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Nicht nur fiktionale Stoffe Streamingdienste bieten auch hochwertige Dokus

Von Frank Jürgens


Osnabrück Streamingdienste wie Amazon Prime Video und Netflix setzen bei weitem nicht nur auf fiktionale Stoffe. Bei Dokumentationen finden sie auch neue Formen.

Unterwasseraufnahmen von Korallenriffen sind immer ein Blickfang. Ihre fremdartige Schönheit fasziniert Jung wie Alt. Aber je leuchtender die Farben der Korallenriffe, desto trügerischer können die Bilder sein. So lehrt es der neue abendfüllende Dokumentarfilm „Chasing Coral“ von Jeff Orlowski. Nicht mittels eines billig dahingesagten Off-Kommentars. Sondern durch die Kraft aufwändig in Zeitraffer eingefangener und montierter Bilder. Wo eben noch eine leuchtende Unterwasserlandschaft die Zuschauer in ihren Bann zieht, wird sich schon bald darauf die gefürchtete Korallenbleiche breit machen. Als Folge des Klimawandels, von dem die empfindlichen Korallenriffe besonders stark betroffen sind.

Mit „Chasing Coral“ als Nachfolger seines unter anderem mit einem Emmy Award preisgekrönten Erstlingswerks „Chasing Ice“ steht Orlowski ganz vorne an der Front junger, talentierter und innovativer Dokumentarfilmer, die konsequent ihre eigenen Wege suchen und finden. Das betrifft natürlich auch die Vertriebswege.

So wundert es in diesem Fall kaum, dass sein neuester und auf dem diesjährigen Sundance-Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichneter Film nicht in den Lichtspielhäusern dieser Welt läuft – was angesichts der bildgewaltigen Kraft dieser gewitzten Dokumentation über Klimawandel, Aktivisten und „Korallennerds“ eigentlich schade ist. Stattdessen hat sich Netflix die Streaming-Rechte für diese Produktion gesichert, die nun weltweit ab dem 14. Juli von den Abonnenten zu jeder Zeit abgerufen werden kann.

Mehr als nur fiktionale Formate

Netflix, Amazon Prime Video, Maxdome und Co waren noch nie „nur“ Abspielstationen für Dauerglotzer fiktionaler Formate. Von Anfang an haben die Firmenstrategen der Online-Videotheken erkannt, dass gerade auch im Marktsegment der Sachgeschichten Kunden zu binden sind. Spätestens mit der seit Dezember 2015 gestreamten Doku-Serie „Making a Murderer„ hat Netflix aber neue Wege beschritten und ganz nebenbei dem True-Crime-Genre weltweit zu neuen Ehren verholfen.

Jene über einen Zeitraum von zehn Jahren entstandene, zehnteilige Doku-Serie über einen mutmaßlich zu Unrecht als Mörder inhaftierten Mann folgt zwar inhaltlich einem bekannten Format, beschreitet aber formal und qualitativ auch neue Wege. Ausschließlich von dokumentarischen Szenen wie Zeugenaussagen, Dokumenten und O-Tönen getragen, verzichtet das Format auf penetrant wirkende Mittel wie nachgestellte Szenen oder überflüssige Off-Kommentare. Das wirkt zunächst einmal ganz und gar klassisch und doch bereits wider den hiesigen Zeitgeist.

Preisgekröntes Paradebeispiel für neue Erzählformen

Dann aber folgt „Making a Murderer“ als Paradebeispiel für neue Erzählformen im Bereich der Dokumentarserie formal dem Vorbild moderner fiktionaler Serien, die ja als Stärke der Streaming-Anbieter gelten. Eine komplexe Dramaturgie, die die Zuschauer im Idealfall von Episode zu Episode mehr und mehr gefangen nimmt, ist nun auch im dokumentarischen Serienformat deutlich spürbar.

Darüber hinaus leben die neuen Dokumentarserien der Streaminganbieter genauso wie ihre fiktionalen Geschwister von einem unvorhersehbaren Wendungsreichtum, von vielschichtigen Charakteren und natürlich auch von Cliffhangern, die es unmöglich machen sollen, die nächste Episode für ein Weilchen auszusetzen. Im Ergebnis erfreuen sie sich nicht nur beim Publikum einer großen Beliebtheit, sondern heimsen auch reihenweise Preise ein. Alleine für „Making a Murderer“ gab es neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen vier Primetime-Emmys.

Auch sehr beliebt: American Football

Ein nicht minder beliebtes Genre bei diesen neuen Doku-Serien ist der Sport, insbesondere American Football. Allerdings gehen hier Amazon Prime Video und Netflix bei ihren eigen- bzw. koproduzierten Serien sehr unterschiedliche Wege. Während die für Amazon produzierte Doku-Serie „All or Nothing“ dank der Kooperation mit der National Football League (NFL) pro Staffel und Saison jeweils hinter die Kulissen eines kommerziellen Proficlubs blicken darf und etwas zu sehr nach NFL-Eigenwerbung riecht, beobachtet die Netflix-Produktion „Last Chance U“ gestrauchelte jugendliche Hoffnungsträger mit echten Ecken und Kanten, die im Sport ihre letzte Chance sehen. Die zweite Staffel von „Last Chance U“ startet am 21. Juli bei Netflix, während „All or Nothing“ bei Amazon bereits in die zweite Saison gegangen ist.

Natürlich kommen auch Freunde von älteren Dokumentarfilmen und Reihen auf ihre Kosten. Jeder der großen Streaming-Anbieter hat zahlreiche Produktionen der unterschiedlichsten Sender und Güte im Gepäck, die auch hier schon im TV liefen. Die Palette reicht von den überstrapazierten „... von oben“-Reihen über zahlreiche Tier-, Natur- und Geschichtsdokus bis hin zu schrägem Stoff wie Friedrich Liechtensteins „ Tankstellen des Glücks „, die letztes Jahr bei Arte zu sehen waren und nun im Abopreis von Netflix enthalten sind.

Was derzeit bei welchem Anbieter zu welchen Bedingungen gestreamt wird, lässt sich am einfachsten auf einschlägigen Streaming-Suchmaschinen wie werstreamt.es herausfinden.