Satire und einwandfreie Fakten Ein Tag hinter den Kulissen der Sendung Extra 3

Intensive Absprachen sind notwendig, bis eine Folge von „Extra 3“ steht, wie hier zwischen der Redakteurin Jasmin Wenkemann und dem Moderator Christian Ehring.Intensive Absprachen sind notwendig, bis eine Folge von „Extra 3“ steht, wie hier zwischen der Redakteurin Jasmin Wenkemann und dem Moderator Christian Ehring.

Hamburg. Seit 1976 produziert der NDR die Sendung Extra3. Ursprünglich gedacht als Auffangbecken für abseitige Themen, hat sie sich heute zum Satireformat entwickelt. Derzeit wird sie von dem Kabarettisten Christian Ehring moderiert. Der Anspruch: Satire auf der Basis einwandfreier Fakten.

Mittwoch, 18.15 Uhr: Zwei Stunden vor Beginn der Aufzeichnung beim NDR in Hamburg-Lokstedt laufen im Regieraum die Fäden zusammen – aber vor allem zahlreiche Stimmen. Auf den Monitoren ist zu sehen, wie Christian Ehring auf der Bühne seine nächste Moderation vor sich hinmurmelt. Hinter den Pulten spult Heinz Strunk leise seinen Text ab. Der Entertainer bereichert die Sendung als „Experte“ für verbrauchernahe Themen.

Regisseur Michael Valentin spricht mit der Aufnahmeleiterin Julia Krause, nachdem er sich mit erstaunlicher Zielsicherheit mithilfe irgendeiner der zahlreichen Knöpfe in ihren Kopfhörer geschaltet hat. Währenddessen sitzt Jasmin Wenkemann ratlos am Regiepult: „Wie kann ich mit Christian sprechen?“, fragt die Redakteurin Michael Valentin, der ihr fix weiterhilft.

Koordination von 52 Mitarbeitern

Die staunende Besucherin fragt sich: Wie soll aus diesem Durcheinander eine sekundengenaue Fernsehsendung entstehen? Für Jasmin Wenkemann ist das heute die Frage aller Fragen: Die junge Frau ist das erste Mal Sendeablaufredakteurin bei Extra 3. Sie hat dafür zu sorgen, dass Moderation und Auftritte, Einspieler, Diagramme und Bilder während der Aufzeichnung an der richtigen Stelle erscheinen. Sie sagt: „Ich bin aufgeregt.“ Anzumerken ist ihr das nicht. Nur eine enorme Konzentration gepaart mit unerschütterlicher Freundlichkeit und Humor. Den braucht man wohl, um 52 Beteiligte einer Sendung zu koordinieren.

Schon mittags geht es los mit dem Gewusel: 13 Uhr, Regiebesprechung im Büro von Andreas Lange. Der Redaktionsleiter hat in dieser Woche auch als Chef vom Dienst den Hut auf – im obliegen alle Aufgaben der Produktion, inklusive technischer und redaktioneller Korrektheit der Beiträge. Zu erkennen ist das an einem behüteten Pappschild mit seinem Namen auf der Pinnwand am Besprechungstisch. Dort sind die einzelnen Moderationen und Einspieler angepinnt. Die erste Reihenfolge bringen die zehn Anwesenden flugs in eine andere. Das geht so weiter, bis der Spannungsbogen stimmt und keiner der Darsteller in zwei Beiträgen zu sehen ist, die direkt nacheinander gezeigt werden.

Lange setzt auf Teamarbeit: „Jeder kann eine gute Idee haben“, sagt er, egal ob Volontär, Redakteur, Autor, Moderator oder Redaktionsleiter. Deshalb gibt es bei der Themenkonferenz montags ein festes Ritual: Ein Brainstorming zur Themenfindung, in dem zunächst nichts bewertet wird. Nach einer Pause wird schließlich geguckt, was gut und umsetzbar ist. Ähnlich ist das bei der Abnahme der Filmbeiträge für die Sendung. Laufend kommen Autoren mit einem Beitrag in Langes Büro. Weitere Redakteure und freie Autoren setzen sich dazu und überlegen, wie die Pointe noch besser rüber kommt.

Auffangbecken für abseitige Themen

Satire sei ein bisschen so, wie das verabreichen einer Medizin an eine Katze, meint Lange. Die erhalte sie über das Futter, damit sie es nicht mitbekommt. „So ist es in gewisser Weise auch mit Satire. Du verkaufst Infos in einem fluffig, süffisant, lustigen Umfeld“, sagt Lange. Besonders wichtig dabei sei, dass die Fakten stimmen.

Seit den 1990er Jahren hat sich „Extra 3“ vor allem durch den Moderator Hans-Jürgen Börner zu einem Satireformat entwickelt. Entwickelt wurde die Sendung 1976 von Dieter Kronzucker als Auffangbecken für abseitige Themen. Seither wurde sie mit wechselnden Moderatoren – darunter Peter Merseburger, Jörg Thadeusz und Tobias Schlegl – im NDR auf wechselnden Sendeplätzen gezeigt. Seit 2011 ist „Extra 3“ moderiert von Christian Ehring Mittwochsabends zu sehen und seit 2014 ein Mal monatlich am Donnerstagabend in der ARD. Einmal im Monat ist mittwochs im NDR zudem das Format „extra 3 Spezial – Der reale Irrsinn XXL“ zu sehen.

Einmal wöchentlich wird also das politische Geschehen satirisch beleuchtet – anhand der geschliffenen Moderationen Ehrings und mit festen Rubriken wie „Abgehakt“ und „Der reale Irrsinn“. Zudem tauchen immer wieder die gleichen Figuren auf, wie Heinz Strunk als „Experte“, Torsten Sträter als „Vize-Ersatz-Pressesprecher“ oder Janin Ullmann, die mit seltsamen Fakten überrascht. Außerdem bestückt die Redaktion den Facebook-Auftritt und setzt Tweets ab.

Am Tag der Sendung stehen irgendwann Moderation und Ablauf. Regisseur Michael Valentin fragt: „Finden wir den gut, den Schluss?“ und nach einem allgemeinen Nicken geht es weiter: Heinz Strunk probt seinen Beitrag im Studio.

Inzwischen sammeln sich im Foyer die Gäste, die die 134 Plätze im Studio während der Aufzeichnung einnehmen werden. Bei einem Glas Sekt warten sie darauf, dass es losgeht. Um 20.30 Uhr ist es dann soweit: Die Aufzeichnung beginnt.


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