Langjährige ARD-Korrespondentin „London Calling“: Annette Dittert schreibt Liebeserklärung an kauzige Insulaner

Von Reinhard Lüke

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Kennt sich mit Land und Leuten in Großbritannien aus:  Annette Dittert war lange Jahre ARD-Korrespondentin in London. Foto: imago/Future ImageKennt sich mit Land und Leuten in Großbritannien aus: Annette Dittert war lange Jahre ARD-Korrespondentin in London. Foto: imago/Future Image

Osnabrück. Annette Dittert, langjährige ARD-Korrespondentin in London, hat mit „London Calling“ ein ebenso informatives wie unterhaltsames Buch über die Briten verfasst.

In ihrem Buch „London Calling“ lässt Annette Dittert, bis 2014 Leiterin des Londoner Studios der ARD, die Leser an ihren Erfahrungen teilhaben, indem sie sie mit auf ihre Streifzüge durch ein inzwischen gespaltenes, aber nach wie vor faszinierendes Land mitnimmt. Und davon abgesehen, dass Dittert in einem Kapitel Prinz Charles bei einer Besuchstournee auf dem Land begleitet (und sich auch da mehr für die Besuchten interessiert), kommen gekrönte Häupter in ihren launigen Betrachtungen so wenig vor wie hochkarätige Politiker.

„Very british“

Stattdessen trifft sie vornehmlich in London viele Menschen, die auf ihre Art very british daherkommen. Darunter liebenswert-verschrobene Charaktere, die seltsame Privatmuseen betreiben, oder Sophie, eine Ikone von Notting Hill. Dabei erfährt man quasi en passant, wie der gleichnamige Kino-Hit das Ende des einst quirligen Stadtteils einleitete, der wie so viele andere längst von der Gentrifizierung heimgesucht wurde. In Ditterts Buch erfährt man, wann und in welchen Nischen der alte Geist des Viertels trotzdem noch immer zu finden ist.

Aber natürlich kommt die 54-Jährige bei ihrer Liebeserklärung an die kauzigen Insulaner nicht um den 23. Juni 2016 herum, an dem die Briten mehrheitlich für den Brexit votierten.

„Unselige Abstimmung“

„Bei der Abstimmung“, sagt Annette Dittert im Gespräch mit dieser Redaktion, „ging es um alles Mögliche, aber nicht um die EU. Inzwischen hat sich daraus ein gänzlich irrationaler Kult entwickelt. Wer sachliche Argumente gegen den Ausstieg formuliert, wird von den Brexit-Anhängern als Landesverräter beschimpft. Die unselige Abstimmung hat das Land tief gespalten. Auch mein persönliches Lebensgefühl als nun quasi Ausländerin hat sich massiv verändert. Ich gehöre plötzlich nicht mehr dazu. Und wenn ich neue Menschen kennenlerne, ertappe ich mich inzwischen selbst dabei, dass ich erst mal scanne, ob sie für oder gegen den Brexit sind.“

In ihrem Buch macht die Journalistin nachvollziehbar deutlich, dass die Motive der Brexit-Befürworter im Prinzip dieselben waren, die in den USA Trump an die Macht brachten oder hierzulande der AfD zu ihren Wahlergebnissen verhalfen. Menschen, die sich in ihrer materiell bescheidenen Existenz abgehängt fühlten und im Fall von Großbritannien jenen Populisten Glauben schenkten, die ihnen einredeten, die EU sei dafür verantwortlich.

Zum Zeitpunkt der Entscheidung war Annette Dittert zwar nicht mehr ARD-Korrespondentin in England, aber dennoch unmittelbar von ihr betroffen, da sie London zu ihrer Wahlheimat erkoren hat und dort auf einem Hausboot mit dem schönen Namen Emilia wohnt.

Kein Traumjob mehr

Ihren alten Job vermisst sie allerdings kaum. „Der Beruf der Auslandskorrespondentin“, erklärt sie, „hat in den letzten Jahren viel von seinem Nimbus als Traumjob eingebüßt. Was vor allem damit zu tun hat, dass man wegen all der neuen Nachrichtenformate und der sozialen Medien, die man mitbedienen muss, nahezu rund um die Uhr im Dienst ist. In diesem Hamsterrad kommt man kaum noch dazu, längere Reportagen über sein Berichtsgebiet zu machen, und damit fehlen den Korrespondenten oft jene tieferen Erfahrungen mit Land und Leuten, über die man doch eigentlich berichten soll.“ Nachdem sie sich 2015 eine einjährige Auszeit genommen hat, dreht Annette Dittert als Autorin für den NDR und die ARD inzwischen wieder Filme zu unterschiedlichen Themen.

Für die ARD in Polen unterwegs

Unlängst war sie in Polen unterwegs, wo sie von 2001 bis 2004 das ARD-Studio in Warschau geleitet hat. „Das Land ist auf dem besten Weg“, so Dittert, „sich in eine Diktatur zu verwandeln. Die Justiz hat ihre Unabhängigkeit verloren, in neuen Schulbüchern finden sich teils offen rassistische Bemerkungen, die Medien sind weitgehend gleichgeschaltet, und das staatliche Fernsehen ist ein reiner Propagandasender. Die Polen sind, wie auch andere Länder des ehemaligen Ostblocks, dabei, die EU von innen auszuhöhlen. Was ich für das Staatenbündnis für viel gefährlicher halte als den Brexit.“ Der dazugehörige Film wird im Dezember als Erstausstrahlung bei Arte zu sehen sein.

Aber Annette Ditterts Herz, so macht ihr Buch in liebevoller Art deutlich, hängt vor allem an England beziehungsweise an den Engländern. Denn es sind vor allem die Menschen, die sie in einer wunderbar beiläufigen Art porträtiert, die es ihr angetan haben. Seien es Bootsnachbarn, die auf einen Plausch und einen ordentlichen Schluck vorbeischauen oder Zufallsbekanntschaften von der Straße, mit denen sie ins Gespräch kommt. Und da die Autorin ihre Erlebnisse auch immer wieder mit einem gehörigen Schuss (Selbst-)Ironie würzt, ist das Ganze nicht zuletzt ein überaus dienlicher Reiseführer durch das Land der Briten und ihre Mentalität, von der sich Dittert hin und wieder auch durchaus mal genervt zeigt.


Buchtipp

Annette Dittert: „London Calling“. Sachbuch. 272 S., Hoffmann und Campe Verlag, 20 Euro.

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