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TV-Programm am Dienstag Arte-Themenabend: Für und Wider des Massentourismus

Von Thomas Klatt

Enge Angelegenheit: Ein Kreuzfahrtschiff navigiert im Canale della Giudecca. Jährlich besuchen 30 Millionen Touristen Venedig. Foto: dpaEnge Angelegenheit: Ein Kreuzfahrtschiff navigiert im Canale della Giudecca. Jährlich besuchen 30 Millionen Touristen Venedig. Foto: dpa

Berlin. Gerade wer jetzt seinen Urlaub plant, sollte sich den heutigen Arte-Themenabend über das Für und Wider des weltweiten Massentourismus nicht entgehen lassen.

Die erste Doku des Abends „Tourist Go Home“ zeigt eindringlich: Die zunehmende Reiselust nimmt an den touristischen Hotspots unerträgliche Ausmaße an. Städte wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik werden überrannt, angeheizt durch aggressives Preisdumping, Billigflüge und Sharing Economy, die Wohnraum in Ferienapartments verwandelt.

Die Stadt wird zu einem expandierenden Geschäftsmodell für Spekulanten und internationale Investmentfonds, Kulisse für Flatrate-Saufen und urinierende Junggesellenabschiede. Ein oftmals unerträglicher Dauerlärm und Gestank mit großen Müllproblemen. Kreuzfahrtschiffe spucken Tausende Touristen auf einmal aus. Verdienen tut daran in Venedig zum Beispiel nur eine private Aktiengesellschaft, weil sie ein Monopol auf die Zuteilung der Liegeplätze hat.

Die schwimmenden Hotels verursachen zudem enorme Umweltschäden. Der gigantische Wellenschlag wirbelt den schlammigen Boden auf, unterhöhlt immer wieder das Fundament der Stadt, die auf Pfählen gebaut ist. Ganz zu schweigen von der Luftverpestung der Ozeanriesen.

Die Einwohnerzahl im historischen Venedig nimmt dagegen seit 1950 stetig ab, von einst 175000 leben hier heute nur noch 55000 Menschen. Im Verhältnis dazu schieben sich 30 Millionen Touristen jährlich über den Markusplatz.

Venedig - nur noch Selfie-Kulisse?

Venedig ist für viele nur noch Selfie-Kulisse wie in einem Freilichtmuseum. Nicht wenige Touristen etwa aus Übersee sind geradezu überrascht, wenn ihnen gesagt wird, dass hier auch noch Menschen leben. Der Gemeinde jedoch bringen die Millionen Besucher wenig. Es sind hauptsächlich Tagesgäste, die keine Touristenabgabe zahlen. Die Altstadt von Dubrovnik wiederum dient Hollywood-Produktionen als Drehort. Das erhöht noch das klaustrophobische Lebensgefühl, denn in dem engen Viertel mit nur drei Ein- und Ausgängen haben maximal 7000 Menschen Platz. An manchen Tagen kommen aber mehr als doppelt so viele. In Dubrovnik hat der Tourismus zudem das soziale Gefüge verschoben. Hier kann ein Reiseleiter mehr verdienen als ein Professor, eine Putzhilfe mehr als ein Lehrer. Eine normale Streuung an Berufen gibt es hier nicht mehr. Fast alle arbeiten nur noch im Tourismus.

Ähnlich im ehemaligen Armen- und Fischer-Viertel Barceloneta mit noch rund 15000 Bewohnern. Auf den traditionellen Märkten wird Tinnef angeboten, aber keine Lebensmittel mehr. Und wenn, dann zu völlig überhöhten Preisen. Die meisten Bewohner Barcelonetas fürchten, dass sie sich bald ihr eigenes Viertel nicht mehr leisten können. Eine berechtigte Sorge, denn in anderen Stadtteilen von Barcelona kommen schon jetzt auf eine Wohnung zwei Unterkünfte für Touristen. Also beginnen sich die Bewohner zu wehren, fordern einen gesteuerten Tourismus, blockieren Kreuzfahrtschiffe. Graffitis sprechen eine noch deutlichere Sprache: Tourist Go Home!

Explosive Mischung

Die anschließende Dokumentation „Im Fadenkreuz des Terrors – Urlaubsparadiese in der Krise“ (ab 21.10 Uhr) folgt in Tunesien, Ägypten und in der Türkei den Spuren des Terrors. Leidtragende des eingebrochenen Tourismus in diesen Ländern sind Gastronomen, Hotelangestellte und andere Feriendienstleister vor Ort. Sie wissen kaum noch, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Das treibt die plötzlich Arbeitslosen in die Arme von Radikalen. In Tunesien etwa sehen vor allem junge Menschen kaum noch eine Perspektive für sich. Rund 6000 von ihnen sind als IS-Kämpfer schon in den Krieg gezogen. Dafür zahlen Islamisten ihnen hohe Werbeprämien. Von ihrem eigenen Staat erhalten sie dagegen kaum Sozialunterstützung. Eine explosive Mischung also.

Mittlerweile wurden die Sicherheitsstandards deutlich erhöht. Es gibt kaum noch ein Hotel ohne Videoüberwachung, Metalldetektoren oder Security-Personal. Aber will man das, Sonnenbaden nur noch unter den Augen schwer bewaffneter Ordnungshüter? Sollte man dagegen gerade dort ausspannen, um die Menschen in den einstigen Top-Urlaubsländern zu unterstützen und so Radikalen Einflussmöglichkeiten zu nehmen? Oder aber sollte man doch lieber im vermeintlich sichereren Europa bleiben?

Tourismus Extrem – Fluch und Segen einer boomenden Branche: Arte-Themenabend, Dienstag, 18. April, ab 20.15 Uhr: „Tourist Go Home“ und im Anschluss: „Im Fadenkreuz des Terrors“.


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