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Schauspieler bringt Platte raus Tom Schilling: Am liebsten gegen den Strom


Er ist ein brillanter Schauspieler – und ein sehr ernsthafter Mensch. Das spiegelt sich auch in den Songtexten von Tom Schillings erster Platte „Vilnius“, die der 35-Jährige Ende nächster Woche auf den Markt bringt und für die Gerhard Richter das Cover lieferte. Bei Tee und Zigaretten unterhalten wir uns in Berlin über seine Jugend, seine Vorlieben für Nick Cave und Rammstein, über Malerei, Musik und Mainstream:

Herr Schilling, ich wusste, dass einer von uns beiden heute der besser angezogene Mann sein wird – und dass ich es nicht bin. Woher kommt Ihr Faible für Anzüge und Krawatten?

Angefangen hat es damit, dass ich mich abgrenzen wollte. Das war immer schon ein großes Thema für mich. Schon mit zehn, elf, zwölf Jahren ging es los, dass ich mich durch die Musik, die ich gehört habe, abgrenzen wollte. Mit 18 habe ich dann angefangen, Anzüge zu tragen, weil’s halt sonst niemand gemacht hat. Jugendliche laufen ja für gewöhnlich nicht in Anzügen rum. Aber die Musiker und Schriftsteller, die ich toll fand, haben alle Anzüge getragen. Mittlerweile sind Anzüge für mich zur Alltagskleidung geworden. Damit kann ich mich der Mode entziehen. Die Anzüge, die ich trage, sind klassische, zeitlose Kleidungsstücke, damit laufe ich nicht Gefahr, in der Mainstream-Mode zu verschwinden.

Sie haben mit 13 auch schon Nick Cave gehört, das ist ja nun wahrlich keine Teenie-Musik.

Stimmt, das fängt bei den meisten vielleicht mit 18 oder 20 an. Eine Freundin hatte damals Nick Caves „Your Funeral...My Trial“ von ihrem Onkel geschenkt bekommen, das ist so ziemlich die düsterste Platte, die er je aufgenommen hat. Das hat mich damals im positiven Sinne komplett aus der Bahn geworfen.

Sie haben mal gesagt, diese Platte hätte Ihnen die Unschuld der Kindheit genommen.

So fühlte sich das tatsächlich an. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich diese Platte gehört habe und dann nach Hause gelaufen bin und einen völlig anderen Blick auf die Welt hatte. Was genau das jetzt war, kann ich gar nicht sagen, aber ich war danach schwer verändert. Als hätte ich von einer verbotenen Frucht gekostet.

Woher kam dieser Antrieb, sich abzugrenzen?

Das könnte mein Psychotherapeut vielleicht besser analysieren (schmunzelt). Wenn ich jetzt hart mit mir ins Gericht gehe, müsste ich sagen, dass es einem Narzissmus entspringt, dem Wunsch, einzigartig zu sein. Ich fand es schon immer gut, gegen den Strom zu schwimmen, und hatte ein Problem mit dem Mainstream.

Wie haben Ihre Mitschüler, speziell die Mädchen, darauf reagiert, dass Sie sich abgegrenzt haben?

Für viele war ich wohl ein Freak, und ein paar fanden mich richtig interessant. So ist das heute immer noch: Viele finden mich merkwürdig und kauzig, aber andere fasziniert es, dass ich anders bin als die anderen.

Als Anzugträger bekommen Sie vermutlich jede Menge Werbeangebote aus der Modebranche, oder?

Ganz im Gegenteil, die gibt es überhaupt nicht. Mich hat zwar das Deutsche Modeinstitut mal als Krawattenmann des Jahres ausgezeichnet, aber Werbeverträge werden mir nicht angeboten. Ab und zu werde ich mal gefragt, ob ich nicht ein bestimmtes Kleidungsstück öffentlichkeitswirksam tragen kann, aber das lehne ich immer guten Gewissens mit dem Argument ab, dass ich mich selbst am besten anziehen kann.

Das Alter zwischen 10 und 14 war für Sie eine „magische Zeit“. Was hat Sie daran so fasziniert?

Das war eine Zeit der bewussten Ich-Werdung, in der man anfängt nachzudenken und sich in dieser Welt zu positionieren. Es war eine Zeit der großen Premieren, besonders auf der Gefühlsebene. Die erste große Liebe, die ersten großen Versuchungen, die ersten großen Grenzüberschreitungen, das war wirklich magisch.

Was für ein Junge waren Sie? Fröhlich oder ernsthaft, ehrgeizig oder faul?

Ich war wohl ein sehr verschlossenes, nachdenkliches, melancholisches Kind. Das sagen jedenfalls meine Eltern.

