Zuckerbrot und Peitsche Realistisches TV-Drama über „Loverboys“


Osnabrück Das Erste klärt in seinem „Themenabend: Skrupellose Loverboys“ ab 20.15 Uhr über eine besonders perfide Form der Zwangsprostitution Minderjähriger auf.

Die 15-jährige Caro (Anna Bachmann) ist völlig aus dem Häuschen. Sie hat einen festen Freund. Und was für einen! Setzt der sich doch einfach ganz frech zu ihr an den Tisch und überschüttet sie erst mit Komplimenten, dann mit teuren Geschenken. Dass dieser etwas ältere Cem (Samy Abdel Fattah) es tatsächlich ernst meint und zu ihr steht, beweist er spätestens in dem Moment, als er sie mit seinem Sportflitzer von der Schule abholt.

Die vor Neid erblassten Mitschülerinnen staunen nicht schlecht. Was will so ein cooler Typ denn von diesem Mauerblümchen? Das soll die arme Caro schon bald mit aller Brutalität erfahren. Eben noch zeigt Cem ihr die neue, gemeinsame Wohnung und schwört ewige Liebe. Dann stößt er sie in einen Abgrund aus psychischer, physischer und sexueller Gewalt und drängt die Minderjährige in eine besonders perfide Form der Zwangsprostitution. Die Eltern ( Maria Simon und Bernd Michael Lade), gehobene Mittelschicht, merken zunächst nichts. Dann verzweifeln sie an ihrer scheinbaren Machtlosigkeit.

„Ich gehöre ihm“, heißt dieser Fernsehfilm von Regisseur Thomas Durchschlag, der den Themenabend „Skrupellose Loverboys“ einleitet und laut Bärbel Kannemann, einer Expertin in diesem Bereich, zu „hundert Prozent realistisch“ sei, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion betont. Die ehemalige Kripobeamtin Kannemann ist nach ihrer Pensionierung zufällig auf das Thema gestoßen.

Als Gast in der niederländischen TV-Show „Vermist“ lernte sie die Mutter einer Dreizehnjährigen kennen, die offensichtlich so einem „ Loverboy „ in die Fänge gegangen war. „Ich kannte den Begriff nicht, hatte aber die Möglichkeit, mich mit dem Redakteur und Moderator zu unterhalten und war erschüttert, zumal in Deutschland zu diesem Zeitpunkt kein Mensch darüber gesprochen hat“, berichtet Kannemann. Das war 2009. Daraufhin hat sie in den Niederlanden ausgiebig recherchiert, längere Zeit mit betroffenen Mädchen zusammengelebt und daraufhin schließlich in Deutschland den Verein NO Loverboys e.V. gegründet.

Der Verein, 2011 mit dem Prix Courage der Redaktion „ML Mona Lisa“ des ZDF und der Firma Clarins ausgezeichnet, bietet Opfern dieser besonderen Form sexualisierter Gewalt Hilfe an und ist online via www.no-loverboys.de zu erreichen.

Aber, so stellt man sich als unbedarfter Zuschauer in Unkenntnis der Materie die Frage, wie gerät man überhaupt in solch eine perfide Form der Abhängigkeit? „Es ist auf der einen Seite das Verliebtsein, bei vielen Mädchen ja auch die erste große Liebe“, beschreibt Kannemann den Schwachpunkt der jungen Opfer, an dem die Täter ihren Hebel ansetzen. Denn die Mädchen „wissen noch nicht, wie man mit solchen Gefühlen umgeht. Und dann ist da natürlich diese Manipulation durch den Täter. Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite diese emotionale Bindung an ihn, gleichzeitig dieses Isolieren von ihrem gesamten früheren Umfeld.“

All dies beschreibt das von seinen grandiosen Jungdarstellern getragene Drama bis zum bitteren Ende auf teils drastische Art und Weise. Kannemann, die der Produktion beratend zur Seite gestanden hat, will mit ihrem Verein aber nicht „nur“ Hilfe anbieten, sondern auch aufklären. Bevor man als Außenstehender etwas machen könne, müsse man als „Eltern, Lehrer, vor allen Dingen auch Schulsozialarbeiter oder Ärzte wissen, dass es so etwas gibt. Dass es diese Masche ‚Loverboy‘ gibt. Nur dann kann man reagieren“.

Dabei sei auch das Wie entscheidend, wie Kannemann betont. Man müsse „der Tochter vermitteln: ‚Ich bin für dich da! Wir verstehen dich. Wir sind immer Ansprechpartner für dich‘. Aber nicht drohen. Niemals das Mädchen vor die Entscheidung stellen: ‚Er oder wir‘. Es ist wichtig, dass die Eltern das Thema ansprechen. Aber nur ansprechen. Niemals das Mädchen unter Druck setzen. Und selber müssen sich die Eltern natürlich auch Hilfe suchen.“

Das Erste, 20.15, TV-Film: „Ich gehöre ihm“. 21.45, Dokumentation: „Verliebt, verführt, verkauft“.


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