Der Kandidat Kai-Uwe Kunze aus der RTL-Show „Mama Mia“

Von Daniel Benedict


Osnabrück. Bei der RTL-Show „Mama Mia“ gehen Junggesellen unter Mutters Aufsicht auf Brautschau; an diesem Sonntag endet die Show. Im Internet begleiten wir das Format ironisch – gleich zu Beginn haben wir den Kandidaten Kai-Uwe Kunze mit Norman Bates aus Hitchcocks „Psycho“ verglichen. Ein Witz, der verletzte:

Kunze ruft in der Redaktion an; seine Mutter schreibt . Wie kam es dazu? Ein Rückblick zum Finale:

Schon die Premiere der Kuppel-Show ist ein Debakel. Das Format startet am 3. Juli – dem Tag der Entmachtung von Ägyptens Präsident Mursi . Während die ARD mit einem „Brennpunkt“ punktet, strahlt RTL seine Kuppel-Konserve aus Ko-Samui aus. Reality statt Realität: Lächerlicher kann RTL seinen Informationsanspruch kaum preisgeben.

Zu allem Überfluss ist auch die Quote schwach. Die Premiere von „Mama Mia“ erreicht zur Primetime um 20.15 Uhr nur 2,2 Millionen Zuschauer. Mit der zweiten Folge brechen die Zahlen ein. Das Kuppelformat verliert seinen Top-Sendeplatz an das Reality-Camp „Wild Girls – Auf Highheels durch Afrika“ . Doch auch um 21.15 Uhr versagt „Mama Mia“. Die letzten zwei Folgen laufen im Sende-Nirwana am Sonntag um 14.35 Uhr. Für RTL ist „Mama Mia“ eine Enttäuschung. Für Kai-Uwe Kunze auch.

Denn nicht nur die TV-Kritik hat den Kandidaten verspottet. Auf dem Facebook-Auftritt von „Mama Mia“ wird er von den Fans regelmäßig verbal hingerichtet – als „Schleimbeutel“, „natürliches Verhütungsmittel“, „notgeil“ und „Gesichtsfratze“. Hier macht einer Inzest-Andeutungen, dort ergeht man sich in Vernichtungsfantasien: „Ich schreib lieber nicht, was sie zu einer anderen Zeit mit so ’nem Typen gemacht haben. Kaum einer löst so einen Hass in mir aus!!!“

Fühlt RTL sich dafür verantwortlich? „Grundsätzlich beobachten und moderieren wir alle offiziellen RTL-Formatseiten entsprechend der dort für die User gültigen‚Netiquette‘“, antwortet Sendersprecher Matthias Frey. Der Umgangston in Köln scheint rau zu sein, wenn all das der Etikette entspricht.

Von den vier „Mama Mia“-Kandidaten erntet nur Kai-Uwe Kunze so einseitige Reaktionen. Warum? RTL zeigt ihn als Kuriosum. Mal leckt er einer Kandidatin Eis von den Brüsten. Mal schreitet er eine Treppe hinunter, als wäre er bei „Germany’s Next Topmodel“. Immer wieder zeigt der Sender die Szene, in der eine Kandidatin sich hinter Kunzes Rücken den Finger in den Hals steckt – scheinbar nachdem er gerade Gruppensex vorgeschlagen hat. RTL spitzt das im Schnitt zu, sagt Kunze. Tatsächlich reagiere die Frau hier nur auf das Angebot einer Fußmassage. Ganz unlauter ist die verdichtende Montage allerdings nicht; vom Dreier, so Kunze, hatte er eine knappe Stunde vorher auch gesprochen – ohne Kamera.

RTL erfindet den Kandidaten also nicht neu. Kai-Uwe Kunze bietet von sich aus viel an; wo er irritiert, lässt die Produktionsfirma Eyeworks ihn ins offene Messer laufen.

So funktionieren Kuppel-Shows: Sender beuten ungeschickte Selbstdarstellung aus – und machen ihre Kandidaten zu so verlockenden Zerrbildern ihrer selbst, dass Publikum und Berichterstattung das Angebot zum Spott kaum ausschlagen können. Selbst uns ist es passiert – obwohl wir sonst dem Grundsatz folgen, die Ironie auf die Verantwortlichen hinter der Kamera zu richten.

