Dreiteiler mit Sogcharakter „Honigfrauen“ erzählt die Geschichte einer DDR-Familie

Von Marcel Kawentel

Die Urlaubsidylle trügt: Auch während ihres Urlaubs am Balaton werden Catrin (Cornelia Gröschel, l.) und Maja (Sonja Gerhardt, r.) von der Stasi bespitzelt.Foto: ZDF/Stefan ErhardDie Urlaubsidylle trügt: Auch während ihres Urlaubs am Balaton werden Catrin (Cornelia Gröschel, l.) und Maja (Sonja Gerhardt, r.) von der Stasi bespitzelt.Foto: ZDF/Stefan Erhard

Osnabrück. Oft wurde sie in der jüngeren Vergangenheit gefordert, dabei ist die neue deutsche Serie längst da, nicht nur bei Streamingdiensten, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – allerdings oft verpackt als Event-Mehrteiler. Der Dreiteiler „Honigfrauen“ ist ein Paradebeispiel dafür.

Es scheint eine gute Zeit zu sein für historische TV-Mehrteiler. Gerade erst lief „Charité“ erfolgreich im Ersten. Oliver Hirschbiegel bewies mit dem ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ aus der Feder der Britin Paula Milne – ursprünglich geplant als sechsteilige Miniserie – dass auch deutsches Fernsehen wie Kino aussehen kann. Mit „Honigfrauen“ zeigt das ZDF nun einen weiteren Historien-Dreiteiler, allerdings nicht en bloc als Event-Programmierung, sondern an drei aufeinander folgenden Sonntagen.

Erzählt wird in „Honigfrauen“ die Geschichte der beiden Schwestern Maja (Sonja Gerhardt) und Catrin (Cornelia Gröschel) aus der DDR, die ihren Sommerurlaub 1986 am ungarischen Plattensee Balaton verbringen. Die Urlaubsidylle trügt: die Stasi bespitzelt ihre Bürger auch in den Ferien. Denn am Balaton treffen DDR-Urlauber nicht nur auf den Klassenfeind (ein Vorgeschmack auf die deutsche Einheit, wie es der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn nennt), Viele reisen zum Balaton um von dort in den Westen zu fliehen.

Regie bei „Honigfrauen“ führt Ben Verbong. Natalie Scharf, die gemeinsam mit Christoph Silber das Drehbuch schrieb, fungierte auch als Produzentin. Diese Doppelrolle, im USA-Serienbetrieb gern als Showrunner bezeichnet, sicherte ihr die kreative Kontrolle vom ersten Wort bis zu letzten Schnittfassung. Oft wurde auf diese Arbeitsweise als Königsweg verwiesen, wenn es um die Gretchenfrage ging, wie um alles in der Welt man auch in Deutschland starke Serienstoffe entwickeln könne.

Tatsächlich erzeugt „Honigfrauen“ einen Sog, wie man ihn sonst eher von horizontal, also fortlaufend erzählten Serien kennt. Keine Spur vom verbreiteten Mehrteilerproblem der durchhängenden Spannungskurve. Zwar sind historische Stoffe oft leichter finanzierbar, wenn sie als Mehrteiler konzipiert sind. Die Sets beispielsweise müssen nur einmal gebaut werden, somit ist die Produktion dreier zusammenhängender Teile günstiger als die dreier Einzelstücke, die an verschiedenen Sets spielen. Leider spürt der Zuschauer von Mehrteilern das mitunter aber auch an der zu dünn geratenen Handlung, die dann eben doch nicht über eine Laufzeit von 180 Minuten oder noch mehr trägt.

„Honigfrauen“ hingegen verzahnt geschickt die Handlungsstränge um ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, die Urlaubsliebschaften der beiden Schwestern und den Fluchthelfer Tamás (Stipe Erceg), der das für DDR-Bürger unbezahlbare Edelhotel „Balaton-Residenz“ führt. Das Ergebnis ist ein Genre-Mix, wie ihn Natalie Scharf gern öfter sehen würde, Unterhaltung mit Anspruch, die sich nicht anfühlt wie eine bedrückende Geschichtsstunde in Bewegtbildern. „Spitzel in Badehosen, durch die Mauer getrennte Menschen, die sich im Sommer fernab der Heimat am Balaton treffen – ich wollte diese Geschichten auch mal in bunten sommerlichen Farben erzählen, um zu zeigen, dass sich das Böse und Bedrohliche nicht nur in finsteren Räumen versteckt, an deren Wände Honecker-Bilder hängen,“ so Scharf.

Bleibt abzuwarten, ob der Sog der Geschichte ausreicht an drei Sonntagen gegen den Zuschauermagnet „Tatort“ anzutreten. In jedem Fall beweist „Honigfrauen“, dass funktionieren kann, was Oliver Hirschbiegel bereits im Vorfeld zu „Der gleiche Himmel“ forderte: Das deutsche Fernsehen sollte nicht versuchen den großen US-Vorbildern nachzueifern, sondern eigenständige spannende Geschichten zu erzählen, mit einer universalen Dramaturgie und einer Ästhetik, die den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Sollte sich dann noch das oft als zu starr erscheinende Programmschema stärker für Miniserien öffnen – wie im Falle von „Charité“ – müssten sie sich auch nicht mehr im Gewand von Mehrteilern auf etablierten Spielfilmsendeplätzen beweisen, sondern könnten ihre eigentliche Stärke, die längerfristige Zuschauerbindung durch fortlaufende Geschichten, noch besser entfalten.

Honigfrauen,ZDF, am 23.4., 30.4. und 7.5. jeweils um 20.15 Uhr


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