Wir arbeiten deswegen immer mit einer Kombination aus Wut und Ziel.

Und wie gelingt mir das konkret, ins Handeln zu kommen?

Nach 1945 war der allgemeine Tenor: Hätten wir nur vom Holocaust gewusst, wir hätten gehandelt! Das ist mittlerweile komplett widerlegt. Wir leben in einer Zeit, in der wir alles mitbekommen, alles sehen. Wir wissen von Hungersnöten, verzweifelten Zivilisten in Afghanistan, vom Ukraine-Krieg. Trotzdem ist es schwer, dieses Wissen in Handeln umzusetzen. Wie das gelingt?

Am Anfang setzt man sich ein Ziel und mithilfe von täglichen Ritualen und Fragen wie „wer will ich sein, welche Werte möchte ich vertreten“, versuchen wir genau das zu erreichen. Wir arbeiten auch viel mit Zitaten, weil das total inspirierend sein kann.

Die Radikalen Töchter sind auch auf TikTok:

Hast Du einen persönlichen Tipp, um mutig zu sein?

Für mich ist es auf jeden Fall das höhere Ziel. Als ich mal total Angst hatte, hat mir jemand gesagt: Es geht nicht um Dich, es geht um die Sache. Irgendwie hat das bei mir sehr befreiend gewirkt. Ich mache und spreche hier über etwas, das ist einfach größer und wichtiger als meine Befindlichkeit. . Das hat mich mutiger gemacht.

Es gibt aber noch andere Dinge, die mutiger machen. Dinge ausprobieren zum Beispiel oder mit anderen über Themen zu sprechen. Zusammen kann man viel erreichen. Bildet Banden!