Schöne Bilder Dokumentation thematisiert massenhafte Vermehrung der Tiere

Von Marie-Luise Braun

Quallen treiben oft in großen Schwärmen durch das Meer. Zwischen mehreren Tausend Ohrenquallen schwimmt eine Feuerqualle. Foto: ZDF/Florian GranerQuallen treiben oft in großen Schwärmen durch das Meer. Zwischen mehreren Tausend Ohrenquallen schwimmt eine Feuerqualle. Foto: ZDF/Florian Graner

Osnabrück. Mit wunderschönen Bildern taucht die Dokumentation „Quallen auf dem Vormarsch. Die unheimliche Großmacht“ in die Welt der Meere ein. Dabei inszenieren die Macher nicht nur im Titel eine Emotionalität, die weder dem Thema noch dem Anliegen der facettenreichen Dokumentation gerecht wird.

Was für eine Inszenierung! Schon bei der Sprache fängt es an. Da ist kurz von der Schönheit der Quallen die Rede, danach folgt umgehend die Aufzählung von Adjektiven wie „unheimlich“ und „tödlich“. Unterstützt wird die so erzeugte Dramatik von Stephan Benson. Der Sprecher leiht der Dokumentation eine Stimme, die gut auf die Seite der Bösewichte in Filmen wie „Angel heart“ oder „Der Pate“ passen würde. Zudem erklingt Musik, die diesen Effekt unterstützt.

„Ist das die gerechte Strafe für das verantwortungslose Handeln des Menschen?“, wird in der Doku gefragt. Gemeint ist das massenhafte Aufkommen von Quallen in den Ozeanen, was sich auch an Spaniens beliebten Urlaubsstränden bemerkbar macht. Denn dort stören die Tiere gewaltig, zumal, wenn es sich um Feuerquallen handelt, deren Stich große Schmerzen folgen. Resultat: Die Strände müssen gesperrt werden, die Touristenzahlen gehen zurück. Das sind gewiss triftige Fakten. Doch wem hilft die künstlich erzeugte Dramatik? Wichtiger ist es doch, sich erst einmal nüchtern mit dem Problem zu befassen.

Überhört man die künstliche Dramatik und konzentriert sich auf das, was die Dokumentation von Britta Kunft an Hintergründen liefert, eröffnet sich eine Sicht auf äußerst interessante Lebewesen, die sich aufgrund verschiedener – menschengemachter – Gründe seit ein paar Jahren heftig vermehren und wo nun die Frage geklärt werden muss: Wie werden wir die Mengen an Tieren wieder los?

„Verschobene Gleichgewichte in der Natur sind nicht über Nacht wieder herzustellen“, sagt Volker Wachendörfer, Referent für Umweltforschung und Naturschutz bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Ohne den Film zu kennen, zählt er genau die Faktoren auf, die auch in der Dokumentation als Gründe genannt werden.

So sorge die Überfischung der Meere dafür, dass Quallen zum einen weniger Fressfeinde haben und ihnen zum anderen mehr Nahrung zur Verfügung steht. Die globale Klimaerwärmung hat zur Folge, dass die Reproduktionsrate der Medusen – wie Quallen auch genannt werden – steigt, die Oberfläche von in den Meeren schwimmendem Plastikmüll dient vielen Kleinstlebewesen als Brutstätte – und sorgt damit auch für ein größeres Nahrungsangebot. Das hat auch der Eintrag von Düngemitteln aus der Landwirtschaft in die Gewässer zur Folge.

Eine Lösung für diese Probleme gibt es derzeit noch nicht. Wohl aber arbeiten weltweit Wissenschaftler an der Ergründung von Ursachen und Lösungen des Problems. Auch hier zeigt Kunft zahlreiche Projekte auf, erläutert Forschungsfragen und die Grenzen von Lösungen – beispielsweise das „Einzäunen“ von Schwimmbecken im Meer, damit Touristen von Quallen ungestört baden können. Das ist teuer, zumal eine ständige Kontrolle notwendig ist, um sicherzugehen, dass die Abgrenzungen absolut quallendicht sind.

Auch Wachendörfer sagt: „Es gibt keine einfachen Lösungen.“ Zu komplex sind die Vorgänge in der Natur, als dass sie genau an der Stelle wieder ins Gleichgewicht gebracht werden können, wo sie durch Menschenhand in Schieflage geraten sind.

Im Film stören auch hier wieder die Anspielungen auf die Gefahren, die von Quallen ausgehen: Tödlich, riesig, massenhaft – und sie verstopfen das Kühlungssystem von Kraftwerken. Relativierungen erfolgen nur in Nebensätzen, um sich dann gleich wieder in die nächste Unheimlichkeit zu stürzen: Die Tiere haben kein Herz und kein Gehirn.

Doch damit können sie umgehen: „Es sind hochorganisierte Wesen. Es gibt so genannte Staatsquallen wie die Portugiesische Galere.“ In den Populationen übernehmen die Tiere solcher Arten unterschiedliche Funktionen, um das Überleben zu sichern.

Das Anliegen der Dokumentation wird nicht erst am Ende klar: Sie will aufzeigen, dass wir Menschen einer der Verursacher für das massenhafte Ansteigen der Quallenpopulationen sind – und dass wir nicht so weiter machen können, wie bisher. Ob dafür aber das Erzeugen von Dramatik der richtige Weg ist, darf bezweifelt werden. Volker Wachendörfer ist der Überzeugung, dass Information der bessere Weg ist. Und das Ziehen an einem Strang, um die Situation zu entschärfen. Da, wo viele Quallen am Strand vorkommen, ist das beispielsweise auch interessant für die Tourismus-Industrie.