Lektüre für den Sommer Buchtipps aus der Redaktion: Was wir gerade lesen

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Endlich wieder Zeit zum Lesen! Unsere Redaktion verrät, welche Bücher sie zuletzt mit Begeisterung gelesen hat. Foto: colourbox.deEndlich wieder Zeit zum Lesen! Unsere Redaktion verrät, welche Bücher sie zuletzt mit Begeisterung gelesen hat. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Sonnenbrille, Sonnencreme, ein Handtuch – und ein gutes Buch. Für alle, die noch Lesestoff für die Sommerferien suchen, hier ein paar Tipps aus unserer Redaktion – quer durch alle Genres.


Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Dieses Buch ist vom Seitenumfang her eher ein Büchlein, vielleicht ist es auch gar kein Roman, sondern eine Novelle - aber im Grunde ist das auch völlig egal. Was auch immer es ist - es ist großartig. Die Sprache von Julian Barnes ist so ausdrucksstark, seine Gedanken so tief, dass es für mich gar keine Handlung bräuchte, um mehr von diesem britischen Autoren lesen zu wollen. Es gibt aber eine Handlung - und die hat es in sich.
Ein Mann im fortgeschrittenen Alter namens Webster erhält den Brief eines Anwalts und eine Erbschaft, die ihn vor ein Rätsel stellt. Noch einmal kehrt er gedanklich zurück in seine Jugendzeit und zu seinem hochbegabten und undurchdringlichen Freund Adrian Finn, und viel mehr darf ich auch nicht verraten, ohne den Spaß an dem Buch zu verderben. Es geht um Liebe und Tod, um Sex, Freundschaft, Selbstbetrug und die eigene Mittelmäßigkeit. Und ich denke, ich erwähnte es bereits: Es ist großartig. (coa)
 
Cover: Kiwi-Verlag

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Die 736 Seiten sollten Leser auf keinen Fall abschrecken. Selten liest sich ein so dickes Buch so schnell - das liegt zum einen an der spannenden Geschichte und zum anderen an der Art und Weise wie es geschrieben ist. Man möchte es gar nicht mehr aus der Hand legen. 
 
Harry Quebert ist ein angesehener Schriftsteller. Jetzt wurden in seinem Garten die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschwundenen Nola entdeckt. In ihrer Ledertasche steckt das Originalmanuskript des Romans, der Quebert damals berühmt gemacht hat. Der Schriftsteller wird verhaftet und gibt schnell zu, ein Verhältnis mit der damals 15-Jährigen gehabt zu haben. Nun steht er unter Mordverdacht und der einzige, der sich nicht von ihm abwendet, ist Marcus Goldman - sein ehemaliger Schüler. Goldmann ist mittlerweile selbst ein berühmter Schriftsteller und fängt an, vor Ort zu recherchieren, was im Sommer 1975 in der Kleinstadt Aurora mit der kleinen Nola passiert ist.
 
Innerhalb des Romans wechselt der Autor Joël Dicker immer wieder zwischen dem Jahr 1975 und der Gegenwart. Aber nie so, dass er verwirrt ist. Dadurch erfährt der Leser immer ein Stück mehr über die Wahrheit des Falls um Harry Quebert. Und das Ende ist wie so oft ganz anders, als man auf Seite eins dachte. (skr)
Foto: Piper Verlag
 

J. D. Robb: Die Fälle der Eve Dallas

Eigentlich schreibt Nora Roberts Liebes-Romane, viele davon sind Bestseller. Doch zum Glück entschied sie sich in den 1990ern dazu, unter dem Pseudonym J. D. Robb auch Krimis zu schreiben. Inzwischen gehören 30 Bücher zu der Reihe um die toughe Polizistin Eve Dallas. Die Charaktere, die Geschichten, die Szenerie – wer einmal mit dem Lesen anfängt, kann nicht mehr aufhören.
Die Bücher spielen in der Zukunft. In den 2050er-Jahren legt Eve Dallas in New York den bösesten und schlauesten Schurken das Handwerk. Hilfe bekommt sie dabei nicht nur von ihrer komplett gegensätzlichen Partnerin, sondern auch von Roarke. Der frühere Ganove wechselte irgendwann die Seiten und baute sich ein Imperium auf, mit dem er beachtliche Summen verdient. Es gibt niemanden, der den faszinierenden Mann nicht kennt.
Das erstaunlichste an den Krimis: Mit jedem Jahr, mit dem wir uns der Zeit nähern, in der J. D. Robbs Krimis spielen, umso realer erscheint diese (noch) fiktive Welt, in der Autos fliegen können, Computer auf Sprachsteuerung reagieren und Menschen auch auf anderen Planeten leben.  (ngr) 
 
