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„Das müssen Sie Ihren Hund fragen!“ Hundeprofi Martin Rütter beantwortet harte Gewissensfragen

Kaum zu glauben: Martin Rütters uralter Retriever Mina darf zu Hause fast alles, manchmal sogar Gäste belecken. Fotos: VoxKaum zu glauben: Martin Rütters uralter Retriever Mina darf zu Hause fast alles, manchmal sogar Gäste belecken. Fotos: Vox

Kassel. Beim TV-Sender Vox bessert er als Hundeprofi schwer erziehbare Haustiere, auch auf der Show-Bühne hat Martin Rütter die Lacher auf seiner Seite. Aber was für eine Figur macht der 40-Jährige, wenn man ihn mit den wirklich harten Fragen der Hundehaltung konfrontiert: Darf sein Retriever Mina Gäste beschlabbern? Eignen sich Haustiere für Zielübungen mit der Wasserpistole? Ab wann darf man einschläfern? Schmeckt dem Hundeprofi Cockerspaniel süßsauer? Wie liebt man einen Hund, der Kot frisst? Rütter im Kreuzverhör:

Herr Rütter, feiern Sie Silvester unter dem Sofa? Man sagt ja, dass Herr und Hund sich angleichen.
Nein, mein Hund aber auch nicht. Mina ist mit Silvester entspannt. Feuerwerk finden wir beide ganz okay.

Wahrscheinlich wegen des schlechten Gehörs. Mina ist ja ein bisschen älter.
Die war schon als junger Hund sehr entspannt. Ganz anders als ich. Mir kann nichts schnell genug gehen; also habe ich mir mit Mina einen Hund geholt, wo mit Hektik überhaupt nichts geht. Die sitzt alles aus. Wenn es um die Ähnlichkeit von Mensch und Hund geht: Auf dem Gebiet habe ich mir von ihr so manches mit Gewinn abgeguckt.

Was darf Ihr Hund, was nicht? Darf Mina aufs Sofa? Ins Bett? Vom Tisch fressen? Ihre Hände lecken? Hände von Gästen lecken?
Also, der Reihe nach: Ja! Ja! Ja! Ja! Und, na ja: Ja!

Das darf nicht wahr sein! Beim Hundeprofi?
Sagen wir mal so: Die Frage ist immer – wen belästigt was? Ich lasse nicht zu, dass Mina Gäste belästigt. Aber die meisten meiner Gäste mögen Hunde und sagen schon, was ihnen nicht passt. Ansonsten schreite ich ein. Die Frage ist nicht: Was darf ein Hund, kriegsentscheidend ist, wer am Ende bestimmt. Solange Mina im Ernstfall mein Verbot akzeptiert, gilt das als gute Erziehung.

Ich finde, wer einen anderen Hund als einen Dackel kauft, kann kein ehrlicher Mensch sein. Könnten wir ein bisschen über Rassen lästern?
Das gibt es mit mir nicht. Das Einzige, was ich niemandem durchgehen lasse, ist Qualzucht. Wie kann man einen Nacktschopfhund kaufen, der fürs Gassi-Gehen im Winter eine Jacke braucht und im Sommer mit Sonnencreme vorbehandelt wird? Das geht nicht. Aber alles andere ist Quatsch: Wer einen Pitbull kauft, ist nicht automatisch ein aggressiver Prolet. Genauso wenig, wie alle Windhunde-Freunde schöngeistige Intellektuelle sind.

Was sagt es über Loriot, dass er Möpse liebt?
Der Mops ist der Menschlichste, was die Hundewelt zu bieten hat. Wenn ein Mops die Wahl zwischen Mensch und Hund hat, geht er zum Menschen. Der Mops ist menschensüchtig, er ist auf die Familie bezogen. Er hat auch mehr vom Menschen als vom Hund: Er schnarcht lauter als jeder erwachsene Mann; und wenn man um halb sechs mit ihm spazieren will, guckt er verdattert und sagt: Weck mich um elf noch mal. Einem Vicco von Bülow muss das gefallen. Obwohl er die Menschen überspitzt darstellt, ist er ja ein großer Menschenliebhaber. Sie kennen den Loriot-Cartoon mit dem sprechenden Hund, der immer nur „Ohoho“ sagt. Das ist mit Sicherheit aus den Geräuschen entstanden, die Möpse nachts von sich geben.

Wie konnte ein so hässlicher Hund wie der Maltipoo populär werden?
Was ist das? Kenne ich nicht!

