Kritik zum Filmstart „Meine Cousine Rachel“ im Kino: Auf Hitchcocks Spuren

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Berlin. Serienkiller? Oder Opfer der Männerwelt? Rachel Weisz spielt in „Meine Cousine Rachel“ eine schwarze Witwe im Hitchcock-Stil. Kein Wunder: Die Vorlage stammt von Daphne du Maurier.

Hitchcocks Stofflieferantin Daphne du Maurier

Hitchcocks Thriller „Rebecca“ (1940) beruht auf einem Roman von Daphne du Maurier, sein Tier-Horrorkracher „Die Vögel“ (1963) auf einer ihrer Storys. Und auch du Mauriers Roman „Meine Cousine Rachel“ (1951) hat alles, was zum Hitchcock-Suspense gehört: verhängnisvolle Doppelgänger-Konstellationen, obsessive Erotik und eine von Beginn an im Raum stehende Katastrophe. Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wurde das Schauermelodram um eine schwarze Witwe mit Olivia de Havilland und Richard Burton verfilmt – in diesem Fall nicht vom Master of Suspense, sondern von Henry Koster. 65 Jahre später kommt eine neue Fassung von „Notting Hill“-Regisseur Roger Michell ins Kino.

Wovon handelt „Meine Cousine Rachel“?

Die Geschichte führt ins Cornwall des 19. Jahrhunderts. Philip (Sam Clafin) wächst als Waise bei seinem älteren Cousin Ambrose auf, bis dieser um der Gesundheit Willen nach Italien übersiedelt. Ambroses Briefe aus dem Süden handeln allesamt von Rachel, einer Witwe aus der Verwandtschaft, die der überzeugte Junggeselle erst verehrt, dann zu seiner Frau macht – und schließlich des Giftanschlags auf ihn selbst verdächtigt. Als Ambrose wenig später wirklich stirbt, glaubt Philip an Mord und schwört Rachel Rache. Dann allerdings taucht sie in Cornwall auf. Philip verfällt ihr, überschreibt ihr sein Vermögen – und erkrankt.

Ambivalente Hauptfigur: Wer ist Cousine Rachel?

Ist Rachel eine Serienmörderin? Ein Opfer des männlichen Blicks? Oder beides zugleich? Über 106 Minuten hält Roger Michell die Wahrnehmung seiner Titelheldin in der Schwebe, nährt Zweifel, indem er sie dubiose Kräutertees brauen lässt, weckt Mitgefühl, wenn sie vom verlorenen Kind und dem Unverständnis der Männer spricht. Rachel Weisz stattet ihre Figur dabei mit einer so scharfsinnigen Intelligenz aus, dass man all ihre Gesten der Arglosigkeit nie ohne Misstrauen sieht.

Die Spannung dieses psychologischen Thrillers speist sich auch aus Daphne du Mauriers Grundkonstellation: Rachels Überlegenheit als deutlich ältere Geliebte steht ihre Abhängigkeit in der Männerwelt entgegen. Den Zuschauer verwirrt das nicht weniger als Philip, der in Rachel immer nur seine eigenen, höchst widersprüchlichen Projektionen erkennt: Erst erscheint sie ihm durchtrieben, dann schutzlos, mal ist sie begehrte Geliebte, mal übermächtige Mutterfigur.

„Meine Cousine Rachel“: Gut wie Hitchcock?

Im fatalen Wiederholungszwang, mit dem Philip die Liebestragödie seines älteren Cousins kopiert, ist Roger Michells Film nah bei Hitchcock. Visuell hält „Meine Cousine Rachel“ dem Vergleich nicht mehr stand. Statt die effektive Bildsprache des Vorbilds zu bedienen, verliert Michell sich im Dekorativen, lässt die Kamera über Cornwalls grüne Weiden fliegen und die Perlen zerrissener Ketten malerisch über den Boden hopsen. Sei‘s drum. Dem Vergnügen am unauflöslichen Rätsel dieser finsteren Liebe tut das kaum einen Abbruch.

„Meine Cousine Rachel“. GB 2017. R: Roger Michell. D: Rachel Weisz, Sam Clafin. 106 Minuten, ab 6 Jahren. Cinema-Arthouse.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN