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TV-Kritik zu „Das Leben danach“ Loveparade-Unglück: So ist der ARD-Film

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Osnabrück. Loveparade 2010: Bei einer Massenpanik sterben 21 Menschen. Überlebende leiden bis heute psychisch unter dem Unglück. „Das Leben danach“ arbeitet am 27. September um 20.15 Uhr das Trauma einer jungen Frau auf. Darstellerin Jella Haase hat unserer Redaktion erzählt, warum das ihre bislang intensivste Rolle war.

Der Anblick der Farbe pink reicht aus, um einen Flashback auszulösen. Schreie im Kopf. Schweißausbrüche und Hyperventilation. In Antonia kommt alles wieder hoch, in ihrem Kopf bricht alles zusammen. Gedanklich ist sie wieder auf der Rampe, eingeengt im Kessel der Loveparade. Der 24. Juli 2010 hat Antonias Leben mit einem Mal aus der Bahn geworfen.

„Das Leben Danach“, Mittwoch 27. September, 20.15 Uhr im Ersten, porträtiert eine junge Frau in ihrer Auseinandersetzung mit dem Trauma sieben Jahre nach der Katastrophe. „Ich konnte Antonia ganz lange gar nicht greifen. Ich dachte mir: Was ist mit der los?“, erzählt Hauptdarstellerin Jella Haase im Gespräch mit unserer Redaktion über die fiktive Rolle der Überlebenden, „Antonia ist so krass unterwegs und so destruktiv, dass es mir manchmal echt schwergefallen ist und ich auch an Grenzen gekommen bin.“ (Weiterlesen: Loveparade: Zwei Todesopfer studierten in Osnabrück)

Sie stand kurz vor dem Abitur. Dann kam der Tunnel. Sieben Jahre später kämpft die junge Frau immer noch mit ihrem Trauma. Angstzustände und Trauer verspürt sie jeden Tag. Antonia wollte Medizin studieren. Die Panikattacken machen es heute ihr unmöglich zu arbeiten, ein normales Leben zu führen oder sich in Menschengruppen zu bewegen. Ihre Gefühle kanalisiert sie in Zerstörungswut und Alkoholkonsum und reißt dabei auch das Familienleben mit Vater Thomas (Marin Brambach) und Stiefmutter Kati (Christina Große) ein.

Für Jella Haase waren diese Emotionen zunächst schwer nachzuempfinden. Mithilfe einer Traumatherapeutin, die Betroffene der Katastrophe von Duisburg betreut, hat sie zur Vorbereitung auf den Dreh die Rolle der verstörten Antonia ergründet. „Wir sind durchgegangen, was ein Trauma überhaupt macht und was bei so einer Todesangst im Überlebenskampf passiert“, sagt die 24-Jährige. „Das bewusste Denken wird ausgeschaltet und irgendwo im Gehirn abgespeichert. Da kann man nie wieder bewusst darauf zugreifen.“

Immer wieder führt es Antonia zurück in den Duisburger Tunnel. In einem Anfall lässt sie ihre zerstörerische Wut an dem Ort des Gedenkens aus. Auf der Flucht vor der Polizei lernt die 24-Jährige den Taxifahrer Sascha (Carlo Ljubek) kennen. Auch er behauptet, auf der Rampe gewesen zu sein. Später findet Antonia heraus, dass er in Wahrheit als Mathematiker vor der Loveparade ein Gutachten entworfen hat, das kein Risiko in der Veranstaltung erkannt hat. Ihn ihren wuterfüllten Gedanken zielt Antonia auf Sascha als Verantwortlichen für das Unglück.

„Das Leben Danach“ gelingt es, durch die tiefen Risse zu blicken, die das Unglück in das Leben eines jungen Menschen gerissen hat. Der Film fokussiert sich bewusst auf den Extremfall eines Schicksals, um die heftigen Folgen eines Traumas darzustellen. Versuche die Gesamtheit der Katastrophe zu umreißen oder mit dem moralischen Zeigefinger auf mögliche Schuldige zu zeigen, unternehmen die Filmemacher um Regisseurin Nicole Weegmann glücklicherweise nicht. Zu komplex sind die Gesamtfolgen des Unglücks. (Weiterlesen: Loveparade-Katastrophe: Gericht will Schuldfrage klären)

Beklemmend und fast unangenehm fühlt es sich an, wenn die traumatisierte junge Frau sich in ihrer Wut und ihrer Hilflosigkeit festfährt. Jella Haase überzeugt in der heftigen Rolle der von Grund auf verstörten Persönlichkeit, die keine Perspektive in ihrem Leben finden kann. „Ich hab einen an der Klatsche, ich war bei der Loveparade“, redet sich Antonia ein.

Der Schauspielerin hätten sich die extremen Handlungen ihrer Rolle so richtig erst dann erschlossen, als sie den Film selbst gesehen hat, sagt sie. „Es waren Menschen mit einer posttraumatischen Störung bei der Premiere. Die haben gesagt, sie hätten sich sofort identifiziert und denen war das Verhalten so nah, was mir als Jella so fremd war.“

Das ganze Interview mit Jella Haase lesen Sie hier.

(Weiterlesen: Ein Überlebender aus Belm erzählt von der Katastrophe)


„Das Leben Danach“: Mittwoch 27. September, 20.15 Uhr im Ersten.

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