TV-Kritik zum ARD-Krimi Tatort heute Abend aus Wien: So viel Streit war noch nie


Der Tatort kommt heute Abend aus Wien: „Wehrlos“ ist anfangs witzig, am Ende tragisch. Und noch nie haben sich Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) derart heftig in die Haare gekriegt.

Bei so viel Herzensangelegenheiten kann ein Kriminalfall schon mal vorübergehend in den Hintergrund rücken. Nach fünf Minuten in diesem Wiener Tatort ist klar, dass die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in amourösen Dingen gerade völlig unterschiedlich unterwegs sind: Kurz nachdem das einsame Herzchen Fellner ihr Partnersuchprofil bei „lonely hearts“ eingegeben hat, trifft sie in Eisners Wohnungstür auf Samy, die neue Flamme des Kommissars. Der hat gerade offenbar mehr Glück im Leben.

Aber weil wir ja nicht zu Gast bei Rosamunde Pilcher sind, sind da sind auch noch Peter Kralicek, Leiter der Wiener Polizeischule, und seine Frau. Die beiden werden leblos im gemeinsamen Haus aufgefunden. Und noch bevor die Kommissare erkennen, dass es sich nicht um ein Ehedrama inklusive Suizid handelt, geraten sie am Tatort aufs Heftigste aneinander.

„Trocken wie die Sahelzone“

Dabei geht Drehbuchautor Uli Brée ein ganzes Stück weiter, als wir es sonst vor Auseinandersetzungen unter Tatort-Kommissaren kennen, und schreibt hat den beiden richtig böse Dialoge verordnet. Bis Bibi ihn in ihrer Verärgerung über Eisners ausgeschaltetes Handy und die andere Frau in seiner Tür anbrüllt: „Ich kann so trocken sein wie die Sahelzone und du würd’s mir immer noch vorhalten, dass ich sauf.“ Darauf bekommt sie ein richtig gemeines „Du bist so trocken wie die Sahelzone, und genau das ist dein Problem“ zurück. (Weiterlesen: Drehbuchautor Uli Brée hat offenbar ein Faible für „Kotzbrocken“.)

Auch wenn die Stimmungslage zwischen den beiden höchst selten „Friede, Freude, Eierkuchen“ anzeigt - so heftig hat es im Wiener Karton bislang noch nicht gerappelt. Überhaupt sind Freundlichkeiten unter Polizisten in diesem Tatort nicht angezeigt – da geben die ersten zehn Minuten nur einen Vorgeschmack auf das, was da noch kommen wird. Und wer meint, dass junge (männliche) und ältere (weibliche) Pathologen angenehmer miteinander umgehen, sieht sich schnell getäuscht.

„Jesuslatschen-Dramatik“

Nach einer Viertelstunde hat man die frotzelnde Grundbotschaft dieses Krimis verstanden: Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander. Das wird von Drehbuchautor Brée und Regisseur Christopher Schier bei seinem Tatort-Debüt mal vehement, dann wieder höchst amüsant vermittelt. Harmoniesüchtige bekommen von solch einem Stoff womöglich Magengeschwüre. Wer aber Spaß daran hat, anderen beim Streiten zuzusehen – und das kann man in diesem Fall durchaus – kommt voll auf seine Kosten.

Ach ja, den Kriminalfall gibt’s ja auch noch. Polizeichef Ernstl (Hubert Kramar) treibt mit Vier- und Sechs-Augen-Gesprächen unter freiem Himmel seinen Zigarettenkonsum in die Höhe, bezichtigt den zunehmend cholerisch agierenden Eisner einer „Jesuslatschen-Dramatik“ und schickt Fellner als kommissarische Nachfolgerin des ermordeten Kralicek in die Polizeischule. Natürlich sticht sie da in ein Wespennest – umgekehrt wär’s ne Überraschung gewesen.

Inkasso-Heinzi wieder dabei

Auch wieder mal dabei: Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der im Wiener Tatort längst zum Running Gag aus dem Rotlicht-Viertel geworden ist. Diesmal hat er sogar eine fast tragende Rolle und erstickt dabei beinahe am Klischee des verschlagenen Gauners, in dem sich doch ein sympathisches Seelchen versteckt.

Fazit: „Wehrlos“ ist zwar kein herausragender Krimi, aber durchaus gelungene Unterhaltung. Mag man sich zu Beginn über reichlich Wiener Schmäh amüsieren, vergeht das Lachen am Ende komplett. So gut und so außergewöhnlich wie „Schock“, der letzte Tatort aus Wien, ist „Wehrlos“ allerdings nicht. (Weiterlesen: So stark war der letzte Wiener Tatort)

Tatort: Wehrlos – Das Erste, Sonntag, 23. April, 20.15 Uhr

Wertung: 4 von 6 Sternen


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