Und trotzdem sind Sie schon mit 14 zum Theater gegangen.

Das eine schließt das andere ja nicht wirklich aus. Es ist ja nicht so, dass jemand, der die größte Klappe hat und am liebsten große Runden unterhält, dann auch derjenige ist, der es wirklich kann, wenn’s drauf ankommt. Das sind meistens keine guten Schauspieler. Vielleicht gerade dadurch, dass ich so verschlossen war, hatte ich in mir auch den Gegenpol, dass ich mich zeigen wollte.

Es heißt, der Regisseur Thomas Heise habe Sie auf dem Schulhof entdeckt. Laufen die Theaterregisseure in Berlin auf Schulhöfen rum, um Nachwuchsdarsteller zu suchen?

Doch, es war offenbar tatsächlich so. Thomas Heise hat damals Kinder für ein Theaterstück am Berliner Ensemble gesucht. Und das war für mich nicht das erste Mal. Meinen ersten Film hatte ich ja schon mit sechs gemacht, da war jemand vom DEFA-Studio in den Kindergarten gekommen und hat auf mich gezeigt. Ich wurde quasi mehrfach entdeckt, dabei wollte ich eigentlich nie Schauspieler werden. Aber offenbar wollte es das Schicksal so und hat mich dazu gezwungen.

Sie wollten eigentlich Maler werden?

Ja, das war der einzige ernsthafte Berufswunsch, den ich in meiner Jugend hatte. Nachdem meine Kunstlehrerin gesagt hatte, dass ich zeichnerisches Talent habe und der Sache nachgehen sollte, bin ich mit zwölf in Museen gegangen, habe mir Bilder von Liebermann und Menzel angesehen, die Bilder aus den Katalogen abgemalt und in der Volkshochschule Malklassen besucht. Das habe ich neben der Schauspielerei gemacht und eigentlich gedacht, dass es später am ehesten darauf hinauslaufen würde. Irgendwann wurde dann aber die Schauspielerei so ernsthaft, dass sie meinen eigentlichen Berufswunsch überholt hat.

Sie waren auch schon ganz früh ein großer Rammstein-Fan, stimmt’s?

Ja, zu einer Zeit, als Rammstein zwar schon in Berlin eine große Band war, aber noch nicht deutschland- oder gar weltweit. In Berlin war Rammstein damals extrem subkulturig. Diese Musik hat keiner meiner wenigen engen Freunde, die ich damals hatte, verstanden.

Und Sie haben beim Rammstein-Konzert als 14-Jähriger in der ersten Reihe gestanden. Da muss man erst mal hinkommen.

Wenn man so jung und so klein ist, muss man früh kommen, um gut zu stehen, sonst landet man hinter irgendeinem Kleiderschrank. Mit 14 war ich höchstens 1,40 oder 1,50 Meter groß, also extrem klein.

Und heute?

1,70 Meter. Aber es war ein sehr schmerzhaftes Erlebnis in der ersten Reihe bei Rammstein.

Für die Ohren?

Nee, für den Brustkorb. Damals ging noch viel mehr Schweine-Pogo ab mit den großen Wellen nach vorne. Mir haben die Ordner angeboten, mich rauszuziehen, damit ich das Konzert von der Bühnengasse aus sehen kann, aber dafür war ich zu stolz, das wollte ich nicht.

Ist Tom Schilling eigentlich Ihr Künstlername?

Ich heiße wirklich Tom Schilling. Mein Name geht zurück auf einen Choreografen an der Komischen Oper, nach dem haben mich meine Eltern benannt. Und der Gag ist, dass mein Namensvetter und ich denselben Hausarzt haben. Manchmal werden wir verwechselt, dann gucken die in den Computer und sehen als Geburtsjahr 1928. Da kann’s dann schon mal das falsche Rezept geben.

Jetzt haben Sie Ihre erste Platte gemacht – und die klingt nicht gerade so, als wollten Sie in die Fußstapfen Ihrer Kollegen Grönemeyer oder Westernhagen treten.

Nee, das ist kein Stadionrock. Die Platte ist aus keinem Kalkül heraus entstanden, sie ist gewachsen, und ich habe sie oft infrage gestellt. Irgendwann bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass die Songs und die Konstellation, die ich mit der Band gefunden habe, so gut sind, dass sie meinem persönlichen Anspruch jetzt und auch noch in zehn Jahren genügen. Ich wollte etwas über mich erzählen, und ich wollte etwas alleinverantwortlich schaffen. Es ist ja keine Platte, die mir geschrieben wurde. Da gab’s kein Label, das gesagt hat: Schau mal, das sind die Songs, das ist der Produzent, und so sieht dein Cover aus. Du bist einfach „The Puppet“ und kommst in dieses Produkt rein, von dem wir schon wissen, wie es am besten zu verkaufen ist.

