Jubiläum Einzigartiges Projekt: Bremer „Zeitschrift der Straße“

Von Eckhard Stengel

Auf seinem Rundweg durch die Stadt: Der Obdachlose Alexander D. versucht, die „Zeitschrift der Straße“ vor allem an die Besucher von Bremer Cafés zu verkaufen. Foto: StengelAuf seinem Rundweg durch die Stadt: Der Obdachlose Alexander D. versucht, die „Zeitschrift der Straße“ vor allem an die Besucher von Bremer Cafés zu verkaufen. Foto: Stengel

Sie ist ein Medien-, Sozial- und Bildungsprojekt: Die Bremer „Zeitschrift der Straße“, deren 50. Ausgabe an diesem Samstag erscheint.

„Geh doch lieber arbeiten!“, bekommt der Bremer Obdachlose Alexander D. manchmal zu hören, wenn er den Gästen von Straßencafés die „Zeitschrift der Straße“ (ZdS) anbietet. „Für mich ist das hier auch eine Art Arbeit“, sagt der hagere 36-Jährige, dem ein abgewetzter ZdS-Verkäuferausweis um den Hals baumelt. Noch läuft er mit Nummer 49 herum. Aber an diesem Samstag erscheint die Jubiläumsausgabe, das 50. Heft dieser mehrfach preisgekrönten Zeitschrift, und ab Montag geht sie in den Verkauf, natürlich auch mit Alexander D. als Freiluft-Anbieter.

Straßenmagazine wie „Asphalt“, „Hinz und Kunzt“ oder „Strassenfeger“ gibt es schon viel länger als die 2011 erstmals erschienene ZdS. Oft behandeln sie soziale Themen, auch mit aktuellem Bezug, und manchmal arbeiten die obdachlosen Verkäufer auch in der Redaktion mit.

Die ZdS ist in mehrfacher Hinsicht etwas anders. „Sie ist das weltweit einzige Straßenmagazin, das zugleich ein Bildungsexperiment ist“, glaubt ihr Erfinder Michael Vogel, Professor für Betriebswirtschaft und Tourismusmanagement an der Hochschule Bremerhaven. Vogel wollte seinen Studierenden beibringen, wie sie ein Magazin auf den Markt bringen könnten – ganz praxisnah und mit Nutzen für die Allgemeinheit. „Learning by doing good“, nennt er dieses Prinzip.

Zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zur ersten Ausgabe im Februar 2011. Der Professor fand dafür Mitstreiter in Bremen, vor allem die evangelische Innere Mission, die Hochschule für Künste und den damaligen Studiengang Fachjournalistik an der Hochschule Bremen. Der Anspruch der Gründer war hoch: Sie wollten „das Medium des Straßenmagazins neu erfinden.“ Der erste Chefredakteur Armin Simon brachte es so auf den Punkt: „Andere Straßenzeitungen werden oft aus Mitleid gekauft. Wir wollen so hochwertig sein, dass die Leute das Heft wegen des Inhalts kaufen.“

Es ist ein ganz spezieller Inhalt: Jede der zehn Ausgaben pro Jahr widmet sich nur einem Straßenzug. Die häufig wechselnden Autoren und Fotografen – im Schnitt fünf bis zehn pro Ausgabe – ziehen mit wachen Sinnen durch die Gegend und entdecken im Alltäglichen das Ungewöhnliche. „Das Knistern der Butter“, hieß zum Beispiel eine Reportage über einen Blindenverein am Bremer Sielwall. Hauptperson: Eine blinde Frau, die beim Kochen hört, wann das Fett heiß genug zum Anbraten ist.

Extravagant ist auch das schmale Hochformat, das an Pizzeria-Speisekarten erinnert. Die Gestalter des 32-Seiten-Blattes konnten schon mehrere Design-Preise einstreichen, und beim Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ erhielt das Projekt 2014 eine Urkunde mit Unterschrift vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck .

Philipp Jarke und Jan Zier sind die einzigen Profi-Journalisten in der ZdS-Redaktion. Die beiden Freiberufler betreuen als Chefredakteure gegen ein Pauschalhonorar die Ehrenamtlichen, die für ihre Beiträge inzwischen eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten.

Zier hat nachgerechnet: Bislang sind es fast 450 Leute, die in der Redaktion, bei der Gestaltung, beim Marketing oder im Vertriebsbüro mitgemacht haben, vor allem Studierende aus den Hochschulen der Region.

Den Verkauf auf der Straße haben bisher 900 Wohnungslose, Drogenabhängige und Zuwanderer übernommen, bei ebenfalls hoher Fluktuation. Zum festen Stamm gehören höchstens 70 Verkäufer. Von den 2,50 Euro pro Heft dürfen die Verkäuferinnen und Verkäufer 1,30 Euro behalten, ein kleines Zubrot zu Hartz IV. Manche stehen mit einer ganzen Palette von aktuellen und älteren Ausgaben vor Supermärkten oder Postfilialen. Auch die alten Hefte gehen noch gut weg, denn sie sind ziemlich zeitlos. Insgesamt wurden schon 320000 Exemplare unter die Leute gebracht, bei einer Druckauflage von 8000 pro Nummer.

Anfangs machte das ungewöhnliche Medien-, Sozial- und Lernprojekt noch Verluste, die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft aufgefangen wurden. Zweimal stand es sogar vor dem Aus, sodass Initiator Vogel ein „kleines Wunder“ darin sieht, dass die ZdS überleben konnte. Aber seit 2016 schreibt das Blatt regelmäßig schwarze Zahlen.

Beim Jubiläumsheft Nummer 50 ist alles wieder ein bisschen anders: Es trägt nicht den Namen einzelner Straßen oder Plätze, sondern heißt einfach nur „Straße“. Chefredakteur Zier: „Es geht ausnahmsweise mal um die Straße an sich – als Lebensraum.“

Alexander D., der seit 13 Jahren auf der Straße lebt, ist seit der ersten Ausgabe dabei. Eigentlich wollte er Maler und Lackierer werden, aber dann verfiel er den Drogen. Zehn bis fünfzehn Hefte verkauft er pro Tag, „mal mehr, mal weniger“. Das ist besser als zu betteln: „Ich biete den Leuten lieber was an, als mit dem Becher rumzulaufen.“


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