Wie tickt der Netflix-Algorithmus? Wie tickt Netflix? Warum wird „Dark“ auch in den USA geguckt?

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Den Algorithmen sei‘s gedankt: „Dark“, die erste deutsche Serie des Streaming-Dienstes Netflix, wird auch im Ausland wahrgenommen. Foto: Stefan Erhard / NetflixDen Algorithmen sei‘s gedankt: „Dark“, die erste deutsche Serie des Streaming-Dienstes Netflix, wird auch im Ausland wahrgenommen. Foto: Stefan Erhard / Netflix

Berlin. Beim Streamingdienst Netflix gucken auch Amerikaner deutsche Serien wie „Dark“– weil der Algorithmus es ihnen vorschlägt. Aber: Wie funktioniert der eigentlich?

Wieso weiß Netflix, was seinen Zuschauern gefällt? Das Geheimnis ist ein Algorithmus, der das Nutzerverhalten auswertet. Damit er funktioniert, ist Handarbeit nötig.

Wieso wird „Dark“ auch in den USA geguckt?

Wie viele Menschen schon „Dark“ schon geguckt haben, erfahren nicht mal die Schöpfer Netflix-Serie Jantje Friese und Baran bo Odar. Die Zahlen scheinen aber gut zu sein. Vor einigen Tagen kündigte der Streamingdienst an, seine erste deutsche Original-Serie mit einer zweiten Staffel fortzusetzen. US-Medien erklären ihren Lesern sogar gerade, wie man bei Netflix die Untertitel aktiviert; offenbar weil eine große Menge von Amerikanern die deutschen Schauspieler unsynchronisiert hören will.

Greg Peters, im Netflix-Vorstand für die Produktentwicklung zuständig, hat also recht behalten. Anfang Dezember hatte er in Berlin vorausgesagt, dass „Dark“ massenhaft Nutzer ansprechen werde, die noch nie auch nur darüber nachgedacht hätten, eine deutsche Serie anzusehen. Beim Wachstumskurs von Netflix ist dieser Effekt überlebenswichtig. Bis zu acht Milliarden Dollar will das Unternehmen im kommenden Jahr für Filme und Serien ausgeben, zwei Milliarden mehr als in diesem Jahr. Das funktioniert nur, wenn die Abonnenten immer weiterschauen. (Zeitreisen? Menschenexperimente? Die „Dark“-Schöpfer erklären ihre Netflix-Serie)

Die Benutzeroberfläche: Netflix‘ wichtigste Werbetafel

Natürlich schafft auch Netflix Aufmerksamkeit über klassisches Marketing. Zurzeit kann man im Internet kaum ein Filmportal öffnen, ohne auf „Dark“-Banner zu stoßen. In Großstädten preisen hauswandgroße Plakate das Format an. Die zentrale Werbetafel bleibt aber die Benutzeroberfläche, die jeder Netflix-Kunde sieht, auf seinem Computer, seinem Smartphone – oder auf dem Fernsehbildschirm. 57 Prozent der Netflix-Nutzung findet in Deutschland über den Fernseher statt. Als das Unternehmen vor zehn Jahren anfing, Programm im Internet zu streamen, bestand die Startseite aus nur aus Kacheln mit Plakatmotiven. Seitdem, erklärt Peters, wird die Oberfläche kontinuierlich angepasst. Inzwischen werden neue Formate auch mit Trailern in voller Bildschirmbreite angekündigt. Zuvor wurden fünf alternative Video-Varianten erprobt – an Testgruppen, die Hundertausende Nutzer umfassen. Erst die sechste führte zu mehr Sichtungen und treueren Abonnenten und wurde deshalb flächendeckend übernommen. (90 Millionen Dollar: Was taugt der Netflix-Blockbuster „Bright“?)

250 Millionen verschiedene Netflix-Versionen

Trotzdem sieht Netflix für jeden Kunden anders aus. „Es gibt 250 Millionen Versionen“, sagt Peters. Denn so viele Profile haben die 109 Millionen Abonnenten für sich, ihre Partner und Kinder eingerichtet. Jedes einzelne wird auf Grundlage des Nutzungsverhaltens personalisiert: Dem vierjährigen „Peppa Wutz“-Fan werden auf seiner Startseite weitere Trickfilm-Serien angeboten. Wer beide Staffeln der amerikanischen Mystery-Serie „Stranger Things“ geguckt hat, dem schlägt Netflix nun das verwandte Formate „Dark“ vor. So kommt die deutsche Serie zu ihren internationalen Zuschauern. Die Personalisierung beruht auf Algorithmen, die das Sehverhalten jedes einzelnen Nutzers auswerten. Das klingt sehr technisch, hat aber eine menschliche Grundlage, wie Mike Hastings erklärt. Er leitet bei Netflix das Team, das die Inhalte verschlagwortet. Das bedeutet: 30 fachlich vorgebildete Mitarbeiter, ehemalige Filmkritiker oder Drehbuch-Autoren zum Beispiel, sehen sich das komplette Angebot an und ordnet es begrifflich ein. Am Ende ist jeder Film und jede Serienepisode mit mehreren Hundert von insgesamt rund 4000 Kriterien umschrieben. (Elfi ist zurück: Alles über die zweite Staffel von „Stranger Things“)

30 „Tagger“ füttern den Netflix-Algorithmus

Entsprechend kleinteilig können die Algorithmen die Vorlieben der Nutzer auswerten – dem sie dann nicht einfach nur Liebes- oder Actionfilme empfehlen, sondern: „Literaturverfilmungen mit einer weiblichen Hauptfigur“ oder „Adrenalingetriebene Rennen-gegen-die-Zeit-Action-Abenteuer“. Die Serie„Dark“ taucht in den Vorschlagslisten von Zuschauern auf, die „hirnverdrehende Fernsehserien“ mögen oder „TV-Marathon-würdige Thriller“. Genre, Tonfall, Darsteller, Familienfreundlichkeit – alles wird von den 30 „Taggern“ abgefragt. Sogar Abneigungen werden ausgewertet. Seit viele Menschen „House of Cards“ abgeschaltet haben, nachdem in der ersten Episode einen Hund getötet wird, gehört „Gewalt gegen Tiere“ zum Schlagwort-Katalog. Fließt dieser Wissenschatz auch in die Konzeption von Formaten ein? „Bislang nicht“, sagt Hastings. „Wir schreiben unseren Kreativen nichts vor.“

„Der Zuschauer will sein eigener Herr sein“, sagt Netflix-Vorstand Peters. Für die Attraktivität des zeitunabhängigen Streamens trifft das zu. Ansonsten vertraut Netflix aber darauf, den Nutzer besser zu kennen als er sich selbst. Eine erweiterte Suche, über die man all die Erfassungskriterien abrufen könnte, bietet das Programm schließlich nicht. Auf eigensinnige Formate aus exotischen Fernsehnationen wie Deutschland, beispielsweise also auf „Dark“ stößt man, wenn sie in die Blase der eigenen Sehgewohnheiten passen. Professionell danach suchen kann man nicht.


1997 wurde Netflix als Online-Videothek gegründet. Anfangs schickte das Unternehmen seinen Kunden DVDs noch per Post zu. Seit 2007 streamt Netflix Filme und Serien im Internet. Heute hat das Unternehmen rund 109 Millionen Abonnenten in 190 Ländern. Täglich streamt das Unternehmen über 125 Millionen Stunden Programm. Für 2018 kündigte Netflix an, rund acht Milliarden Dollar in neue Inhalte zu stecken.

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