Teil 5: 2007 bis heute 50 Jahre Farbfernsehen: Internet Killed the Videostar

Von Frank Jürgens


Osnabrück Die vergangenen zehn Jahre haben das Medium Fernsehen und vor allen Dingen das Sehverhalten der Zuschauer nachhaltiger verändert als die 40 Jahre davor.

San Francisco am 7.Januar 2007. Steve Jobs, legendärer Apple-Chef, betritt die Bühne der alljährlichen Macworld Conference & Expo. Drei neuartige Produkte wolle er vorstellen. Einen iPod mit Touchscreen. Ein mobiles Internetgerät. Und ein revolutionäres Mobiltelefon.

Was er zunächst verschweigt – alle drei Produkte finden in einem einzigen Gerät ihren Platz. Dem neuen iPhone. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, wie sehr dieses Gerät und all seine späteren Konkurrenzprodukte nicht nur die Medienlandschaft revolutionieren, sondern auch direkten Einfluss auf unser alltägliches Leben nehmen sollen.

Lieblingsprogramme abseits der Sendezeit

Das betrifft natürlich auch die Fernsehbranche, die sich zu diesem Zeitpunkt längst in einem Umbruch befindet, den sie noch gar nicht so richtig wahrhaben möchte. Schleichend hat sich der Wunsch der Zuschauer, unabhängig von Sendezeiten ihre Lieblingsprogramme anschauen zu können, Bahn gebrochen.

Seit den späten 1970ern erobern zuallererst Videorekorder den Markt. Später werden sie von digitalen DVD- und Festplattenrekordern abgelöst. Und einige TV-Sender beginnen schon zu Beginn des Jahrtausends mit der Einführung ihrer Mediatheken, die zunächst allerdings von der breiten Masse kaum wahrgenommen werden.

YouTube erreicht junges Publikum

Mit den mobilen Smartphones und Tablets wird 2007 eine weitere Dimension eingeläutet. Die Zuschauer können nicht mehr nur frei entscheiden, was sie wann schauen möchten, sondern auch wo. Und wie. Schnell ist die Rede vom Second Screen, dem zweiten Bildschirm, über den man bei Langeweile beispielsweise während eines Fußball-Länderspiels dank der Möglichkeiten der sozialen Netzwerke wahlweise über den Schiedsrichter, die Gurkentruppe oder natürlich den Kommentator meckern kann.

Gerade für jüngere Leute verschwimmen die Grenzen zwischen „richtigem“, also linearem Fernsehen und all den audiovisuellen Angeboten im Internet immer mehr. Die 2005 gegründete und Ende 2006 an Google verhökerte, zunächst unscheinbar wirkende Videoplattform YouTube holt das junge Publikum genau da ab, wo es ist: bei sich zu Hause.

Lautete 1981 das Motto zur Einführung von MTV in den USA noch „Video Killed the Radio Star“, so gilt nun die Parole: „Internet Kills the Videostar“. Tatsächlich bringt YouTube regelmäßig Stars und Sternchen hervor, die ihre Fans kreischen und in Ohnmacht fallen lassen wie einst kommerziell erzeugte Popstars.

Zeit des Abschieds

Analoges Fernsehen verschwindet

Die letzten zehn Jahre sind vor allen Dingen aber auch eine Zeit des Abschiednehmens. Nicht nur das analoge Fernsehen wird Stück für Stück zu Grabe getragen. Auch der klobige Röhrenfernseher verschwindet aus unseren Wohnzimmern. Stattdessen statten wir nun unsere Haushalte mit superflachen TV-Geräten aus, die nicht nur immer größer, sondern auch immer schlauer werden.

Besaßen im Jahr 2005 noch 75 Prozent aller neu verkauften Geräte eine Bildröhre, so werden im letzten Quartal 2007 erstmals mehr Flachbildfernseher als Röhrenfernseher verkauft. Im Jahre 2010 tendieren die Verkaufszahlen der klobigen Kisten dann endgültig gegen Null.

Interaktive Optionen und Streaming-Dienste

Die neuen Geräte werden auch immer schlauer. Kein Wunder, dass der große Bruder des Smartphones Smart-TV heißt. Mit diesen Geräten lassen sich nicht nur all die bunten Sendungen je nach Anbieter in mehr oder weniger hochaufgelöster HD-Qualität schauen.

Über Apps und andere Funktionen bieten auch sie Zugang ins Internet, besitzen allerlei interaktive Optionen und haben natürlich direkte Verbindungen zu all den Streaming-Diensten wie Amazon Prime Video, Maxdome und natürlich Netflix. Einige Gerätehersteller kooperieren sogar mit einem großen Streaming-Anbieter und gönnen ihm eine eigene Taste auf der Fernbedienung. Nur die Sache mit dem 3D-Fernsehen will sich bis heute nicht so richtig durchsetzen.

Diese Entwicklung weg vom klassischen, linearen Fernsehen und hin zur orts- und sendezeitunabhängigen Nutzung hat natürlich auch einen großen Einfluss auf die Inhalte. Insbesondere qualitativ hochwertige TV-Serien erleben einen noch nie dagewesenen Boom dank der schnell wachsenden Marktmacht der großen Streamingdienste.

ZDF spielt Vorreiterrolle

Das Nachsehen haben die klassischen Sender auf ihren linearen Vertriebswegen, die mit den neuen Vertriebswegen im Internet fremdeln und erst zögerlich ihre Programme auch in ihren Mediatheken zugänglich machen. Ausgerechnet das oft als verschnarcht geltende ZDF spielt in Deutschland eine Vorreiterrolle.

Die ZDF-Mediathek startet bereits im Jahre 2001 zur IFA in Berlin, wird 2007 komplett überarbeitet und liegt nun seit 2016 in einem Design vor, das besser und übersichtlicher erscheint als das der großen, internationalen Streaming-Anbieter.

Zuschauerbindung über das Netz

Mittlerweile verschwimmen die Grenzen immer mehr. Wann ist Fernsehen noch Fernsehen? Nicht ganz ohne ironischen Hintersinn lässt Jan Böhmermann sein „Neo Magazin Royale“ mit dem Slogan „Alles andere ist Fernsehen“ bewerben.

Bevor die Aufzeichnung der jeweils aktuellen Sendung donnerstags gegen 22.00 Uhr auf dem kleinen ZDF-Ableger ZDFneo läuft, ist sie bereits ab 20.00 Uhr online via App und Mediathek abrufbar. Die Zuschauerbindung erfolgt sowieso in wesentliche Teilen über das Internet. Aber Fernsehen – Verzeihung, Herr Böhmermann – ist die Sendung trotzdem immer noch. Auch im „ZDI“, dem „Zweiten Deutschen Internet“.