Gespräch mit Regisseur Dirk Kummer „Zuckersand“ – DDR-Drama aus Kindersicht

Von Marcel Kawentel

Beste Freunde: Jonas (Valentin Wessly, links) und Fred (Tilman Döbler). Foto: BR/Julie VrabelovaBeste Freunde: Jonas (Valentin Wessly, links) und Fred (Tilman Döbler). Foto: BR/Julie Vrabelova

Osnabrück. Unzählige Filme sind bereits über die DDR gemacht worden - gibt es immer noch etwas Neues zu erzählen? Dirk Kummer ist mit „Zuckersand“ eine einfühlsame DDR-Geschichte aus Kindersicht gelungen. Mit unserer Redaktion sprach er über die Schwierigkeiten der Finanzierung und den Dreh mit Kinderdarstellern.

Fred und Jonas, beste Freunde, beide zehn Jahre alt, leben behütet im Brandenburg Ende der 70er Jahre. Als Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag stellt, beginnt die politische Welt der Erwachsenen einen Keil zwischen die beiden Freunde zu treiben.

„Es ging vor allem darum, eine Geschichte aus der Sicht eines Kindes zu erzählen,“ sagt Autor und Regisseur Dirk Kummer über ‚Zuckersand‘. „Aus Kindersicht kann man viel eher verzeihen und die politischen Zustände anders, tragikomisch erzählen. Ich bin 1966 geboren, ich war 1979 in einem ähnlichen Alter, zu einer Zeit, als die DDR nochmal aufblühte. Insofern ist Freds Geschichte auch ein Stück weit meine Kindheit.“ Diese Kindheit zeigt Kummer gleich zu Beginn des Films in einer schönen Titelsequenz als einen scheinbar endlosen Fluss von selbstvergessenen Abenteuerspielen. „Es war kein Problem für die Kinder sich leicht und unbefangen vor der Kamera zu bewegen,“ schwärmt Kummer, wenn er von den Dreharbeiten erzählt. „Aber das kann man nicht steuern, man kann nur die Bedingungen herstellen. Es gab eine Kinderbetreuerin, die die Kinder immer erst, wenn es ernst wurde, vor die Kamera geholt hat.“

Kostenfaktor Kinderdarsteller

Dreharbeiten mit Kindern sind ein großer Kostenfaktor, da Kinderdarsteller nur drei Stunden am Tag arbeiten dürfen und im Filmgeschäft Tagesgagen gezahlt werden. Ein Drehtag mit Kindern kostet also genau so viel wie einer mit Erwachsenen, erlaubt aber nur einen Bruchteil des Pensums. So mussten die jungen Hauptdarsteller in „Zuckersand“, Tilman Döbler und Valentin Wessely, für den Dreh ihre Sommerferien hergeben.

„Durch die erfolgreichen Kinderfilme in Deutschland gibt es mittlerweile viele Agenturen für Kindercasting mit vielen Talenten,“ erzählt Dirk Kummer. „Es gab ein Rundschreiben an alle Agenturen mit dem Profil, das gesucht wurde. Lustigerweise waren beide Darsteller im ersten Pool, aber jeweils für die andere Rolle. Tilman Döbler war der erste, morgens um neun. Und ich schaute unsere Casterin an: Was macht der denn? Das war auf den Punkt schon unsere Geschichte!“

Trotz der beeindruckenden Performance von Tilman Döbler stießen die Macher bei der Finanzierung des Films auf Skepsis. „Es ist immer noch schwierig für viele Entscheider einen Film mit einem Kind als Protagonisten nicht als Kinderfilm zu sehen, obwohl es in der internationalen Literatur und im Film so viele Beispiele gibt,“ so Kummer. „Die Ansicht ist weit verbreitet, dass der Protagonist auch der Zielgruppe entsprechen muss.“

Kein Happy End

„Zuckersand“ ist ein Drama, bei dem die Freundschaft der beiden Jungs - so viel sei verraten - unter dem Druck der deutschen Teilung Schaden nimmt - ein weiteres Hemmnis bei der Realisierung des Films. „Mit einem Happy End hätte ich den Film früher realisieren können, ganz klar. Die beiden Kinder stehen für die beiden Deutschlands, da wird viel über die Teilung erzählt. Insofern ging es für mich nicht anders,“ verteidigt Dirk Kummer seine tragische Geschichte.

Gedreht wurde das Film-Brandenburg kurioserweise nicht im echten Brandenburg - auch wenn Dirk Kummer sich das zuerst so gedacht hatte. „Ich hatte mir vorgestellt, dass ich morgens mit dem Fahrrad zum Dreh fahre. Dann kam der Vorschlag von den Produzenten in der Nähe von Prag zu drehen. Die Location Scouts haben Fotos zusammengestellt, und ich dachte: das gibt’s doch gar nicht, das ist der Film! Es gibt um Prag herum Ortschaften, die noch nicht top-saniert sind, so etwas findet man in Brandenburg gar nicht mehr, als sei dort die Zeit stehengeblieben. Das tschechische Team hat dann auch einen Teil seiner sozialistischen Geschichte eingebracht,“ lobt Kummer die Kollegen. „Die waren hochprofessionell und so behutsam, das war ein echter Glücksfall. Ich habe viel mehr bekommen, als ich für möglich gehalten hatte.“