TV-Kritik zum ARD-Programm Tatort heute Abend: Der Bomben-Krimi aus Dortmund


Osnabrück. Der Tatort kommt heute Abend aus Dortmund. „Sturm“ sollte eigentlich schon zu Neujahr ausgestrahlt werden, wurde aber wegen des Attentats von Berlin verschoben. Es ist ein packender Thriller, der jeden Tag neue Brisanz bekommen kann.

Seit Ende letzten Jahres weiß jeder Tatort-Interessierte, wie dieser Krimi endet – mit einem islamistischen Attentat. Denn genau das war der Grund, aus dem die ARD-Programmverantwortlichen den ursprünglich für Neujahr geplanten Dortmunder Tatort wieder aus dem Programm nahmen und nach einigem Hin und Her auf Ostermontag platzierten. Der 1. Januar war ihnen zu nah am Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag vom 19. Dezember – nun läuft der Film nur sechs Tage nach der Detonation von Sprengsätzen am Dortmunder BVB-Mannschaftsbus. (Weiterlesen: Warum es ein Fehler war, den Tatort zu verschieben.)

Mag das Ende auch bekannt sein – das Einschalten lohnt sich unbedingt. Denn dieser Tatort ist absolut erstklassig, sehr schnell extrem spannend und von der ersten bis zur letzten Minute packend. Um vier Uhr nachts werden mitten in Dortmund zwei Streifenpolizisten kaltblütig und aus nächster Nähe erschossen, nachdem sie eine verdächtige Beobachtung gemacht hatten. Kurz darauf entdecken Faber (Jörg Hartmann) und Boenisch (Anna Schudt) in einer Bank einen fieberhaft am Computer arbeitenden Mann, der – als die Kommissare ihn zur Rede stellen wollen – einen an seinem Körper befestigten Sprengsatz präsentiert.

Psycho-Duell

Der Mann heißt Muhammad Hövermann, ist Angestellter der Bank, mit einer Syrerin verheiratet und zum Islam übergetreten. In der Bank überweist er nachts hohe Summen – und steht dabei offenbar unter höchster Anspannung.

Regisseur Richard Huber, der zuletzt vor allem für schräge Tatort-Folgen wie „Auf einen Schlag“ (Dresden) und „Der Irre Iwan“ (Weimar) im Osten verantwortlich zeichnete, inszeniert „Sturm“ (Buch: Martin Eigler und Sönke Lars Neuwöhner) über weite Strecken als ein Psycho-Duell zwischen Faber und Hövermann, der von Felix Vörtler glänzend dargestellt wird. Dabei hat der Zuschauer das Gefühl, die Handlung nahezu in Echtzeit zu verfolgen. Wirklichkeitsfremd scheint allerdings die Tatsache, dass alle vier Kommissare überwiegend im Alleingang unterwegs sind. (Weiterlesen: So war Richard Hubers Dresdner Tatort „Auf einen Schlag“.)

So auch Aylin Tezel als Nora Dalay und Stefan Konarske in der Rolle des Daniel Kossick. Für den Kommissar, der sich nach Düsseldorf verändern will und damit wieder mal den Zorn der Kollegen auf sich zieht, ist „Sturm“ übrigens der letzte Auftritt im Dortmunder Tatort. Hintergrund ist allerdings, dass Konarske seinen Lebensmittelpunkt längst nach Paris verlagert hat, wo er erfolgreich Theater spielt und vor der Kamera steht. (Weiterlesen: Deshalb steigt Stefan Konarske beim Tatort aus.)

Große Wunden

Huber erklärt die vielen Alleingänge der Kommissare im Info zum Film folgendermaßen: „Die Vier kommen nacheinander und einzeln am Tatort an, wo die Situation von Anfang an so brenzlig ist, dass das Team zunächst gar nicht dazu kommt, persönliche Konflikte auszutragen. Sie sind gezwungen, ihr Ego hintenanzustellen, um die Situation nicht noch mehr eskalieren zu lassen. Das Team wird durch den Fall faktisch auseinandergerissen, die Kommissare können sich aber bei aller Feindseligkeit und Verletztheit dennoch aufeinander verlassen, auch wenn der Fall noch große Wunden reißen wird…“ (Weiterlesen: So stark war der letzte Dortmunder Tatort.)

Mit diesem Thriller festigt Dortmund mühelos seinen Platz in der Spitzengruppe der Tatort-Teams. Man darf gespannt sein, wie es in der Dreier-Konstellation weitergeht. Der elfte Dortmunder Tatort ist jedenfalls schon abgedreht – in „Tollwut“ geht es um den rätselhaften Tod eines Häftlings. Bereits zum achten Mal stammte das Drehbuch aus der Feder von Jürgen Werner, dem Erfinder des Formats. (Hier gibt es ein ausführliches Interview mit Jürgen Werner, dem Erfinder des Dortmunder Tatorts.)

Tatort: Sturm - Das Erste, Ostermontag, 17. April, 20.15 Uhr

Wertung: 6 von 6 Sternen

Tatort und Polizeiruf 110 – Sendetermine der nächsten Erstausstrahlungen:

  • Sonntag, 23.4.: Tatort: Wehrlos (Wien)
  • Sonntag, 30.4.: Tatort: Der Tod ist unser ganzes Leben (München)
  • Sonntag, 7.5.: Polizeiruf 110: Nachtdienst (München)
  • Sonntag, 14.5.: Polizeiruf 110: Muttertag (Brandenburg/Polen)
  • Sonntag, 21.5.: Tatort: Die Liebe, ein seltsames Spiel (München)

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