Am Sonntagabend im ARD-Programm Was taugt der Porno-Tatort „Hardcore“ aus München?

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Osnabrück. Der Tatort kommt heute Abend aus München. Und wie der Titel „Hardcore“ schon vermuten lässt, geht es um Pornos und den Tod einer Darstellerin. Appetitlich ist das nicht, aber stellenweise schön schräg.

Es gab mal eine Zeit, in der der Bayerische Rundfunk sich gern aus dem ARD-Programm ausklinkte, wenn es den Herrschaften in München zu schmuddelig wurde. Doch das ist lange her. Längst setzt der Münchner Tatort eher die Maßstäbe, wenn es darum geht, Grenzen auszuloten. „Die Liebe, ein seltsames Spiel“ präsentierte im Mai nicht nur Martin Feifel in der Rolle eines Liebhabers von fünf Frauen, sondern auch einen Kommissar Batic, der sich lustvoll mit seiner Flamme in den Laken wälzte. (So war der Tatort „Die Liebe ein seltsames Spiel“)

Nun gibt es die definitive Steigerung: „Hardcore“ geht dahin, wo – wie die Bayern sagen – saumäßig geschnackselt wird. Nicht gerade liebevoll, eher professionell, und kein bisschen inspirierend. Wer eh schon meint, im Fernsehen gebe es zu viel Sex, ist bei „Hardcore“ ganz gewiss im falschen Film.

Besondere Brisanz

Sensible Gemüter, feinsinnige und empfindliche Menschen gehören ja ohnehin nicht zum Stamm-Publikum des Tatort. Dennoch: An diesem Sonntag sollte man ihnen ausdrücklich abraten – mit „Hundertmal Frühling“ im Zweiten werden sie sicher besser bedient. Wer dennoch einschaltet, sollte sich auf einiges gefasst machen.

In München wird eine Pornodarstellerin an ihrem „Arbeitsplatz“ ermordet – kurz nachdem sie es mit 25 Männern gleichzeitig getrieben hat. Und schon gibt’s wieder einen dieser Zufälle, von denen der Fernsehkrimi einfach zu viele auf Lager hat. Denn besondere Brisanz bekommt der Fall für die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) dadurch, dass es sich bei dem Opfer ausgerechnet um die Tochter des Oberstaatsanwalts Kysela (Götz Schulte) handelt.

Doppelleben

„Sie hatte doch alles: Geld, Wohnung, Arbeit,“ stammelt die fassungslose Mutter bei einer sinnfreien Visite in der Wohnung des Pornoproduzenten. Und schiebt die klassischen Elternsprüche nach: „Wir wollten immer das Beste für sie.“ Oder „Wir wollten nur, dass sie glücklich ist.“ Doch die Tochter bevorzugte das Doppelleben. Und der Vater auch ein bisschen.

Regisseur und Drehbuchautor Philip Koch hat nicht nur einen Film über eine schmutzige Branche, schmierige Typen und sonderbare Frauen gedreht. Er entwickelt auch ein Sittengemälde, das von doppelter Moral, kaputten Familien und gescheiterten Existenzen handelt. Und er offenbart einen schrägen Humor, der sich auf wundersame Weise mit dem leisen Entsetzen des Betrachters verwebt. Schon speziell.

Übelkeit steigt auf

Denn in wem steigt keine Übelkeit auf, wenn Leitmayr gleich zu Beginn am Tatort Spuren in einem „Planschbecken voller Sperma und Pisse“ entdeckt? Und wer muss nicht lachen, wenn sich zwei Pornodarsteller, mit nichts als Tennissocken und Badelatschen bekleidet, in einer Drehpause bei belegten Brötchen unterm Hirschgemälde übers Versteuern eines geldwerten Vorteils unterhalten? Und sich dabei mit der rechten Hand in Stimmung für die nächste Szene halten.

Augenzwinkernd serviert uns Regisseur Koch auch die Herren Kommissare. Den Leitmayr, der lieber SMS als WhatsApp liest. Denn Batic, der die Raute als Hashtag identifiziert. Den jungen Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), der eine gewisse Porno-Expertise entwickelt. Und den zutiefst in sich ruhenden Ritschy Semmler. Dessen Mittelmäßigkeit bringt Stefan Betz so zielsicher auf den Punkt, dass man kaum mitbekommt, welch schräge Sprüche er raushaut. (Weiterlesen: 25 Fragen nach 25 Jahren an die Münchner Tatort-Kommissare)

Die Sprache der Pornobranche

Als Zuschauer wird man aber auch immer wieder mit dem rustikalen „Sprachschatz“ der Pornobranche konfrontiert. Und – wer’s mag – kann sich dazu seine Bilder im Kopf machen. So viel darf verraten werden: Wer nach diesem Krimi Lust auf Sex verspürt, muss schon ein ganz schön dickes Fell haben.

Tatort: Hardcore. ARD, Sonntag, 8. Oktober 2017, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen


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