Eine Stadt spielt Indianer 65 Jahre Karl-May-Festpiele in Bad Segeberg

Besucherrekord am Kalkberg: Mehr als 360.000 Besucher kamen zur Spielzeit 2016. Das freut die Schauspieler Nicolas König, Oliver Strietzel, Till Demtröder, Regisseur Norbert Schultze jr., Jan Sosniok und Susan Sideropolous (von links). Bild: NDR/jumpmedienTV GmbHBesucherrekord am Kalkberg: Mehr als 360.000 Besucher kamen zur Spielzeit 2016. Das freut die Schauspieler Nicolas König, Oliver Strietzel, Till Demtröder, Regisseur Norbert Schultze jr., Jan Sosniok und Susan Sideropolous (von links). Bild: NDR/jumpmedienTV GmbH

Bad Segeberg. Auch wenn die Indianerhelden der Kinder heute eher Yakari oder Pocahontas heißen und auch wenn kaum ein Jugendlicher noch zu den Schmökern von Karl May greift: Winnetou hat seinen Charme nicht verloren. Zumal, wenn er leibhaftig über die Prärie reitet. In Bad Segeberg macht er das seit 65 Jahren – und hat damit eine Stadt geprägt.

Vor zehn Tagen zur Premiere war er da. Der Tontechniker und der Kameramann samt Familie auch. Und andere aus dem Team. „Ich würde nicht sagen, dass wir schon zur Festspiel-Familie gehören“, sagt der Filmemacher Timo Gramer im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber ein bisschen so hat es sich schon angefühlt.“

In der Saison 2016 hatten Timo Gramer und sein Filmteam für die NDR-Reihe „Unsere Geschichte“ zwanzig Drehtage in Bad Segeberg. „Wir kennen das Festspielgelände morgens um fünf und abends um elf.“ Sie haben Schauspieler getroffen wie Jan Sosniok, der seit 2013 den Winnetou spielt, aber auch die, die schon seit Jahren – manchmal seit Jahrzehnten – die Karl-May-Festspiele mitorganisieren: den Pyrotechniker und die Reistallchefin, den Würstchengriller und den Statisten, die Anwohner und den langjährigen Festspielleiter. Abgesehen von den Hauptdarstellern kommen viele aus der norddeutschen Tiefebene. „Es ist beeindruckend, was für ein Geist und Familiensinn dort herrscht“, sagt Timo Gramer. „Viele sind seit Ewigkeiten dabei, das ist eine verschworene Gemeinschaft.“

Dass das Filmteam nah dran kam, ist, so Gramer, „etwas Besonderes“, denn zwanzig Drehtage für eine Dokumentation sind in Zeiten knapper Mittel ungewöhnlich. „Das ist eine Langzeit-Doku, die ihren Namen wirklich verdient“, so Gramer. Erkennbar wird die lange Drehzeit etwa, wenn im Film dieselbe Szene aus Probe und Aufführung hintereinandergeschnitten werden.

Damit zur Premiere alles klappt, ist – das spürt man – harte Arbeit nötig. Denn in gut vier Wochen, von Mitte Mai bis zur Premiere Ende Juni, muss die Produktion stehen. 4,5 Millionen Euro beträgt das Jahresbudget, in der Saison 2016 kamen knapp 370.000 Zuschauer zu 72 Vorstellungen. „Das war der schönste Sommer meiner Karriere“, sagt Till Demtröder, der als Gaststar den Old Shatterhand spielte. „Obwohl wir Scheiß-Wetter hatten“, ergänzt ein Kollege. So schlecht, dass erstmals in der 65-jährigen Geschichte die Premiere abgebrochen werden musste. Sommer in Norddeutschland eben.

Die Dokumentation „Als Winnetou in den Norden kam“, erzählt aber nicht nur von der Segeberger Produktion im Jubiläumsjahr 2016. Sie erzählt auch die Geschichte dieser Festspiele und seines ungewöhnlichen Ortes: der Kalkberg und die Gipshöhlen unter dem Kalkberg. Wer – außer Einheimischen – hätte etwa gewusst, dass in den Höhlen 20.000 Fledermäuse überwintern und sie deshalb ein Hotspot für Biologen sind? Oder dass die Theateranlage von den Nazis als „Nordmarkfeierstätte“ gebaut und 1937 von Joseph Goebbels persönlich eingeweiht wurde. Oder dass der junge Jan Fedder seinen ersten Auftritt in einem Kinderfilm hatte, der (auch) in den Höhlen unter dem Kalkberg spielte. Viel interessantes Archivmaterial hat Timo Gramer zusammengestellt, so dass die 90 Minuten lange Dokumentation nicht langweilig wird.

Deutlich wird aber auch, dass die Karl-May-Festspiele schon mehr als einmal vor dem wirtschaftlichen Aus standen. Etwa in den 1970er Jahren, als die Konkurrenz durch das Fernsehen und die neuen Festspiele in Elspe Verluste bis zu 600.000 Mark brachten und die Stadt die Spiele abstoßen wollte. Damals zeichneten die Segeberger Bürger Anteile für eine neu gegründete GmbH und retteten die Spiele. Oder Ende der 1980er, als die Zuschauerzahlen  auf unter 50.000 sanken – und der Coup glückte, Pierre Brice als Winnetou zu engagieren. Seine Witwe, Hella Brice, erzählt in dem Film von dieser Zeit.

Für den Filmemacher Timo Gramer – der aus seiner Kindheit eher Elspe als Bad Segeberg kennt – ist dies das Geheimnis der Festspiele: die Verankerung in der Region. „Zur Premiere kommen jedes Jahr der Ministerpräsident und etliche Minister aus Schleswig-Holstein, die Segeberger kommen mit Kindern und Enkeln, ehemaliger Darsteller sind dabei – da herrscht ein unglaublicher Stolz in der ganzen Region.“ Alles sei ein bisschen „altmodisch-kitschig“ und auch die Preise für Würstchen und Getränke seien „wie in den 80ern“. „Wenn da ganze Familien mit Picknickkorb und als Indianer verkleiden kommen, wenn die Kinder ganz unkompliziert Selfies mit Winnetou machen können, dann merkt man: Das zieht auch in Zeiten von Fantasy-Literatur und neuen Medien an“, sagt Gramer. Bleibend. „Ich habe schon zu meiner Frau gesagt: Wenn wir mal Kinder haben sollten, fahren wir mit denen auch hierhin!“


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