Foto: Blanvalet Verlag

Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London

Harry Potter für Erwachsene - dieses Label haben die Buchkritiker der Reihe "Die Flüsse von London" gegeben. Darin geht es um den jungen Londoner Polizei-Komissar Peter Grant. Frisch von der Schule, entwickelt sich zum Experten für alle Ermittlungen, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht. Er fandet nach Geistern und Vampiren, trifft die Göttin der Themse samt Familie und lauert bösen Einhörnern auf. Ganz nebenbei lernt er von seinem Vorgesetzten, magische Feuerbälle zu formen und Verdächtige mit selbst geschaffenen Flutwellen zur Strecke zu bringen.
Wem das jetzt etwas fantastisch klingt: Keine Sorge, Aaronovitch verpackt die Handlung in beißend britischen Humor und lässt auch PC Grants Frauengeschichten nicht aus. Mit vielen kleinen Anekdoten nimmt er den Leser mit auf eine Reise ins moderne London - Seitenhiebe auf die britische Gesellschaft inklusive. Die Romanidee ist so erfolgreich, dass inzwischen eine ganze Reihe  erschienen ist. Seit Mai ist der sechste Teil unter dem Titel "Der Galgen von Tyburn" im Handel erhältlich. Und für September ist mit "The Furthest Station" das neueste Werk des Autoren angekündigt. So schnell dürfte der Lesestoff den Peter-Grant-Fans also nicht ausgehen. (lori)
 
Foto: dtv Verlag
 

Markus Zusak: Die Bücherdiebin

"Die Bücherdiebin" erzählt die von Anfang an unglaublich traurige und tragische Geschichte einer Jugend im Dritten Reich, vor und während des Zweiten Weltkriegs in einem Vorort Münchens. Die kleine Liesel Memminger sieht dabei die Schrecken des Naziherrschaft, die gequälten Juden, die durch ihren Vorort nach Dachau ziehen. Das Buch erzählt die Geschichte einer liebevollen (Pflege-)Familie, von ihrer wunderbaren Freundschaft und Liebe zu Rudi Steiner und einem im Keller versteckten Juden - und von mehreren Büchern, die das Mädchen im Laufe der Zeit klaut und der Nachbarschaft in den vielen Bombennächten im Keller vorliest.
Ungewöhnlich ist, dass der Tod die Geschichte erzählt. Er begegnet der neunjährigen Liesel Memminger zum ersten Mal im Jahr 1939, als er ihren kleinen Bruder zu sich nimmt. Bei der Beerdigung beginnt auch die "Karriere" der Bücherdiebin, als sie das "Handbuch für Totengräber" stiehlt.
Nicht minder ungewöhnlich ist, wie unglaublich sympathisch der Tod die Geschichte auf fast 600 Seiten erzählt. Er ist weder kaltblütig noch gleichgültig oder gar grausam, sondern voller Sanftmut. Er resigniert förmlich vor der Grausamkeit der Menschen und fürchtet diese offenbar mehr, als die Menschen ihn.
Erstaunlich ist, wie schön das Buch geschrieben ist, obgleich es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen handelt. Über so viele Sätze lässt sich nicht einfach hinweg lesen. Sie sind so voller Schönheit und nahezu poetisch.
Dieses Buch l��sst sich nur schwer aus der Hand legen, wenn man einmal damit angefangen hat. Eine zutiefst bewegende Geschichte. (yjs)
 
