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Organisationen warnen vor Serie Tote Mädchen lügen nicht: Warum die Netflix-Serie gefährlich ist

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Katherine Langford spielt in „Tote Mädchen lügen nicht“ die Hauptfigur Hannah. Foto: Beth Dubber/NetflixKatherine Langford spielt in „Tote Mädchen lügen nicht“ die Hauptfigur Hannah. Foto: Beth Dubber/Netflix

Osnabrück. Die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist eine der meist diskutierten Serien in der vergangenen Zeit – und ruft harsche Kritik hervor. Organisationen und Gesundheitsbehörden warnen vor allem Jugendliche davor, sich diese Serie anzusehen.

Die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, die seit etwa einem Monat auf dem Streamingportal Netflix verfügbar ist, ruft weltweit starke Reaktionen hervor.

Wovon handelt „Tote Mädchen lügen nicht“?

Die Serie, die unter anderem von Sängerin Selena Gomez produziert wurde, ist die Verfilmung eines Jugendbuches von Jay Asher. Im Original heißen Buch und Serie „13 Reasons Why“ und thematisieren den Selbstmord der Jugendlichen Hannah Baker. Auf sieben Kassetten nennt sie 13 Gründe, warum sie sich umgebracht hat, und schickt diese als Kettenbrief an elf Schüler und einen Lehrer. Diesen zwölf Personen gibt sie eine Mitschuld an ihrem Selbstmord.

Auf den Kassetten erhebt sie schwere Vorwürfe: Sie wurde gemobbt, gestalkt, mehrfach sexuell belästigt und vergewaltigt. Erzählt wird die Serie aus Sicht von Hannah und Clay, einem Jungen, dem sie ebenfalls vorwirft, an ihrem Tod beteiligt gewesen zu sein. In Rückblenden werden Hannahs Erlebnisse geschildert, in der Gegenwart folgt der Zuschauer Clay, wie er die Kassetten hört und Orte aufsucht, die für Hannah von Bedeutung waren.

Kritik an „Tote Mädchen lügen nicht“

Dylan Minnette spielt in „Tote Mädchen lügen nicht“ den Schüler Clay, der an Hannahs Selbstmord mit Schuld sein soll. Foto: Beth Dubber/Netflix

Während das Buch, das 2007 in den USA und 2009 in Deutschland erschien, von den Medien als Lektüre empfohlen wurde, ruft die Serie harsche Kritik hervor. Die australische Gesundheitsorganisation „Headspace“ berichtet von Anfragen, die sich auf die Serie und Selbstmord bezogen haben, und Reaktionen von Eltern und Lehrern.

Die Serie zeigt gefährliche suizidale Inhalte, die Zuschauer verstören könnten, vor allem, wenn sie von Kindern und Jugendlichen gesehen wird, heißt es in einer Mitteilung auf der Webseite von „Headspace“. Solche Inhalte haben einen gefährlichen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Das Risiko für Suizid steige an.

Vor allem die Darstellung von Hannahs Selbstmord stößt auf harsche Kritik. Denn dadurch entstünde ein Nachahmungseffekt, erklärt die Gesundheitsorganisation „Mindframe“. Die amerikanische Organisation für die Prävention von Suizid, „Save“, hat deshalb eine Liste veröffentlicht, die es Lehrern und Eltern erleichtern soll, mit Kindern und Jugendlichen über Selbstmord zu reden. (Weiterlesen: Psychische Erkrankung: Warnsignale erkennen und helfen)

„Tote Mädchen lügen nicht“ für Jugendliche nicht geeignet

Anna Gleiniger schließt sich der Kritik an. Sie ist Sozialpädagogin und Projektleiterin der deutschen Online-Suizidprävention [U25], bei der sich Jugendliche anonym per E-Mail beraten lassen können. [U25] ist ein gemeinsames Angebot der Caritas und des Arbeitskreises Leben Freiburg. „Tote Mädchen lügen nicht“ könne ein Wachrüttler für Eltern sein, doch für junge Zuschauer sei sie nicht geeignet: „Für Jugendliche kann die Serie triggernd sein“, warnt Gleiniger im Gespräch mit unserer Redaktion. Das heißt, wer bereits depressive Gedanken oder schon einmal über Selbstmord nachgedacht hat, kann sich durch Schlüsselreize wie Gewaltdarstellung in seinen Gedanken bestätigt fühlen. (Weiterlesen: Können onlinebasierte Programme bei Depressionen helfen?)

Einer der größten Schwachpunkte der Serie sieht die Sozialpädagogin darin, dass sie realitätsfern ist. „Der Suizid wird romantisch dargestellt, die Hauptfigur wird heroisiert“, erklärt sie. Darüber hinaus wird in „Tote Mädchen lügen nicht“ kein Hinweis darauf gegeben, ob Hannah an einer Depression oder anderen psychischen Erkrankung leidet. Denn 90 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, sind psychisch krank.

Außerdem unternimmt Hannah nur zaghafte Versuche, sich selbst Hilfe zu suchen. Als sie sich an den Schulpsychologen wendet, reagiert dieser auch falsch und wird schlecht dargestellt, so Gleiniger. Dabei gebe es viele Möglichkeiten, sich Hilfe zu suchen, vor allem in den USA. (Schneller einen Termin bekommen: Was Patienten zur Sprechstunde bei Psychotherapeuten wissen müssen)

Zu Beginn der Serie gibt es zwar eine Warnung vor drastischen Szenen, diese dürfte von Jugendlichen aber kaum wahrgenommen werden: „Die Produzenten hätten es toll machen können, aber sie haben die Chance dazu verpasst.“ So hätte es mehr Hinweise für Hilfsangebote geben müssen, im Abspann jeder Folge beispielsweise.

Auch die Darstellung der Vergewaltigung und des Selbstmordes sei viel zu drastisch. Jugendliche sollten „Tote Mädchen lügen nicht“ auf keinen Fall alleine ansehen, rät Gleiniger. Eltern sollten mit ihren Kindern darüber reden. Die Diskussion, die über die Serie entstanden ist, findet sie hingegen gut: Am besten wäre es, wenn „Tote Mädchen lügen nicht“ in der Schule thematisiert würde.

Bitte holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, wenn sie selbst betroffen sind, und kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Dort wird Ihnen kostenlose Hilfe angeboten. Hier geht es zu der Homepage der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/). Unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 können Sie dort auch kostenlos dort anrufen. Auf der Webseite von [U25] können sich Jugendliche jederzeit anonym beraten lassen. Eine Übersicht über weitere Beratungsstellen gibt es auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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