Eher Sozialarbeiter als Seelsorger Wie sich das Bild von Pfarrern in Filmen und Serien gewandelt hat

Von Tilmann P. Gangloff

Pfarrer Braun (Ottfried Fischer, li.) tritt eher als Spürhund denn als Seelsorger auf. Foto: ARD Degeto/Christa KöferPfarrer Braun (Ottfried Fischer, li.) tritt eher als Spürhund denn als Seelsorger auf. Foto: ARD Degeto/Christa Köfer

Osnabrück. Seit dreißig Jahren gehören Pfarrerinnen und Pfarrer zum festen Ensemble von Fernsehfilmen und Serien. Ihr Bild hat sich stark verändert.

Alles begann mit „Oh Gott, Herr Pfarrer“: Die ARD-Serie von Felix Huby, die Robert Atzorn 1988 schlagartig zum Fernsehstar machte, war ein echter Überraschungserfolg. Obwohl sie nur 13 Folgen lang war, hat sich der Klassiker im kollektiven Gedächtnis als Prototyp der deutschen Priesterserie verankert. Natürlich gab es auch schon vorher TV-Produktionen, in denen Priester eine zentrale Rolle spielten, wie der protestantische Theologe Manfred Tiemann in seinem Buch über Pfarrerfiguren in Film und Fernsehen („Leben nach Luther“, Springer VS) vermerkt; aber der Erfolg der Geschichten über den protestantischen Stuttgarter Vorortpastor und zweifachen Vater waren eine Art Türöffner. Seither gehören Produktionen mit klerikalen Protagonisten zum festen Repertoire des Fernsehens. Bei den Serien reicht die Liste von „Mit Leib und Seele“ über „Pfarrerin Lenau“ bis zu „Um Himmels Willen“ und „Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“; die populärsten Filmreihen sind „Pfarrer Braun“ mit Otfried Fischer als kriminalisierendem Priester, „Lena Fauch“ mit Veronica Ferres als Polizeiseelsorgerin sowie „Der Hafenpastor“ mit Jan Fedder als Pfarrer in St. Pauli. Darüber hinaus gab es in den letzten drei Jahrzehnten eine Vielzahl von Dramen, Krimis und Komödien, die vor allem eins zeigten: Ähnlich wie die Kommissare sind Priester und Pfarrerinnen immer im Dienst.

Tiemann führt zwar weit über hundert Beispiele aus der Kino- und Fernsehgeschichte an, doch eine ganz entscheidende Antwort bleibt sein Buch schuldig: Warum erfreuen sich die Kirchenleute einer derartigen Beliebtheit, obwohl doch die Gesellschaft immer säkularer wird und die Zahl der Kirchenmitglieder stetig abnimmt? Für Thomas Dörken-Kucharz, Chef vom Dienst der evangelischen Rundfunkarbeit und ARD-Beauftragter der evangelischen Kirche, sind Pfarrer als Fernsehfiguren schon deshalb interessant, „weil sie anders sind. Sie behaupten einen Gegenentwurf zur vorhandenen Welt und sind doch ganz normale Menschen.“ Außerdem brächten sie „per se eine Spannung mit, die Filme oder Serien fruchtbar machen können: Sie predigen Ethik, aber halten sie sich selbst daran?“ Ute Stenert, Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, sieht den Reiz der klerikalen Filmfiguren eher im emotionalen Bereich. „Serien und Fernsehfilme transportieren starke Gefühlsmomente“, und in dieser Hinsicht hätten die entsprechenden Geschichten eine Menge zu bieten. Pfarrerinnen und Priester seien immer dann gefragt, „wenn dem Unaussprechlichen eine Stimme gegeben werden soll.“ Außerdem habe der Mensch „das Bedürfnis, sich in einem großen Ganzen aufgehoben zu wissen. Damit eng verbunden sind die Hoffnung und das Vertrauen auf eine Erlösung, die über das irdische Leben hinausweist. Dafür steht symbolisch die Figur des Priesters.“ Tatsächlich sind die Fernsehpfarrer in der Regel Respektspersonen mit sympathischer und vertrauenerweckender Ausstrahlung; sie stehen für Werte, an denen man sich orientieren kann.