Lesen Sie mal eine Illustrierte. Das ist der Hund, den gerade jeder Hollywood-Star unter 30 Jahren auf dem Arm trägt. Ein kleiner, flauschiger, vermutlich muffiger Schoßhund.
Sie sehen es ja schon. Den kenne ich nicht – weil Leute, die so einen Hund haben, offensichtlich überhaupt kein Interesse an Hunde-Erziehung haben.

Ist Paris Hiltons Pinscher ein Hund oder ein Nagetier?
Weder noch. Der ist Deko. Zumindest in Paris Hiltons Augen. Ich habe Interviews mit ihr gesehen. Sie gibt frank und frei zu: Je kleiner die Hunde sind, desto eher kann sie was mit ihnen anfangen. Das hat für mich was von Schmuck-Accessoire. Und das ist nicht normal!

Kommt es mir nur so vor, oder laufen heute viel weniger Pudel und Spaniel rum als noch vor 30 Jahren? Wieso gibt es Hundemoden?
Die Beobachtung stimmt. Ich bin 40 Jahre alt und im Ruhrpott aufgewachsen. In meiner Kindheit gab es da eine Flut von Spitzmischlingen. Heute sind die praktisch ausgestorben. Es gibt Trends, manchmal aus kulturellen Gründen. Der Spitz ist relativ schwierig, weil er so wachsam ist. Der kläfft; und weil die Leute heute nicht mehr so ländlich leben, ist Radau nicht mehr ganz so gefragt. Vor allem suchen die Menschen Hunde ausschließlich nach optischen Kriterien aus. Und Schönheitsideale ändern sich.

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Auch bei Hunden?
Wenn ein Hund in der Werbung auftaucht, wird er gekauft. Ich erinnere an den schokobraunen Labrador aus der Hundefutter-Reklame. Die liefen plötzlich überall rum. Ich habe mit dem Pressesprecher vom Verband für Hundewesen gesprochen. Und der erzählt mir: Jeder Zweite, der einen Westhighland-Terrier sucht, fragt nach dem „Caesar“-Hund. Der Spot hat den Hund besser beworben als das Futter.

Ein starkes Argument für Dackel-Berichterstattung!
Die gibt es schon. Kennen Sie Hausmeister Krause? Dessen Motto: Alles für den Dackel, alles für den Club. Das wirkt: Im letzten Jahr war der Dackel auf Platz zwei der meistverkauften Welpen.

Als Irrtum im Mensch-Hund-Verhältnis geißeln Sie die Vermenschlichung. Trotzdem vergleichen Sie Hunde-Erziehung in der Show selbst mit dem Verhältnis von Eheleuten. Verhündeln Sie die Menschen?
Das muss erlaubt sein. Wenn ich solche Beispiele bringe, dann prägen sich die Leute das ein. Lernen funktioniert so. Und ganz ehrlich: Ich lebe selbst ja auch intensiv mit Hunden – und natürlich beobachte ich mich dabei, wie ich mitmeinem Hund in ganzen Sätzen rede, die der wahrscheinlich nicht versteht. Wenn man sich immer nur stringent über Konditionierungsmechanismen Gedanken macht, dann macht es keinen Spaß.

Erwischen Sie sich als Vater dabei, an den Kindern Hunde-Tricks anzuwenden?
Dabei erwische ich mich täglich, und ich erlebe täglich, dass es funktioniert. Wenn mein Hund Mist macht, frage ich immer: Warum? Warum haut der ständig ab? Warum bellt der an der Tür? Das muss ich in der Kindererziehung auch machen. Warum macht es keine Hausaufgaben? Wenn die Antwort ist: Der ist einfach stinkend faul – dann hat das ganz andere Folgen, als wenn ich merke: Mein Kind pubertiert und hat gerade ganz andere Sorgen. Was immer gilt: Konsequenz ist etwas anders als Diktatur. Ich merke oft, dass ich mit meinen Kindern zu streng bin. Aufgrund meiner Hundeerfahrung erkenne ich das und gebe dann auch meine Fehler zu.

Können Hunde Ersatz für menschliche Nähe sein?
Das können sie. Wir leben in einer anonymisierten Gesellschaft. Nachbarn kennen sich kaum noch. Omas leben nicht mehr automatisch in der Familie. Deshalb kann der Hund gerade für einen alten, einsamen Menschen sicherlich zu einem vollwertigen Partner werden. Aber natürlich droht die Gefahr, dass man da irgendwann den Bedürfnissen des Hundes nicht mehr gerecht wird.

