Von „Filterblasen“ und „Echokammern“ Wissenschaftler: Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern

Tilmann P. Gangloff

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Soziale Medien haben bei manchen Menschen journalistische Medien als Informationsquelle abgelöst. Foto: imago/Eibner EuropaSoziale Medien haben bei manchen Menschen journalistische Medien als Informationsquelle abgelöst. Foto: imago/Eibner Europa

Osnabrück. Welche Folgen es hat, wenn Menschen ihr Informationsbedürfnis nur noch mit Hilfe von Suchmaschinen und sozialen Medien stillen, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger in seinem aktuellen Buch.

Die Kluft scheint unüberbrückbar: hier die Wutbürger, dort die sogenannten Eliten aus Wirtschaft, Politik und Medien. Eine gewisse Diskrepanz hat es schon immer gegeben, aber nie waren die beiden Seiten so unversöhnlich.

Diese Entwicklung hat mehrere Gründe. Viele Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg oder kommen schlicht mit dem immer rasanteren Wandel der Welt nicht zurecht. Eine ganz wesentliche Ursache ist laut Wolfgang Schweiger jedoch das Internet. Der Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Stuttgarter Universität Hohenheim hat eine ebenso lapidare wie plausible Begründung für seine These. In der Einleitung zu seinem außerordentlich profunden Buch über „(Des)informierte Bürger im Netz“ schreibt er: „Wenn Bürger irrational agieren und gegen ihre eigenen Interessen wählen, müssen sie schlicht unzureichend oder falsch informiert sein.“ Er weiß auch, warum das so ist: „Eine zunehmende Zahl von Menschen hat heute nur noch sporadischen Kontakt mit journalistischen Nachrichten oder lehnt sie gar kategorisch ab.“ Das ist das bizarre Paradoxon des Informations- und Kommunikationszeitalters: Noch nie hatten die Menschen Zugang zu soviel Information wie heute, noch nie waren sie in Relation zu diesem Potenzial derart schlecht informiert.

Alternative Medien

Schweiger bevorzugt allerdings die Bezeichnung „desinformiert“, denn an die Stelle etablierter Qualitätsmedien wie Tages- und Wochenzeitungen, Nachrichtenmagazinen sowie ARD und ZDF sind nun alternative Medien getreten. Sie sind die Urheber der vielen kursierenden „gefühlten Wahrheiten, Hassbotschaften, Fälschungen und Gerüchten“. Weil alle Treffer in den Ergebnislisten von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken wie Facebook gleichberechtigt nebeneinander stehen, falle es vielen Menschen „sehr schwer zu differenzieren, ob eine Information aus einer verlässlichen journalistischen Quelle stammt oder ob sie von obskuren Verschwörungstheoretikern in die Welt gesetzt worden ist.“

Besonders gefährdet für „Desinformation“ ist nach Schweigers Ansicht die „politische Bildungsmitte“, seiner Schätzung nach immerhin elf Millionen Menschen: Viele Mediennutzer brächten weder die politische Kompetenz noch die Medienkompetenz mit, die nötig seien, um die Fülle und Vielfalt an Informationen, die das Internet biete, wirklich beurteilen zu können. Sie seien überfordert, wenn es darum gehe, ‚Fake News‘ zu erkennen und komplexe Sachverhalte richtig einzuschätzen.

In diesem Zusammenhang spielen „Filterblasen“ und „Echokammern“ eine wichtige Rolle. Jeder Mensch neigt laut Schweiger dazu, „Medieninhalte zu bevorzugen, die seinen Einstellungen und Interessen entsprechen. Die Algorithmen in den Suchmaschinen und sozialen Netzwerken sind so gestrickt, dass sie dies berücksichtigen und verstärken.“ Wer bei Facebook bei einer bestimmten alternativen Nachrichtenseite „gefällt mir“ angeklickt habe, dem würden die entsprechenden Informationen immer wieder angezeigt, „und je öfter man dies bei bestimmten Seiten tut, desto enger wird der Kosmos; so entsteht eine Filterblase.“

Absurde Behauptungen

Das sei auch der Grund dafür, warum die Nutzer selbst die absurdesten Behauptungen glauben: „Zum einen handelt es sich oft um Halbwahrheiten, die an tatsächliche Ereignisse oder Statistiken anknüpfen, die dann verdreht oder missverständlich dargestellt werden. Zum anderen denken die Nutzer überhaupt nicht darüber nach, ob das alles stimmt, solange die Mitteilungen ihrer politischen Meinung entsprechen. Der Absender ist ja ein Facebook-‚Freund‘, der die weitergeleitete Nachricht mit einem entsprechenden Kommentar versehen hat.

Das Phänomen der „Echokammer“ sei die direkte Konsequenz daraus: Irgendwann tauschten sich die Menschen nur noch mit Facebook-Nutzern aus, „die ähnlich denken wie sie. Das führt dazu, dass sie ihre Meinung immer drastischer äußern, auch weil sie sich damit vor den anderen profilieren können.“

Auf diese Weise schaukelten sich die Mitglieder der Echokammer gegenseitig hoch. „Die Hasskommentare werden immer krasser, wie sich bei vielen rechtsalternativen Medien beobachten lässt.“ Die Wahl Donald Trumps und die seit einigen Jahren in Amerika zu beobachtende Polarisierung der Bevölkerung ist nach Schweigers Überzeugung ein klarer Beleg für seine Thesen. Auch wenn sich die dortige Medienlandschaft nicht mit der hiesigen vergleichen lasse, weil Anzahl und Nutzung von Qualitätsmedien hierzulande viel höher seien,, fürchtet er trotzdem, dass sich auch bei uns „amerikanische Verhältnisse“ entwickeln könnten. Damit es gar nicht erst so weit komme, setzt der Kommunikationswissenschaftler mit dem Fachgebiet Medienwandel und Social Media seine Hoffnungen nicht zuletzt in die Tageszeitungen: „Es ist ihre zentrale Funktion, relevante politische Sachverhalte auszuwählen und verständlich darzustellen.“ Die Journalisten sollten ihren Lesern vor allem einen Überblick darüber verschafften, welche Themen wirklich relevant seien. Er erläutert dies am Beispiel Flüchtlingsdebatte: „Die meisten Menschen haben keinerlei Kontakt zu Flüchtlingen, von Problemen ganz zu schweigen. In den sozialen Netzwerken spielt dieses Thema aber eine enorme Rolle.“ Er räumt allerdings auch ein, dass sich die Journalisten in einer schwierigen Position befänden: Einerseits sollten sie verdeutlichen, dass die Hitzigkeit der Debatte im Vergleich zur tatsächlichen Bedeutung der Flüchtlingsproblematik völlig unangemessen sei; andererseits bezweifelten viele Nutzer, „dass die Medien die Flüchtlingsdebatte ausreichend thematisieren.“ Umso wichtiger sei es, auch die Komplexität politischer Prozesse darzustellen: „Vor allem ‚Bild‘ vermittelt vielen Menschen das Gefühl, die Politiker würden ihre Bedürfnisse ignorieren und der Staat sei der Gegner der Bürger. Das ist totaler Unsinn. Es sollte viel deutlicher zum Ausdruck kommen, dass es zu jedem Thema unzählige einander widersprechende Positionen gibt und Politik oft das Resultat zäh ausgehandelter Kompromisse ist.“

Schweiger, Wolfgang: „Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern“. Wiesbaden 2017, Springer, 230 Seiten.


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