Vagina zum Selberbasteln 61 Minuten Sex: Der Dr. Sommer der YouTube-Ära

Von Daniel Benedict

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Berlin. Das Netz klärt auf: Auf ihrem YouTube-Channel 61MinutenSex erklären der Sexualpädagoge Jan Winter und seine Kollegin Gianna Chanel alles, was man vor, während und nach dem ersten Mal wissen muss.

Kaum ein Themenfeld ist angstbesetzter als das von Jugend, Sex und Internet. Dabei eignet sich ein Portal wie YouTube wunderbar, um Teenager in ihren Fragen zu begegnen und zum Gespräch über den eigenen Körper zu ermutigen. Den Beweis liefern Jan Winter und Gianna Chanel auf ihrem Aufklärungskanal 61MinutenSex .

Er ist nicht nur eine Antwort auf die Online-Pornografie. Vor allem füllt er eine Lücke in der Alltagswelt: „Wo es um Sex geht, ist die Kommunikation zwischen den Generationen noch immer nicht gut“, sagt Jan Winter. Deshalb beantworten er und seine Kollegin Gianna Chanel vor laufender Kamera die offenen Fragen. Ihre Namen sind falsch - wie einst bei Dr. Sommer , Winters Expertise aber ist echt: Der 33-Jährige ist Sexualpädagoge.

61MinutenSex hilft bei Beziehungsfragen („Wie man seine Liebe gesteht, ohne sich zum Deppen zu machen.“), greift aber auch die gesellschaftliche Debatte um die Homo-Ehe auf. Vor allem widmet sich der Kanal Wartung, Gebrauch und Pflege des Körpers. Winter schildert den Point-of-no-return , nach dem auf jeden Fall der Orgasmus stattfindet - „auch wenn die Eltern reinkommen“ . Und er macht vor, wie man sich eine Vagina bastelt : aus Handtuch, Gummihandschuh, Socken und Gleitgel.

Was interessiert am meisten? „Konkrete Gebrauchsanleitungen“, sagt Winter. „Trotzdem wollen wir alles abdecken; es geht uns nicht um Klick-Effizienz, sondern um Bildung.“ Dazu gehört auch Körperaufklärung, Themen wie Nippel , die im falschen Moment sichtbar werden, sowie das Erscheinungsbild des Penis. In zweieinhalb Jahren ist so eine Aufklärungsgeschichte in 250 Kapiteln entstanden, die auch Erwachsene mit Gewinn anklicken.

Der mit über 2,7 Millionen Abrufen beliebteste Film erklärt, wie man beim Sex eine Frau anfasst . Über 80 Prozent der Nutzer von 61MinutenSex sind Jungs im Alter von 13 bis 17 Jahren. Woher das einseitige Geschlechterverhältnis? „Frauen kommunizieren mehr miteinander“, meint Gianna und vermutet, dass Jungs intime Fragen dagegen lieber für sich allein klären. „Außerdem bleiben viele hängen, die eigentlich Pornos suchen“, sagt Jan. Dementsprechend titelt er seine Filme auch mal mit harten Suchbegriffen. Zwischen betont sachlichen Titeln („Wie Mädchen sich richtig waschen “ ) mischen die beiden Vokabular wie „Lesben Sex“ . Wer auf dem YouTube-Steckbrief von 61MinutenSex dem Link „Titten“ folgt, landet bei der Kondom-Auswahl von Amazon. Aufklärung als Trojanisches Pferd.

Der Amazon-Link ist ein Nebenerwerbsmodell auf Provisionsbasis. Winters wesentliche Einnahmen stammen allerdings aus der Beteiligung an der YouTube-Werbung. Gerade hat der Kanal die Schallgrenze von 100000 Abonnenten gerissen, die für vier Millionen Zugriffe im Monat sorgen. „Sachthemen haben es bei YouTube schwer. Wir sind die Ausnahme“, sagt Jan. „Ich werde Multimillionär!“Auch wenn das noch dauert: Nach zwei Jahren Vorarbeit kann zumindest er inzwischen hauptberuflich davon leben. Gianna Chanel studiert noch.

Im Schnitt produzieren die beiden zwei Filme pro Woche. Besonders intensiv schlägt die Nachbereitung zu Buche: 6000 Kommentare sind im Juli eingelaufen. Jeder, der in einer persönlichen Nachricht um Rat fragt, bekommt Antwort.

Wie erleben Jan und Gianna die angebliche „ Generation Porno “ ? Jan Winter sieht in den Wort nur die ewige Sorge um eine Jugend, mit der es seit 2000 Jahren bergab geht. Er zitiert Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Das erste Mal findet heute nicht eher statt als früher. Für unsere Großmütter wären Pornos ein Schock gewesen“, sagt er. In einer völlig anderen medialen Umgebung könnten Teenager solche Bilder heute aber besser einordnen. „Und ob man nun wie damals Angst hat, vom Küssen schwanger zu werden, oder heute schon als Teenager Pornos kennt - das Wichtigste ist immer noch, selbstbestimmtes Handeln zu lernen.“

Wie kommen Jan und Gianna mit ihren Inhalten bei einem traditionell verklemmten US-Konzern durch? „Beiträge über Vibratoren können wir nicht einstellen“, sagt Gianna. „Am Anfang kam es auch zu automatischen Altersbeschränkungen“, sagt Jan - womit das Angebot für Teenager ad absurdum geführt war. YouTube habe sich aber überzeugen lassen: Über Sex zu reden, ist gut - gerade, wenn es in direkten Worten geschieht. Ein erster Erfolg im Kampf gegen die Sprachlosigkeit vor dem eigenen Körper.