Foto: Verlag Blanvalet
 

Kate Atkinson: Die Unvollendete

„Was wäre, wenn …“ – diese Frage haben sich wahrscheinlich die meisten Menschen schon einmal gestellt. Was wäre geschehen, wenn man sich in einer Situation anders verhalten hätte? Was wäre, wenn man einen anderen Weg gewählt hätte? Diese Fragen braucht sich Ursula Todd nicht zu stellen. Denn sie bekommt die Möglichkeit, ihr Leben immer wieder aufs Neue zu leben. Immer wieder stirbt die Protagonistin (zum ersten Mal bereits kurz nach ihrer Geburt) und wird neu geboren. 
Vor der Kulisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges entfaltet sich das Schicksal Ursulas, die 1910 in eine britische Familie geboren wird, immer wieder neu. Fehler, die sie in ihren früheren Leben begeht, kann sie beim nächsten Versuch umgehen. Nur die Familie, in die sie immer wieder geboren wird, bleibt in allen Varianten dieselbe. Erinnern kann sich Ursula an ihre früheren Leben nicht, allerdings verspürt sie an wichtigen Wendepunkten Panik oder Beklemmung, die sie sich nicht erklären kann. Diese Gefühle leiten sie schließlich zu anderen Entscheidungen und damit auch in ein alternatives Leben.
Obwohl das Buch von Kate Atkinson keine leichte Sommerlektüre ist, lohnt es sich allemal, "Die Unvollendete" zu lesen. Das Buch macht nachdenklich und hinterlässt den Leser mit der Frage: Gibt es wirklich das perfekte Leben? (zud)
 
Foto: Droemer Knaur Verlagsgruppe
 

Borger & Straub: Sommer mit Emma

Die großen Sommerferien stehen vor der Tür. In der Beziehung zwischen Luisa und Daniel kriselt es. Sie wollen mit den Kindern auf einem Hausboot die Kanäle Englands entlang schippern und den stressigen Alltag hinter sich lassen. Sie wollen endlich wieder mehr Zeit füreinander haben. Lea und Jasper stecken mitten in der Pubertät. Sie haben sich auf den Trip mit ihren Eltern eingelassen, weil auch Jaspers Kumpel Can mitkommen darf. Mit von der Partie ist außerdem noch Emma. Emma ist Daniels Tochter – nur Daniels Tochter. Denn er hatte vor Jahren eine Affäre mit einer Frau, die dann Emma zur Welt brachte. Der Seitensprung ist in der Familie bekannt und auch Emma – allerdings nur von Erzählungen. Der Urlaub, denkt sich Daniel, sei eine gute Gelegenheit, die Familie zusammenzuführen. Doch das geht gründlich nach hinten los, denn die hübsche Emma möchte alles, nur nicht Frieden innerhalb der Familie. Mit ihren 15 Jahren spielt sie alle auf dem Boot gegeneinander aus. Sie beherrscht ihr Spiel perfekt. Auch die Eltern treibt die 15-Jährige durch ihre Intrigen auseinander. Doch bis sie das bemerken, ist es bereits zu spät.
Der Roman der beiden Autorinnen Borger und Straub ist mit seiner Geschichte spannend und findet am Ende seinen tragischen Höhepunkt. Durch einen raffinierten Wechsel aus verschiedenen Perspektiven bekommt der Leser einen Einblick in das Seelenleben der Protagonisten – das durchaus dunkel ist. Die tragische Geschichte ist eine ideale Lektüre für den Sommer, denn auch der hat seine Gewitter. (kp)  
Foto: Diogenes Verlag