Sie waren ja vor fünf oder sechs Jahren schon mal kurz davor, eine Platte rauszubringen. Woran ist das damals gescheitert?

Es ist genau das passiert, was in meinen Augen nicht sein darf. Nämlich dass jemand von außen die Kontrolle übernimmt. Jetzt hat mir das Label eine viel größere Freiheit gegeben, und ich habe eine tolle Band gefunden, die mir vertraut und mich respektiert, obwohl ich kein Berufsmusiker bin und mir nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen.

Würden Sie sich selbst als Perfektionisten bezeichnen?

Unbedingt. Ich bin sehr perfektionistisch, ganz nah am Controlfreak. Ich würde meines Lebens nicht mehr froh werden, wenn es irgendwo im Artwork einen Rechtschreibfehler gäbe, das würde mich richtig heftig wurmen.

Perfektionismus geht ja meistens auch mit Selbstzweifeln einher. Bei Ihnen auch?

Total.

Sie haben vor ein paar Jahren mal gesagt „Jede Talkshow, jede Drehbuchbesprechung, jedes Casting sind für mich der Horror.“ Weil Sie Angst hatten, auf Fragen nicht eloquent, klug und cool genug zu antworten. Ist das immer noch so?

Eigentlich ist es immer noch so, nur dass ich damit heute besser umgehen kann und ich es mittlerweile nicht mehr so tragisch finde. Das geht ja auch mit einer sehr großen Sensibilität einher. Wenn ich bei einer Drehbuchbesprechung nicht aufgeregt wäre, würde es für mich auch bedeuten, dass ich es nicht so richtig ernst nehme. Die Aufregung versetzt mich in eine gewisse Grundspannung, die ich auch brauche.

Und in Talkshows?

In Talkshows fühle ich mich einfach unwohl, weil da tatsächliche Selbstdarsteller sitzen, die frei von der Leber weg eine Anekdote nach der anderen erzählen. Ich fühle mich dann unvollkommen und makelhaft, wenn mir das nicht so gelingt.

Würden Sie denn in eine Talkshow gehen, um Ihr Album zu promoten?

Ungern. Die Platte ist eine zarte Pflanze. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber in einer Talkshow sprechen möchte, ob das der richtige Rahmen wäre.

Wo im Plattenregal würden Sie Ihr Album einsortieren? Zwischen Nick Cave und Element of Crime?

Ich kann es gar nicht einsortieren, das müssen andere machen. Natürlich hört man, was meine Vorlieben und Einflüsse sind. Ich mag schwermütige Musik, und natürlich mag ich Element of Crime, weil Sven Regener ein fantastischer Texter ist. Ich mag auch die Texte und die Sprache von Till Lindemann, und Nick Cave habe ich rauf und runter gehört. Vielleicht spürt man das ja durch die getragenen Kompositionen und die vielen Sechsachtelstücke. Im Prinzip ist es eine reine Moll-Platte. Deshalb sind auch ganz viele Stücke, die wir aufgenommen haben, nicht auf der Platte – weil sie eben in Dur sind und irgendwie nicht so richtig auf das Album wollten.

Sie haben kürzlich die Goldene Kamera bekommen – würden Sie die eintauschen, wenn es für Ihr Album einen Echo gäbe?

Sofort (lacht).

Ihre Band heißt The Jazz Kids, obwohl sie gar keinen Jazz spielt.

Das finde ich gut. Verwirrung und Irritation finde ich per se nicht verkehrt. Wir stiften ja doppelte Verwirrung: Zum einen ist es kein Jazz, und es sind auch keine Kids. Das ist keine Kindermusik, sondern sehr abgründige und anstrengende Musik. Textlich und musikalisch. Der Name Jazz Kids rührt daher, dass der Schlagzeuger und der Pianist den Jazz Score für „Oh Boy“ komponiert hatten. Damals waren sie 23 oder 24, also unglaublich jung, Jazzstudenten und begnadete Musiker. Deshalb haben wir sie immer die Jazz Kids genannt.

Sie können Noten lesen, aber nicht vom Blatt spielen. Wie komponieren Sie denn Ihre Songs?

Auf der Gitarre und am Klavier, try and error. Meistens habe ich zuerst den Text, dann habe ich eine Melodie im Kopf und suche dazu die Akkorde. Wenn ich komponiere, spiele ich die Stücke ja über Tage rauf und runter, da muss ich mir dann nichts mehr merken.

Das Cover von „Vilnius“ ist ein Bild von Gerhard Richter – wie haben Sie den denn dazu gekriegt, das zur Verfügung zu stellen?