Mit einer anderen Entwicklung befasst sich der Theologe Tiemann umso intensiver: Der deutsche Film-Priester hat sich seit seinem ersten Auftritt in dem Stummfilm „Des Pfarrers Töchterlein“ (1913) deutlich gewandelt; aus den gern mit „Hochwürden“ angesprochenen Amtspersonen der Melodramen und Heimatfilme früherer Jahre sind normale Menschen mit all ihren Schwächen geworden. Die Priester sind humorvoll, kommen ohne den Machtstatus der Amtskirche aus und setzen sich für Minderheiten ein; mit solchen Protagonisten können sich auch nicht-gläubige Zuschauer gut identifizieren. Schon Atzorns Pfarrer trug vor dreißig Jahren lieber Jeans als Talar. Das veränderte Bild zeigt sich gerade bei den Pfarrerinnen, unter denen sich auffallend viele Moped- oder Motorradfahrerinnen befinden (etwa Christine Neubauer in „Die Pastorin“, ZDF 2013); sie legen genauso viel Wert auf ein ansprechendes Äußeres wie andere Frauen. Der Themenkanon hat sich gleichfalls gewandelt. Da sich im protestantischen Pfarrhaus oft genug auch eine Kinderschar tummelt, sind die theologischen Diskurse weltlichen Aspekten wie Erziehungsfragen oder Ehekrisen gewichen. Auch dafür gibt es mit „Herzensbrecher“ einen Prototypen, zumal sich die Serie über den verwitweten Pfarrer auch noch mit den charakteristischen Problemen einer Patchwork-Familie befasst.

Bei den Neunzigminütern ist die Ausrichtung der Geschichten sowie die Gestaltung der Charaktere oft auch eine Frage des Sendeplatzes. Die Filme „Die Versuchung“ (ARD 2004) und „Der Novembermann“ (ARD 2007) handeln von Untreue, in dem Krimi „Das dunkle Nest“ (ZDF 2011) steht ein Pastor (Christian Berkel) im Verdacht, ein Mädchen ermordet zu haben, und in dem Drama „Am Kreuzweg“ (ARD 2011) hat ein katholischer Priester (Harald Krassnitzer) zwei Kinder. In der ZDF-Krimireihe „Lena Fauch“ bilden die Kriminalfälle oft den Rahmen für grundsätzliche moralische Fragen, wie die Episode „Vergebung oder Rache“ (2014) schon im Titel verdeutlicht. In den Dramen spielen auch Glaubenskrisen gern eine Rolle, allerdings kaum je so ausgeprägt wie in „Im Zweifel“ (ARD 2016), dem faszinierenden Porträt einer in ihren Grundfesten erschütterten Priesterin (Claudia Michelsen). Auseinandersetzungen mit kirchlichen Missbrauchsfällen sind noch seltener.

Die Produktionen der ARD-Tochter Degeto für die Filmplätze am Donnerstag und am Freitag dienen dagegen grundsätzlich in erster Linie der Unterhaltung. Die Konflikte sind trotzdem oft existenzieller Natur. In den „Hafenpastor“-Geschichten geht es um Kirchenasyl oder um Teenager-Schwangerschaften, aber die Filme leben vor allem vom Kontrast zwischen Kirche und Kiez. Meist sind die Priester der Reihen und Serien mittlerweile ohnehin mehr Sozialarbeiter als Seelsorger. Wie stark sich die theologische Kompetenz der Fernsehpfarrer im Lauf der Jahre zur Sozialkompetenz gewandelt, belegt Tiemann sehr anschaulich anhand verschiedener Predigten: Die Themen Kirche, Religion und Glaubensgrundsätze würden mittlerweile „auf bloße Alltagsphilosophie reduziert.“


Eine Auswahl der Serien und Filmreihen über Pfarrerinnen und Pfarrer und ihre Darsteller

Serien:

„Pfarrer in Kreuzberg“ (ZDF 1977), Lutz Hochstraate

„Oh Gott, Herr Pfarrer“ (ARD 1988), Robert Atzorn

„Mit Leib und Seele“ (ZDF 1989 - 1993), Günter Strack

„Pfarrerin Lenau“ (ARD 1990), Irene Clarin

„Schwarz greift ein“ (Sat.1 1994 - 1999), Klaus Wennemann

„Himmel und Erde – Ein göttliches Team“ (ZDF 2000 - 2001), Henning Vogt

„Um Himmels Willen“ (ARD seit 2002), Jutta Speidel / Janina Hartwig

„Vorsicht – keine Engel!“ (Kika 2003 – 2004), Stephanie Bothor

„Ein Engel für alle“ (Kika 2005), Hansa Czypionka

„Die Kirche bleibt im Dorf“ (SWR 2013 – 2015), Rainer Piwek

„Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“ (ZDF 2013 - 2016), Simon Böer

Filmreihen:

„Pfarrer Braun“ (ARD, 2003 - 2013), Otfried Fischer

„Lena Fauch“ (ZDF 2012 - 2016), Veronica Ferres als Polizeiseelsorgerin

„Der Hafenpastor“ (ARD 2012 - 2016), Jan Fedder

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN