Filmkritik „Happy Burnout“ Wotan Wilke Möhring quält sich durch Klischees

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Osnabrück Die bräsige Wohlfühlkomödie „Happy Burnout“ mit Wotan Wilke Möhring als antriebslosem Alt-Punk offenbart das Leid der antriebslosen deutschen Filmbranche.

Dem deutschen Film könnte es gut gehen, richtig gut. Das Potenzial, sprich: Personal ist vorhanden. Hervorragende Schauspieler wie Wotan Wilke Möhring zum Beispiel. Dazu Autoren vom Schlage eines Gernot Gricksch und Regisseure wie André Erkau. Von Gricksch stammen beispielsweise sowohl die Roman- als auch die Drehbuchvorlagen zu der von Erkau inszenierten und völlig zu Recht preisgekrönten Ausnahmeproduktion „ Das Leben ist nichts für Feiglinge “ (2012), in dem Grimme-Preisträger Möhring in der Hauptrolle brilliert.

Analogie zur Filmindustrie

Dass solche Produktionen im deutschen Alltagsfilmgeschäft dann leider tatsächlich Ausnahmen bleiben, belegt das neueste Stück von Gricksch und Erkau mit Möhring in der Hauptrolle. Eine typisch deutsche, bräsige Wohlfühlkomödie, die sich in Selbstgefälligkeit suhlt und ihr enormes Potenzial verschenkt. Der Titel „Happy Burnout“ ist Programm. Beschreibt er doch gewissermaßen den Zustand der deutschen Filmindustrie, die trotz jahrzehntelanger allgemeiner Kreativitäts- und Arbeitsverweigerung unter einer Art Burnout-Syndrom zu leiden scheint und auch noch glücklich darüber ist.

Möhring, dessen Punk-Vergangenheit hinlänglich bekannt ist, spielt hier den Alt-Punk Andreas „Fussel“ Poschka. Der schläft in einem Zelt in seiner Wohnung, immer ein Glas Nuss-Nougat-Creme griffbereit, die stilecht mit dem Finger herausgelöffelt wird.

Exempel am Punk

Dank seines Charmes hatte der arbeitsscheue Nassauer noch nie Probleme. Die Nachbarin bekocht ihn regelmäßig. Und Sachbearbeiterin Linde (Victoria Trauttmansdorff) von der Agentur für Arbeit schluckt treudoof jede seiner Lügen, die ihn vor den Schikanen des „Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ bewahren sollen.

Doch jetzt ist Schluss. Interne Prüfer haben Frau Linde auf dem Kieker und wollen an „Fussel“ ein Exempel statuieren, das ihn in die Obdachlosigkeit oder sogar in den Knast bringen könnte. Letzte Rettung: Burnout. Mit der Simulationshilfe „Burnout für Dummies“ geht es in die Klinik. Natürlich durchschauen Klinikleiterin Dr. Gunst ( Ulrike Krumbiegel) und Psychologin Alexandra den Schwindel. Aber da die Klinik unter krassem Personalmangel leidet und Fussel einen positiven Einfluss auf die anderen Patienten hat, wird ihm ein Angebot unterbreitet, das er nicht ablehnen kann. Entweder er arbeitet als „Undercover-Patient“, oder im Kittchen ist doch noch ein Zimmer frei.

Wer jetzt an den Klassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) denkt, sollte sich schnell wieder an die Tatsache gewöhnen, dass „Happy Burnout“ ein deutsches 08/15-Filmchen ist. Die oberflächliche und kein Klischee auslassende Darstellung der Patienten in der Klinik ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die in irgendeiner Form schon mal von psychischen Erkrankungen betroffen waren oder sind. Die selbstgefällige Handlung plätschert auf ein Ende in Wohlgefallen hin. Und gesellschaftskritische Ansätze werden hinter der potemkinschen Fassade der Wohlfühlkomödie versteckt bis vergessen. Sogar beim Soundtrack wird gespart. Nicht ein einziger Punk-Klassiker begleitet Alt-Punk „Fussel“ durch die öde Geschichte. Die Produzenten waren wohl mal Popper.


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