„Ein Kind wird gesucht“, 20.15, Arte Beeindruckende Verfilmung des Falls Mirco

Von Tom Heise


Osnabrück. Es war eine der aufwendigsten Mordermittlungen in der Geschichte unserer Republik. Im Herbst 2010 verschwindet der zehnjährige Mirco in der Nähe von Grefrath in Nordrhein-Westfalen spurlos. Eine Sonderkommission unter Leitung von Ingo Thiel startet eine der bis dato größten Suchaktionen. Über 140 Tage später wird Mircos Mörder verhaftet, der die Ermittler zur Leiche des Jungen führt. Jetzt wurde dieser spektakuläre Fall von Urs Eggert fürs Fernsehen verfilmt.

Spektakulär ist der Film nicht – aber dafür grandios, gerade weil er auf effektheischende Momente verzichtet. Ruhig und chronologisch wird der Fall vom Verschwinden des Jungen bis zur Festnahme des Täters erzählt. Immer wieder informieren Einblendungen den Zuschauer über die vergangene Zeit. Anfangs in  kurzen Abständen (Tag 1, Tag 2 usw.), später werden die Sprünge größer.

An der Vorlage zum Film (Drehbuch: Katja Röder und Fred Breinersdorfer) waren auch Mircos Eltern Sandra und Reinhard Schlitter (im Film von Silke Bodenbender und Johan von Bülow gespielt), sowie Soko-Leiter Ingo Thiel (Heino Ferch) beteiligt, die jeweils ein Buch zum „Fall Mirco“ veröffentlichten. Vielleicht wirkt alles deswegen „so unglamourös glamourös“, wie Heino Ferch es formulierte. Er findet, die Sprödigkeit des Normalen zu dramatisieren sei die Kunst des Films.

Akribisch

Regisseur Egger zieht den Zuschauer mit der akribischen Darstellung der Ermittlungsarbeit in seinen Bann, Orte und Namen werden im Film  nicht verfremdet. Was passiert ist und wie es ausgeht, dürfte etlichen Zuschauern bekannt sein. Wie aber Thiel und sein vielköpfiges Team trotz ermüdender Rückschläge nie aufgeben, fesselt mehr als die ganze Action in fiktiven Krimis. Hier sieht man die Mühen realer Polizeiarbeit mit einer vergeblichen Suchaktion mit über 1000 Beamten, Booten, Drohnen und sogar Tornado-Kampfjets der Bundeswehr mit Wärmebildkameras. Ernüchterndes Ergebnis: nichts außer dem Fund einer toten Wildsau. Ein öffentlicher Aufruf der Eltern bleibt erst ebenso erfolglos wie ein Beitrag bei „Aktenzeichen XY - ungelöst“. Doch der Film zeigt auch, wie sich die Soko motiviert: so feiert das Team in einer Szene (Tag 112) den „5.000 Zeugen-Anruf“ mit einer Urkunde.

Eine andere Ebene des Films ist neben der genauen Darstellung der Ermittlungsarbeit die Beziehung zwischen Kommissar Thiel und Mircos Eltern, denen der Polizist am Anfang das Versprechen gibt, ihnen ihren Sohn zurückzubringen. Nachdem Thiel zu Beginn die sehr religiösen Schlitters selbst verdächtigt, sich an ihrem Jungen vergangen zu haben, entwickelt sich im Laufe der Zeit ein fast vertrautes, freundschaftliches Miteinander. Der Film zeigt dies in einer Szene, in der am Nikolaustag Sandra Schlitter mit ihren beiden Töchtern ins Präsidium kommt und dem Team Süßigkeiten und Nikoläuse überreicht. Man ist mittlerweile „per Du“. Die Familie zeigt Vertrauen und gibt der Soko Unterstützung.

Langweilige Polizeiarbeit - spannend inszeniert

Silke Bodenbender und Johann von Bülow spielen Mircos Eltern beeindruckend, lassen uns an ihrer Wut und Verzweiflung, aber auch an ihrer Hoffnung teilhaben. Wenn von Bülow in seiner Rolle an „seinem Gott“ zweifelt, ist dies einer der großen Momente des Films. Heino Ferch hingegen spielt seine Figur mit reduzierte Mimik wohltemperiert zurückgenommen und zeigt dabei einen Mann, der trotz aller Rückschläge unbeirrt seinen eingeschlagenen Weg geht.

Würde es nicht so makaber klingen, könnte man sagen, das Leben schreibe die besten Geschichten. Dieser Krimi nach einem wahren Fall zeigt in keiner Szene Gewalt, in keiner Szene wird jemand mit einer Waffe bedroht, es gibt keine Verfolgungsjagden, keinen Show-Down und nur ganz gewöhnliche Kommissare ohne große „Ticks“, die akribische, teils langweilige Polizeiarbeit verrichten. Diese aber so einnehmend zu inszenieren, ist das Verdienst des Films.

Starkes Stück Fernsehen

Eine Faser in der Beugefalte des Rücksitzes eines Passats, den die Beamten in Fleißarbeit aus tausenden Autos „rausrasterten“, wird am Ende den Täter überführen - einen bieder wirkenden Familienvater und Nachbar eines Soko-Beamten. Er wird die Polizisten zu Mircos Leiche führen – eine weitere bewegende Szene des Films. Nach 145 Tagen sind Ingo Thiel und sein Team am Ziel und können gegenüber Mircos Eltern ihr Versprechen einlösen.

Urs Eggers Film ist eine starkes Stück Fernsehen, das mit großem Respekt vor den Opfern und den Ermittlern einen bemerkenswerten Fall nacherzählt, in dem einen die Sinnlosigkeit der Tat und die Normalität des Täters  schaudern lassen und der uns viel über echte Polizeiarbeit lehrt.


Ein Kind wird gesucht: Freitag 15. Dezember 2017, 20.15 Uhr, Arte