Ich habe ihm einen langen Brief geschrieben, woraufhin er sich zurückgemeldet hat. Wir haben dann telefoniert, und er hat mich gefragt, ob ich mir wirklich sicher bin, ob ich so ein düsteres Bild als Cover haben möchte. Ich habe ihm erklärt, warum genau dieses Bild das richtige ist. Für mich war immer schon klar, dass ich auf keinen Fall selbst auf dem Cover sein möchte. So ein Seestück finde ich viel persönlicher und erzählt mehr über mich als ein Foto von mir oder der Band. Es trifft meine Gefühlslage und die der Lieder viel besser.

Und es passt perfekt zu dem Song „Draußen am See“, der ein bisschen so klingt, als hätten Sie eine Frau im See versenkt.

Mir ging es bei vielen Stücken darum, eine Rätselhaftigkeit oder zumindest eine Doppeldeutigkeit zu erzeugen. Dazu gehört auch, dass man dieses Lied als Frauenmörder-Ballade deuten kann, aber nicht muss.

Es gibt gleich mehrere Songs, die von morbider, zerbrochener Liebe handeln. Hatten Sie es so schwer im Leben?

Ich hab’s weit leichter gehabt als viele andere. Es geht mir sehr gut, und man muss sich keine Sorgen um mich machen. Aber auch aus schauspielerischer Sicht interessiert mich der Autounfall mehr als das frisch polierte schöne Auto. Genauso gibt mir eine glückliche erfüllte Liebe nicht so viel wie das Gefühl von Sehnsucht.

Dabei sind Sie erst im Januar zum dritten Mal Vater geworden, das klingt doch eigentlich sehr nach glücklichem und erfülltem Liebes- und Familienleben.

Das ist auch richtig. Ich habe ein erfülltes Familienleben und bin glücklich verlobt. Und ich bin davon überzeugt, dass der Ursprung vielen Unglücks darin liegt, welche Verletzungen Kinder, diese unschuldigen reinen Wesen, erfahren haben. Es ist zwar illusorisch, aber wenn es uns gelingen würde, diese Kinder zu gesunden, aufrechten, geraden Menschen heranwachsen zu lassen, könnte uns das viel Spannungen und Unrecht auf der Welt ersparen.

Sind Sie eigentlich ein geübter Windelwechsler?

Ein sehr guter Windelwechsler sogar. Wobei es bei drei Kindern wirklich so ist, dass man sich aufteilen muss und ich zurzeit nicht so viele Windeln wechsle, sondern mich um die beiden älteren kümmere. Ab dem Moment, in dem die Kinder in der Überzahl sind, muss man wirklich mit seinen Kräften haushalten und sich die Arbeit gut aufteilen.

Tom Schilling

wird am 10. Februar 1982 als Sohn eines Kartografen-Ehepaars im damaligen Ost-Berlin geboren, wo er auch aufwächst. Schon als Kind schleppt ihn seine Mutter zu Film-Castings, als Sechsjähriger bekommt er seine erste Rolle. Mit zwölf entdeckt ihn der Theaterregisseur Thomas Heise für das Stück „Im Schlagschatten des Mondes“, die folgenden vier Jahre steht der Schüler des John-Lennon-Gymnasiums in verschiedenen Stücken auf der Bühne des Berliner Ensembles.

Nach dem Abitur will Schilling zunächst Kunst studieren und Maler werden, doch schon im Jahr 2000 gelingt ihm aber der Durchbruch als Schauspieler mit dem Film „Crazy“, für den er wie sein Freund und Kollege Robert Stadlober mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wird. 2006 erhält er ein Stipendium des renommierten „Lee Strasburg Theatre and Film Institute“ in New York und verbringt ein halbes Jahr in der US-Metropole. Es folgen etliche viel beachtete Auftritte, allen voran die Hauptrolle in Jan-Ole Gersters Tragikomödie „Oh Boy“ (2012) und im international erfolgreichen ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013). Im März 2017 wird er mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet und gibt im erstklassigen ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ als Romeo-Agent der DDR eine weitere Kostprobe seines Könnens.

Bei den Dreharbeiten zu „Oh Boy“ lernt Schilling den Schlagzeuger Philipp Schaeper und den Pianisten Christopher Calcao kennen, freundet sich mit ihnen an und gründet später seine Band „The Jazz Kids“, mit der er jetzt sein erstes Album „Vilnius“ veröffentlicht.

Tom Schilling ist seit Jahren leidenschaftlicher Tennisspieler und lebt zusammen mit seiner Verlobten, der Regie-Assistentin Annie Mosebach, im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Im Januar ist er zum dritten Mal Vater geworden.


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