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Dorothee Schön hat einige der besten Drehbücher für den „Tatort“ geschrieben „Du darfst nicht langweilen!“

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Hinter den Kulissen ein Star: Autorin Dorothee Schön. Foto: Rowohlt Verlag/Hergen SchimpfHinter den Kulissen ein Star: Autorin Dorothee Schön. Foto: Rowohlt Verlag/Hergen Schimpf

Osnabrück. Dorothee Schön hat sich mit ihren Büchern für die „Tatort“-Reihe einen Namen gemacht. In der Branche ist sie ein bunter Hund, nur das Publikum nimmt sie im Abspann oft kaum wahr.

Mittlerweile schreibt Schön an ihrem 16. „Tatort“: ein Krimi für Lena Odenthal. Buch Nummer 15 wird im Jahr 2011 ausgestrahlt. Nummer 17 ist schon verabredet: Der Fall muss im Mai gedreht werden, wenn am Bodensee die Bienen summen. Einen „Tatort“, in dem Imker im Vordergrund stehen, hat sie sich ausgedacht – mehr verrät sie nicht: Spannung aufbauen! Gelernt ist gelernt!

Dass sie das kann, hat die Drehbuchautorin aus Ravensburg oft bewiesen. Sie schrieb schon Krimis für Kommissar Flemming aus Düsseldorf, die Münsteraner Thiel und Boerne und den Kieler Borowski – die meisten für Eva Mattes als Klara Blum aus Konstanz. Auch Kommissarin Odenthal hat sie mehrfach auf Mörderjagd geschickt. Deren Darstellerin Ulrike Folkerts – bekannt für ehrliche Worte – spart Dorothee Schön aus ihrer Kritik stets aus und rühmt ihre Geschichten. Auch Eva Mattes war 2009 auf der Criminale voll des Lobes. Axel Milberg setzte bei der NDR-Redaktion durch, dass Schön ein Buch für ihn schreibt.

Nachdem sie für den Senta-Berger-Film „Frau Böhm sagt Nein“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, ist sie gefragt wie nie. Schön ist Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie, hatte mehrere Lehraufträge inne und gibt die Buchreihe „Deutsche Drehbücher“ heraus. In der Drehbuchwerkstatt München betreute sie angehende Autoren.

Schön beherrscht die Klaviatur des „Hütchenspielens“ im Krimigenre – so nennt sie selbst ihre Arbeit – wie nur wenige. Sie weiß mehr von Dramaturgie als viele Redakteure und ist dabei noch unterhaltsam. Für den „Tatort“ die ideale Kombination. Ihre Krimis sind locker und haben kaum Längen. Ihr oberstes Gebot: „Du darfst nicht langweilen!“

Ihr Markenzeichen ist der abgeschlossene Mikrokosmos. Schön interessiert sich für unscheinbare Orte und Milieus. Ihre Fälle spielen im Kloster, in ländlichen Bäckereien, bei versnobten Schülern im Internat, in der Anatomie oder auf einer Ostsee-Fähre. Einen Schrottplatz schlachtet sie buchstäblich aus und erzählt nebenbei etwas über Sinti und Roma. Schöns Wurzeln liegen im aufklärerischen Dokumentarfilm. Was die Mehltype beim Bäcker bedeutet, wie Papageien auf Gase reagieren, vermittelt sie so unterhaltsam wie das kriminalistische Basiswissen. Wie kann man feststellen, ob jemand sich von der Brücke gestürzt hat oder gestoßen wurde? „An den Griffspuren“, weiß Schön. Erfahren hat sie es von einem Polizisten, der ihre Drehbücher gegenliest. Für „Engelchen flieg“ hat sie Prozessakten im Fall Monika Weimar studiert, und für den nächsten „Tatort: Strafe muss sein“ hat sie sich mit Verhörmethoden beschäftigt.

Regeln für einen guten „Tatort“ gibt es wenige, sagt sie. Sie zitiert gerne die Geschichte von ihrem ersten Fall „Heilig Blut“, der in einem Nonnen-Kloster spielt. „Tatort“-Erfinder Gunther Witte sagte, das sei zwar ein guter Film, aber eben kein richtiger „Tatort“. Doch der Film holt 1996 weit mehr als 10 Millionen Zuschauer bei der Premiere; eine Quote, die heute nur noch selten erreicht wird. Der Film gehört zu den am häufigsten wiederholten Krimis im WDR.

Was also macht einen guten „Tatort“ aus? Für Schön ist der realistische Grundton wichtig. Alles muss sich so abgespielt haben können. Beim Besuch einer Backstube überlegt sie, wie ein Bäcker hier töten würde: So entstand 2003 „Bitteres Brot“. Beim Münsteraner Fall „Eine Leiche zu viel“ kommt es zum Eklat mit dem Sender. Als die WDR-Redaktion einen Slapstick wünscht, beendet Schön die Zusammenarbeit. Den „Tatort“ als Klamotte mag sie nicht. Schöns Bücher haben Spuren hinterlassen, stechen heraus aus den mittlerweile fast 800 Folgen. Mittlerweile werden ihre „Tatorte“ sogar als Vorlage für Romane ausgewählt. Und auch Walt Disney hat schon 2 ihrer „Tatorte“ auf DVD veröffentlicht: „Seenot“ und „Engelchen flieg“.

Einige Fälle der Autorin haben Kult-Charakter: So geht die Komödie „Sterben für die Erben“ im Sommer 2007 auf ihr Konto. Selbst die Presse jubelt über den Film mit „knochentrocken servierten Bosheiten“. Mit dem Bodensee-Krimi „Herz aus Eis“ gelingt Dorothee Schön 2009 ein veritabler „Knaller“. Trotz offener Täterführung fesselt der spannende Fall aus dem Internat bis zur letzten Minute. Noch vor der Ausstrahlung wird der Krimi auf dem Hamburger Filmfest uraufgeführt; eine Ehre, die nur wenigen Filmen zuteil wird. In den von Fans gewählten Top Ten der besten Fälle belegt er aktuell Platz 7.

Unser Tatort-Liebling am nächsten Freitag: die Leiche

Unser Autor ist Gründer des Internet-Portals www.tatort-fundus.de.


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