Im Fall von Kai-Uwe Kunze funktioniert der Kniff besonders gut, wenn der Sachse den Latin Lover gibt – ganz so, wie man es von vergleichbaren Formaten im Programm kennt. Mit einigen Kandidatinnen des RTL-„Bachelor“ ist Kunze befreundet.

Die Aufreißer-Rolle passt womöglich am schlechtesten zu ihm. Im Gespräch berichtet Kunze von einer Lebenskrise nach einer gescheiterten Partnerschaft. Damals sei er von 81 auf 56 Kilo abgemagert; seitdem versucht er, in Beziehungen einen „Schutzraum“ zu wahren. Von der verwundbaren Seite zeigt RTL ihn nie.

Seine dramaturgische Funktion im Format vermutet Kunze, mit 34 Jahren der Älteste im Kandidaten-Quartett, in seiner „Bindekraft für die Ü-30-Fraktion“. Erst nach dem Dreh wird er auf ein Vorgänger-Format von „Mama Mia“ aufmerksam gemacht, das Eyeworks im Ausland realisiert hatte: „Da gab es auch vier Männer: einen Macho, einen Schwulen, einen Bringer und einen Hanswurst“, so Kunze.

Das passt zur RTL-Variante: Der Pizzabäcker Fabio übernimmt den Part des Chauvis, das schwule Model Lukas sucht einen Mann, und Tom ist als smarter Sonnyboy inszeniert. War Kai-Uwe von Anfang an als „Hanswurst“ eingeplant? Eyeworks und RTL halten sich in der Frage des Typecastings bedeckt. Eyeworks hält das Sendekonzept auch auf Nachfrage unter Verschluss; der RTL-Sprecher beteuert: „Kai-Uwe ist ein interessanter und eloquenter Mann, der seine Ziele beruflich und auch privat klar verfolgt und den wir mögen und respektieren.“

„Kai-Uwe ist überdurchschnittlich intelligent und besonders in seinen genannten Fachgebieten ein absoluter Experte“, schreibt RTL schon im Presseheft zur Show. Es stimmt: Schon Kunzes Vokabular ist die PR-Erfahrung anzuhören. Er kann Produktionsetats einschätzen, schließt vom Programm-Umfeld auf Quotenchancen und kalkuliert vor dem Casting den Publicity-Wert des TV-Auftritts: „Eine RTL-Show hat einen enormen Kontaktgrad. So viele Menschen zu erreichen, würde sonst 500000 bis 600000 Euro kosten“, sagt er. „Es ist allerdings ein Unterschied, ob man dabei im Premium-Bereich inszeniert wird, im Subpremium-Bereich oder im Subsubsub.“

Aufmerksamkeit ist Teil seines Geschäftsmodells: Kunze tummelt sich auf VIP-Partys, wo er Milliardäre und Unternehmer auf Provisionsbasis zusammenbringen will. Tatsächlich hat er ein ganzes Portfolio von Bildern, die ihn in Cannes, Monte Carlo und München in der Schickeria zeigen – mit Roberto Blanco etwa, mit US-Militärs, mit den für ihre Schönheits-OPs berüchtigten Bogdanov-Twins. Die Umgangsformen der Upperclass, berichtet er, hat er als Patenkind einer superreichen Adligen aus Fernost kennengelernt.

Die geschäftliche Seite seines Highlifes kommt ihm in der RTL-Darstellung zu kurz: „Ich bin mehr als Party.“ Unwohl fühlt er sich auch mit seiner Optik: Der Gel-Scheitel der Auftaktepisode sei die Idee einer Visagistin gewesen. Auch der Schleichwerbe-Vorbehalt, mit dem der Sender auf seine private Designer-Kleidung reagiert habe, ärgert ihn. Seine nun einförmige Garderobe steht für ihn in peinlicher Diskrepanz zu seiner VIP-Expertise: „Ich habe bei Fashion-TV gearbeitet.“

Trotzdem ist Kunze nicht unversöhnt und redet freundlich über RTL und Eyeworks: „Ich habe Erfahrungen gesammelt“, bilanziert er. „Ich kann mir jetzt auch Drehtage von 20 Stunden zutrauen.“ Eigentlich hatte er mit diesen Kompetenzen noch viel vor: Gern hätte er zum Beispiel seine Kontakte als Society-Reporter für RTL nutzbar gemacht. Was sagt der Sender? „Derzeit gibt es dafür keine Pläne.“


Den Leserbrief von Evelyn Kunze und die Antwort unseres Autors lesen Sie hier.