Wer darf blank ziehen? „Playboy“-Chef: „Helene Fischer würde manchen Rekord brechen“

Von Axel Rothkehl

Playboy-Chefredakteur Florian Boitin präsentiert das Jubiläumsheft aus dem Juli. Foto: Axel RothkehlPlayboy-Chefredakteur Florian Boitin präsentiert das Jubiläumsheft aus dem Juli. Foto: Axel Rothkehl

München. Die Häschen feiern Jubiläum. Im August vor 45 Jahren erschien zum ersten Mal die deutsche Lizenzausgabe des „Playboy“. Chefredakteur Florian Boitin spricht mit unserer Redaktion über die Chance auf ein Shooting mit Helene Fischer, die Bereitschaft für Transgender-Models und wo er als Schüler das Heft vor seiner Mutter versteckte.

Als Boitin vor acht Jahren Chefredakteur wurde, schaute Sohn Fabian enttäuscht. „Kannst Du nicht beim ‚kicker‘ anfangen?“, fragte der damals Neunjährige. Jetzt, mit 17, sind die druckfrischen Magazine zum väterlichen Lockmittel für Gartenarbeit geworden. „Wenn ich bei seiner Fußballmannschaft am Spielfeldrand stehe, bin ich auch schon deswegen gerne gesehen,“ lacht Boitin, „die Jungs wissen inzwischen, was ich beruflich mache“.

Vor zwei Jahren hat Boitin eine Revolution verhindert. Die US-Ausgabe zeigte die Models nicht mehr komplett nackt. Im deutschen Magazin rutschten die Höschen auch weiterhin. „Die Abkehr von den nackten Tatsachen haben wir für einen Fehler gehalten. Anspruchsvolle Aktfotografie ist von jeher die DNA des Magazins. Sonst ist man kein ‚Playboy‘ mehr“, sagt der 50-Jährige. In seiner Redaktion sei das Thema deshalb nicht lange diskutiert worden. Mittlerweile entkleiden sich die Frauen auch in der US-Version wieder ganz. Für seine, nun ja, konservative Haltung zum Nacktbild, drängte ihm das feministische Heft „Emma“ den Titel „Pascha des Monats“ auf. Boitin hat Alice Schwarzer mehrfach zum Interview eingeladen. „Leider stellt sie sich nicht. Ich beobachte bei ihr dies bezüglich eine verkrampfte Humorlosigkeit“.

Ein Schmuddelheft war der deutsche „Playboy“ nie. „Wir sind durchaus auch ein gesellschaftspolitisches Magazin“, streckt Boitin die Brust raus. Der Verlag engagiert Fotokünstler wie Helmut Newton, Ellen von Unwerth oder Karl Lagerfeld. Schon in den 70er Jahren schreiben legendäre Autoren wie Will Tremper für das Blatt. Im Juli berichtete Jay Tuck, der zwölf Jahre die „Tagesthemen“ leitete, über Fahndungstechnik zum G20-Gipfel. Und wenn Gregor Gysi in der am Donnerstag erschienenen Septembernummer über Politik und FKK spricht, dann sehen die fünf nicht übertrieben bebilderten Seiten eher wie „Der Spiegel“ als „Focus“ aus.

Boitin ist ein Chefredakteur ohne klassische journalistische Ausbildung. Er ist studierter Diplom-Designer. „Ich sehe mich als Magazinmacher. Es wird erst dann zu einer guten Geschichte, wenn die inhaltliche und die visuelle Ebene zusammentreffen.“ Schon als Kind hat Boitin auf der Schreibmaschine seines Vaters kleine Abenteuergeschichten geschrieben und immer Platz für eigene Illustrationen gelassen.

Mit „Playboy“-Gründer Hugh Hefner führte Boitin in Los Angeles ein Interview. Als „lucky man“ pries Hefner den Deutschen, weil Boitin bei einer Fluggesellschaft über viele Jahre Bordexemplare unterbringen konnte. Allerdings mit einem keuschen Titelblatt, das ein zur Urlaubsinsel stilisiertes „Playboy“-Logo zeigt. „Das goutieren wegen der erhöhten Reichweite natürlich unsere Anzeigenkunden. Aber es sitzt ja auch genau die Klientel im Flieger, die unsere Magazine kauft. Auch deshalb haben wir diese Zusammenarbeit beendet.“ An den weiteren Themen lässt sich schnell die Zielgruppe ablesen: Teure Autos, Designermode und Luxusaccessoires. Den gewöhnlichen Arbeiter hat die Redaktion offenbar weniger im Visier, der kann sich ja den „Würth“-Kalender in die Werkstatt hängen.

Wer darf für den „Playboy“ blank ziehen? Die gewöhnliche Interessentin muss sich bewerben, Prominente werden angesprochen. Marilyn Monroe zierte die erste US-Ausgabe, später zogen Ikonen wie Grace Jones und Naomie Campbell nach. Heute sind auch mal Sternchen aus Daily Soaps dabei, die sich neben der Serien-Knechtschaft etwas dazuverdienen. Und noch ein Unterschied wird beim Blick ins Archiv deutlich: Früher war mehr Schamhaar.

Erst Nacktfoto dann Imageschaden? Das muss nicht sein. Iris Berben legte schon 1978 die Kleider ab, verdingte sich im TV als Ulknudel („Sketchup“) und hat noch einen steilen Imagewandel zur moralischen Instanz hingelegt. Schauspielkollegin Natalia Wörner ließ sich 2011 nur mit Indianerschmuck fotografieren und ist heute die Lebensgefährtin von Justizminister Heiko Maas. Eine Anschlussverwendung im „Dschungelcamp“ sollte immer drin sein.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Anfragen bei Helene Fischer, Barbara Schöneberger und Heidi Klum. Gerade bei Helene Fischer bleibt Boitin vorsichtig optimistisch. Von ihr habe er jedenfalls noch „kein rigoroses ‚Nein‘ bekommen. Helene Fischer ist nicht nur die erfolgreichste deutsche Künstlerin der letzten Jahre, sondern auch eine der attraktivsten. Wir hätten unseren Beruf verfehlt, würden wir uns über Frau Fischer keine Gedanken machen. Ich bin mir sicher, Helene Fischer auf dem Titel würde so manchen Rekord brechen.“

Geld würde bei vielen Stars weniger eine Rolle spielen. Denn auch Eitelkeit könne ein Beweggrund sein. „Aber es muss schon in den Lebensplan passen.“ Grundsätzlich gehe es in seinem Magazin nicht in erster Linie um die Nacktheit an sich, sondern darum „wer es ist“.

Ein Transgender-Model im „Playboy“ schließt Boitin nicht grundsätzlich aus. „Wir haben auch da schon Anfragen bekommen. Aber vielleicht sind wir da selbst noch nicht mutig genug.“

Ablauf und Ort der Fotoaufnahmen werden grundsätzlich festgelegt. „Wir wollen weder vertuschen noch verfremden“, erklärt Boitin bezüglich digitaler Hilfsprogramme. Leberflecke seien gerade wieder bei einem Model nicht retuschiert worden. Dennoch: Auch beim schärfsten Blick finden sich weder schwächelndes Bindegewebe noch Narben von der Brust-OP.

Seinen ersten „Playboy“ hat Boitin mit 14 Jahren unter der Schulbank erhalten. Daheim versteckte er das kostbare Papier im Bettkasten. Zur Tarnung hatte er schweren Herzens die Titelseite abgerissen. Jahre später sagt ihm die Mutter: „Das hättest Du nicht machen müssen. Ich wusste doch von Beginn an Bescheid.“


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