Ramsch und Raritäten Warum sind Trödelshows im TV so erfolgreich?

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Ausmisten: Experte Sükrü Pehlivan (rechts) und seine Helfer sichten zusammen mit Anna die zahlreichen Gegenstände, die sie in ihrem Haus lagert. Foto: RTL IIAusmisten: Experte Sükrü Pehlivan (rechts) und seine Helfer sichten zusammen mit Anna die zahlreichen Gegenstände, die sie in ihrem Haus lagert. Foto: RTL II

Osnabrück. „Bares für Rares“ mit Horst Lichter feiert Erfolge im ZDF, „Der Trödeltrupp“ feiert mit 600 Folgen Jubiläum bei RTL 2. Das Verhökern von Ramsch und Raritäten im Fernsehen nimmt kein Ende. Was steckt hinter dem Trödel-Trend?

Egal ob Auktion, Haushaltsauflösung oder Flohmarkt – das weite Feld des Gebrauchtwarenhandels ist zu einem beliebten Thema nicht nur deutscher TV-Shows geworden. Im History Channel sind die „American Pickers“ unterwegs, sowie „Die Drei vom Pfandhaus“. Auf Kabel 1 gibt es „Schätze unterm Hammer“, und ZDFneo versuchte sich unlängst mit dem Trödel-Sujet im Quizformat: „Clever abgestaubt“ mit Steven Gätjen war allerdings nicht annähernd so erfolgreich wie Zwirbelbart Horst Lichter, der mit „Bares für Rares“ den Sprung in die Prime Time des ZDF schaffte und dort seitdem gute Quoten einfährt.

Der Zuschauer wolle ehrliche und echte Formate, versuchte Lichter gegenüber der „Zeit“ den „Trödelhype“ zu erklären. Was das Unechte und Unehrliche ist, dem gegenüber sich „Bares für Rares“ abgrenzen will, bleibt Spekulation. Vielleicht ist es das Internet, wo heutzutage wohl die meisten Schnäppchenjäger unterwegs sind. Dort ist die Auswahl zwar riesig und der Preisvergleich technisch optimiert. Doch bei den Trödelshows ist die Ware nicht nur Ware, sondern Träger von Geschichten. Es sind – wie auch in anderen Erfolgsformaten, etwa den Castingshows – schlussendlich die Menschen, die den Zuschauer faszinieren. Wenn der „Trödeltrupp“ den Nachlass eines Autoliebhabers im Auftrag der Witwe veräußern hilft und ein guter Freund des Verstorbenen auf eines der Autos bietet, dann sind große Gefühle im Spiel. Eingebettet ist das Ganze in eine simple, klare Struktur: Es gilt durch geschicktes Handeln den bestmöglichen Preis zu erzielen. Das ist dramaturgisch effektiv, folgt es doch einem ähnlichen Muster wie ein sportlicher Wettkampf. Es bietet zudem den Schauwert, einen Profi-Händler bei der Ausübung seines Handwerks zu erleben.

„Schätze unterm Hammer“ hingegen gibt den Eigentümern der Schätze zuerst die Möglichkeit, bei Händlern einen Festpreis zu erzielen oder in der zweiten Runde das Risiko einer offenen Auktion einzugehen, um eventuell mehr Geld einzunehmen. Das ist der Struktur nach eine Gameshow und funktioniert genau darum so gut.

Verglichen damit ist „Bares für Rares“ eher gemütlich aufgebaut. Die Gäste stellen Horst Lichter und seinem Experten ihren Schatz vor, erzählen die Geschichte dazu. Im zweiten Schritt bieten mehrere Händler im Studio auf die Preziosen, während der Eigentümer vor ihnen wie vor einer Jury herumstehen muss und allenfalls die Geschichte hinter der Ware wiederholen darf, die der Zuschauer bereits kennt. Die tolle Erzählstruktur allein kann also nicht das Geheimnis der Show sein. Natürlich will „Bares für Rares“ ein anderes, vor allem älteres Publikum bedienen als die Formate der Privatsender und schlägt mit seiner entschleunigten Erzählweise wohl den richtigen Ton an.

Zuletzt treffen die Trödelshows möglicherweise nicht nur einen gesellschaftlichen Nerv, sondern gleich zwei. Spätestens nach Werbe-Imperativen à la „Geiz ist geil“ ist es ein weitverbreitetes Muss bei allem das Beste und Günstigste herauszuholen. Dazu kommt das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit – Wegwerfen ist out, Wieder- und Weiterverwerten ist angesagt. Teilen, Leihen, Tauschen liegen im Trend. Dass alte Uhren, Grammophone oder Autos, an denen Erinnerungen hängen, nicht auf dem Müll landen, sondern ein neues Zuhause finden, ist alles andere als ein banaler Vorgang. Es ist eine tröstliche Erzählung im Kontext einer Konsumgesellschaft, die immer schneller immer neue Produkte ausspuckt und verbraucht.


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