„Talentschuppen“, „Beat Club“ und Co Die ersten Musiksendungen für Jugendliche vor Viva und MTV

Von Harald Keller

Im legendären „Beat-Club“ von Radio Bremen spielten Bands live wie die britische Gruppe „The Cream“ (Bild). Foto: dpaIm legendären „Beat-Club“ von Radio Bremen spielten Bands live wie die britische Gruppe „The Cream“ (Bild). Foto: dpa

Osnabrück. Als das bundesdeutsche Fernsehen die ersten Musiksendungen für Jugendliche ausstrahlte, mussten sich die Beteiligten noch wüste Beschimpfungen gefallen lassen. Heute gibt es im Fernsehen und in den Mediatheken altersübergreifend Angebote für jeden Geschmack.

Hartnäckig hält sich der Irrtum, die Sendereihe „Beat-Club“ sei die erste TV-Musiksendung für junge Leute gewesen. Ein Jahrzehnt zuvor war vor allem der Jazz unter Jugendlichen populär. Die „Bravo“ berichtete über Jazz-Themen, in den Kinos liefen Filme wie „Liebe, Jazz und Übermut“, das Fernsehen zeigte „Jazz für junge Leute“. Ausgestrahlt wurde die Reihe ab März 1959 freitags im Rahmen der sogenannten „Jugendstunde“. Die Bands spielten live vor Studiopublikum und wurden von Moderator Olaf Hudtwalcker interviewt, der auch mit den jungen, modisch gekleideten Zuhörern diskutierte.

Eine frühe Form der Castingshow entstand 1964 mit dem „Talentschuppen“, in dem sich junge Sänger, Bands und Comedians einer Jury stellten, die aus einer Schauspielerin, einem Journalisten, einem Orchesterleiter und einem Vertreter der Musikbranche bestand.

Im Folgejahr entsprach Radio Bremen dem gewandelten Musikgeschmack mit dem samstäglichen „Beat-Club“, der an die britische Sendereihe „Ready, Steady, Go!“ angelehnt war. Im „Beat-Club“ gab es anfangs Live-Musik vor allem von deutschen Bands, bald jedoch immer mehr von internationalen Stars. Wenn sie nicht persönlich auftraten, schickten sie die seit 1960 gebräuchlichen kurzen Musikfilme, die Vorläufer der Videoclips.

Erwachsene empfanden die Beat-Musik als anstößig, was sie für die Jugendlichen nur umso interessanter machte. Doch nicht alle Heranwachsenden dachten gleich. Schülerin Marion schrieb an die Redaktion: „Wenn ich etwas zu Ihrer Beat-Sendung sagen darf, so kann ich nur antworten: schrecklich! So eine Sendung gehört ins ‚Affenhaus‘.“

Die Beat-Welle aber brandete weiter. In der ZDF-Reihe „4-3-2-1 Hot and Sweet – Musik für junge Leute“ gab es ab 1966 Musiknummern sowie Infos über den „reichhaltigen Markt“, der, so schrieb die „Hörzu“, „immer neue, verrückte, praktische oder überkandidelte Schnick-Schnacks für Jung-Käufer anbietet.“ Moderiert wurde diese recht brave Antwort auf den „Beat-Club“ unter anderem von Ilja Richter, der 1971 die Nachfolgesendung „Disco“ übernahm.

Der Hessische Rundfunk produzierte gemeinsam mit dem US-Soldatensender AFN ab 1966 die Reihe „Beat! Beat! Beat“, in der die erste Garde aus Rock und Pop gastierte. Wie vom „Beat-Club“ existieren von diesen Konzerten noch Aufnahmen, die zeitweilig als DVD-Kompilationen im Handel erhältlich waren.

Der NDR schickte in seinem Regionalprogramm ab 1969 die schweizerisch-deutsche Koproduktion „Hits á Gogo“ ins Rennen. Damit war der Bedarf keineswegs gedeckt, wie eine Zuschrift an die TV-Zeitschrift „Funk Uhr“ aus dem Jahr 1968 verrät: „Die Sendungen wie ‚4-3-2-1 Hot and Sweet‘ sowie ‚Beat-Club‘ können nicht genug gelobt werden. Leider werden sie viel zu selten ausgestrahlt. Musik für die ältere Generation wird fast jedes Wochenende gesendet, für uns junge Leute aber nur alle vier Wochen.“

Die Klage fand Gehör. In den 70ern verdichtete und verbreiterte sich das Angebot an Musiksendungen. In den 80ern bekamen die längst zum Wirtschaftsfaktor gewordenen Jugendlichen gar eigene Musikkanäle. 1984 entstand mit Musicbox der erste deutschsprachige Musiksender. Es folgten 1987 MTV Europe und 1993 Viva, die vor allem Musikclips, aber wenig redaktionelle Inhalte boten. Dieses Modell ist perdü, seit Clips beliebig im Internet abrufbar sind. Interessante, altersübergreifende Angebote gibt es weiterhin im Fernsehen und parallel im Netz in den Mediatheken: qualifizierte Berichterstattung etwa im Arte-Magazin „Tracks“, exklusive Dokumentationen, wöchentlich den seit 1976 bestehenden WDR-Klassiker „Rockpalast“. Live-Mitschnitte finden sich ferner bei 3sat und Arte. Auch der Jazz hat wieder feste Sendeplätze: samstags und sonntags bei ARDalpha.