Sylvain Neuvel: Giants - Sie sind erwacht

Die elfjährige Rose stürzt im Wald mit ihrem Fahrrad und landet in einer riesigen Kammer mit einem unheimlichen Artefakt: eine Roboterhand mit geheimnisvollen Zeichen. Fast zwanzig Jahre später bestimmt diese Entdeckung Roses Schicksal: Die herausragende Physikerin untersucht mit einem Expertenteam die überdimensional große Metallhand und macht sich auf die Suche nach den anderen Körperteilen des Roboters. Schnell wird klar, dass dieser Gigant nicht von Menschen, sondern von Außerirdischen erschaffen wurde. Rose und ihr Team setzen den Roboter nach und nach zusammen - der Metallriese ist eine Frau - und werden dabei von einem mysteriösen Mann im Hintergrund gelenkt. Er sorgt dafür, dass alles dafür getan wird, dass der Roboter zusammengesetzt wird. Geld und Regeln spielen dabei keine Rolle, schließlich werden sogar Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Doch was ist der Roboter, eine Waffe? Was verrät er über seine Schöpfer?
Wer "Giants" von Sylvain Neuvel liest, wird unweigerlich an den Science-Fiction-Film "Pacific Rim" von Regisseur Guillermo del Toro erinnert, in dem riesige Roboter von Menschen gesteuert werden, um gegen Urzeitwesen zu kämpfen. Auch ein bisschen "Transformers"-Hauch weht durch den Roman. Doch die Geschichte um Rose, ihr Team und die Roboterfrau ist kein plattes Actionspektakel: Es geht vor allem darum, was einige Menschen bereit sind zu opfern, um eines der größten Geheimnisse der Menschheit zu enträtseln. Ohne zu wissen, ob es etwas Gutes oder Schlechtes ist, das sie erwecken wollen. Rose erinnert ihre wissenschaftliche Neugier an Oppenheimer und den Bau der Atombombe, sie bezeichnet ihr Streben als innere Notwendigkeit: "Wenn man Wissenschaftler ist, glaubt man, dass es gut ist, herauszufinden, wie die Welt funktioniert." 
Dass diese Neugier Opfer fordert, scheint sie zu verdrängen, der mysteriöse Mann im Hintergrund hingegen sieht Opfer als Mittel zum Zweck. Und dadurch hebt sich "Giants" von anderen Science-Fiction-Romanen ab: Die Geschichte wird ausschließlich anhand von Tagebucheinträgen, Einsatzmeldungen und vor allem Interviews erzählt, die der Strippenzieher mit den Teammitgliedern und anderen Beteiligten führt. Am Anfang etwas ungewohnt, entwickelt diese nüchterne Darstellung und die teilweise sehr zynischen Dialoge einen unwiderstehlichen Sog. Der Spannungsbogen wird bis zum Ende gehalten und zum Glück geht es weiter: Im Mai wurde der zweite Band veröffentlicht, "Giants - Zorn der Götter". (kan)
 
Foto: Heyne Verlag
 

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Inge Lohmark hat es sich eingerichtet in ihrem Leben, das andere als unerfüllt wahrnehmen würden: Ein Job als Biolehrerin an einer Schule, die wegen Nachwuchsmangels dicht machen soll, das Haus in einer ostdeutschen Stadt, die nach der Wende vor sich hin vegetiert, die Ehe mit einem Mann, der sich mehr für seine Straußenfarm als für seine Frau interessiert, und eine Tochter, die ihre Heirat in den USA lediglich per Postkarte mitteilt. Die Protagonistin in Judith Schalanskys 200 Seiten kurzem Roman findet so etwas wie Sinn und Genugtuung im Unterricht. Ihre Schüler betrachtet sie mit einer Mischung aus professioneller Neugier und Verachtung. Den Klassensitzplan etwa versieht sie neben den Namen mit entlarvenden Kurzbeschreibungen. "Laura: Traniger Blick. Pustelige Haut. Ambitions- und Interessenlos. Unauffällig wie Unkraut." Sympathisch ist einem diese Inge Lohmark ganz sicher nicht, aber ihr Blick auf die Heranwachsenden, das Lehrerkollegium und die schrumpfende Stadt ist eine höchst unterhaltsame Milieustudie, die Schalansky witzig, abgeklärt, böse, ehrlich – und sprachlich brilliant erzählt. Was das Buch aber zu einem echten Lieblingsbuch werden lässt, ist die meisterhafte Art, in der es der Autorin gelingt, ihrer selbstbeherrschten Hauptfigur glaubhaft doch noch so etwas wie ein Herz abzuringen: als sie Gefühle für eine Schülerin entwickelt. Absolut lesenswert!  (meba)
 
 
Foto: Suhrkamp Verlag
 
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