Sie wirken durch Ihren Beruf nicht nur tierlieb, sondern auch sehr einfühlsam. Kriegen Sie von den ganzen Frauen im Publikum nicht ständig Liebesbriefe?
Nein, ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich hätte Gitarre spielen sollen. Die Frauen aus dem Publikum mögen mich schon. Aber: Ich glaube, dass sie in allererster Linie die Kompetenz schätzen. Was die mögen – und auch die Männer: Ich bin nicht so dogmatisch und oberlehrerhaft. Deshalb bleiben die Männer auch im Saal. Bei Robbie Williams wären die eifersüchtig und würden rausgehen; mich können sie leiden.

Aber Sie kriegen doch Fanpost. Stehen da nur Fachfragen drin?
Fachfragen werden an unser D.O.G.S.-Fachnetzwerk verwiesen. Durch die Fernsehsendung kommen schon persönliche Anfragen. Zum Beispiel: Herr Rütter, Sie sind ja nächste Woche in Schweinfurt – wollen Sie morgens bei uns zum Kaffee vorbeikommen? Eine andere Frau hat zu Hause ein mehrfach schwerbehindertes Kind; und die hat mir geschrieben, dass sie in den letzten Jahren ganz, ganz wenig gelacht hat – bis zu meiner Show, in der sie einfach mal nur drei Stunden Spaß hatte.

Wie bewusst ist es Ihnen beim Drehen, dass Sie nicht nur Hunde-Trainer sind, sondern auch Privatleute der Kamera preisgeben?
Das prägt die Arbeit sehr stark. Leute, die nur ins Fernsehen wollen, filtern wir gleich raus. Die anderen haben ein echtes Problem. Da ist unsere Maßgabe: Gut nachdenken! Die Leute müssen morgen noch zum Bäcker, zum Metzger, in ihren Beruf. Einmal hat mich eine Frau gefragt: Herr Rütter, was denkt eigentlich mein Hund, wenn ich mit meinem Mann schlafe? Ich: Gar nichts denkt der, das ist dem egal. Sie: Aber der Hund merkt doch auch, dass ich das nicht will. Bizarr! Da gibt uns eine Frau vor laufender Kamera zu verstehen, dass sie womöglich in der Ehe vergewaltigt wird – und macht sich nur Sorgen, wie es dem Hund damit geht.

Wie haben Sie reagiert?
Kamera aus und erzählen lassen. Am Ende habe ich dann gesagt: Sie brauchen jemand anderen als mich. Sie brauchen einen professionellen Menschen-Psychologen. Die Leute haben alle keine Kameraerfahrung. Wenn sich jemand dusselig mit dem Hund anstellt, dann zeigen wir das natürlich. Das ist Teil des Deals. Eine schlimme Ehe-Geschichte gehört natürlich nicht in die Sendung.

Ich habe eine Hundeprofi-Folge gesehen, bei der Ihr Training nicht anschlug: Die Leute wollten am Ende den Hund abgeben – und hatten dann mit Ihren Fans zu tun.
Das war ganz dramatisch! Wir zeigen im Fernsehen ja immer nur 25 Minuten von etwa 30 Stunden Training. Dieses Paar hatte eine schwierige persönliche Geschichte, die im Fernsehen gar nicht Thema war; es ging um Schwangerschaftsprobleme. Als Vater hatte ich volles Verständnis, als Hundetrainer nicht. Das kam in der Sendung auch so rüber. Und das Paar hat dann hinterher heftige Diffamierungen erlebt. Schlimme Hass-Briefe mit Vorwürfen: Wenn du deinen Hund abgibst, dann gibst du demnächst wahrscheinlich auch dein Kind ab. Da müssen wir uns vor unsere Leute stellen. Viele Briefe haben wir von der Redaktion aus beantwortet. Und zwar entschieden.

In der gleichen Sendung ging es auch um ein schwules Paar. Das finde ich gut. Sie zeigen Leute in den verschiedensten Lebenssituationen, ohne dass es auch nur Thema wäre. Und alle, die Vorbehalte gegen Schwule, Behinderte, Ausländer oder sonst wen haben, merken ganz nebenbei: Sieh an – die kriegen ihren Labrador auch nicht vom Sofa. Das verbindet!
Absolut! Das ist wohl auch ein bisschen das Verdienst meiner unkomplizierten Art. Mir ist deren private Lebenssituation ja völlig egal. Wir haben für die neue Promi-Staffel mit Dunja Hayali gedreht. Die hat gar kein Problem mit ihrem Hund, aber die betreut ein Projekt mit Begleithunden für Behinderte. Wollen wir das zeigen? Auf jedem Fall! Denn Rütter vor der Kamera hat nicht das Potenzial, einen Behinderten vorzuführen oder – auch nicht besser – auf die Tränendrüse zu drücken.

Herr Rütter, das Interview ist super gelaufen. Darf ich jetzt die harten Fragen stellen? Die Gewissensfragen?
Nur zu!

Wenn ich alle Staffeln „Lassie“ sehe, verdirbt mich das für die Hundehaltung?
Auf jeden Fall, dann sind Sie als Herrchen nicht mehr zu gebrauchen.

Dürfen Kinder den Hund für Zielübungen mit der Wasserpistole benutzen?
Das müssen Sie Ihren Hund fragen, das ist subjektiv unterschiedlich. Mein Hund findet das zum Glück lustig. Es gibt aber Hunde, die bei einem unvermittelten Wasserstrahl echt erschrecken. Dann muss das Kind sich beherrschen.

Darf ich im Spanien-Urlaub Freundschaft mit Straßenhunden schließen?
Schwieriges Thema. Wenn der Hund auf Menschen zugeht, wenn er aufgeschlossen ist und neugierig – mein Gott, dann machen Sie sich eine nette Zeit mit ihm. Ich würde ihn nur nie füttern, weil das zu einer Überpopulation führt. Und das ist nicht richtig. Ich war im Urlaub in der Türkei, und da waren zwei Strandhunde. Mit denen habe ich auch immer wieder mal im Wasser getobt. Völlig in Ordnung.

Darf ich im Asien-Urlaub Hunde essen?
Sie werden lachen. Wir haben gerade einen Vertrag mit einem chinesischen Verlag gemacht, der meine Bücher in Asien rausbringt. Da war meine erste Frage, ob das Kochbücher werden sollen. Man hat mich aufgeklärt: Der Cockerspaniel süß-sauer ist eine Legende. Da stehen die Hunde nicht auf der Speisekarte. Es gibt aber die arme Landbevölkerung, und wenn da Hunger herrscht, werden auch Hunde gegessen. Wir beide sind uns einig: Wenn hier eine Hungersnot ausbricht, würden wir auch Hunde essen. Vielleicht nicht den eigenen.

Ist es moralisch gerechtfertigt, einen alten und kranken Hund einzuschläfern, obwohl er mit viel Geld am Leben zu erhalten wäre?
Das muss man von der Lebensqualität der Hunde abhängig machen. Das Einschläfern ist auf eine Art ein schlimmes Thema, auf eine andere aber auch ein positives. Ich persönlich möchte, dass meine Frau alle Stecker zieht, wenn meine Lebensqualität nicht mehr gegeben ist. Die Frage ist: Wie merkt man das bei einem Hund? Meine Antwort: Die meisten Hundehalter merken es einfach. Wenn ich einem 16-jährigen Hund für 30000 Euro die Niere transplantiere und die OP eine Riesenqual ist, dann ist es Blödsinn. 2000 Euro für das kaputte Kreuzband eines einjährigen Hundes würde ich aber sehr wohl bezahlen. Ich kann mir das allerdings auch leisten. Andere Leute müssen sicher pragmatischer entscheiden.

Sind Tierheime schlecht für Hunde?
Tierheime sind eine Katastrophe. Alle Hunde leiden im Tierheim. Aber natürlich ist es wichtig, dass es das gibt. Und natürlich arbeiten da wahnsinnig engagierte Leute, die das Beste daraus machen. Aber für Hunde ist die Situation immer dramatisch.

Wie kann ich meine Gefühle für einen Hund aufrechterhalten, wenn er sich nicht nur in Aas wälzt, sondern sogar Kot frisst?
Das ist erst mal gar nicht so unnatürlich. Aber damit habe ich auch echte Bauchschmerzen. Ich habe immerhin vier kleine Kinder. Es ist ja gar nicht zu verhindern, dass Mina auch mal am Kind schleckt. Wenn eine Dreijährige sich an den Hund rankuschelt, und die liegen da beide gedankenversunken – ja klar geht die Hundezunge da auch mal ans Kinderohr. Kotfressen ist also etwas, das ich ganz schnell abtrainiere.

Spezielle Gewissensfrage nur an Sie: Würden Sie mit Mario Barth auftreten?
Bin ich der Mario Barth für Hunde? Ich finde nicht. Wenn ich in der Veranstaltung bei Mario war, dann weiß ich am Ende nicht, wie meine Frau funktioniert. Bei mir ist es aber schon so, dass die Leute was über ihren Hund lernen. Ich habe nicht den Anspruch, Comedian zu sein.

































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